Vorweg: Es tut mir sehr leid, was dir passiert ist. Und ich sage das nicht als Floskel. Was du beschreibst, ist schwere, wiederholte sexualisierte Gewalt in der Kindheit/Jugend. Dass dein System jetzt komplett überflutet ist, ist leider nicht „komisch“, sondern typisch, wenn Trauma plötzlich nicht mehr weggedrückt werden kann. Du bist nicht schwach. Du bist gerade in einer akuten Krise.
Zu dem, was du gerade erlebst:
Das klingt nach einer Mischung aus Flashbacks/Intrusionen, massiver innerer Anspannung, Überforderung und Erschöpfung. Wenn du schreibst, du kannst kaum klar denken, schaffst Organisatorisches nicht, Körperpflege wird schwierig, alles ist anstrengend – das ist ein sehr deutliches Zeichen: Dein Alltag bricht gerade zusammen. Und das ist genau der Punkt, wo „ambulant irgendwie durchziehen“ oft nicht mehr realistisch ist.
Zum Thema Einweisung / Klinik:
Ganz nüchtern: Ja, ich halte es für sinnvoll, dass du dich ernsthaft mit einer (teil-)stationären Aufnahme beschäftigst. Nicht als Strafe und nicht, weil du „gefährlich“ bist, sondern weil du Stabilisierung brauchst. Eine Klinik ist dafür da, wenn jemand gerade nicht mehr funktional ist. Und du beschreibst genau das.
Ich würde es so sehen:
Du hast ein kleines Kind – und gerade deshalb ist Stabilisierung kein Luxus, sondern Verantwortung. Wenn du jetzt zusammenklappst, hilft das deinem Kind nicht. Wenn dein Mann/Papa das Kind verlässlich versorgen kann, dann ist das ein riesiger Vorteil. Vermissen wirst du dein Kind natürlich. Aber ein paar Wochen Stabilisierung, damit du wieder klarer wirst, sind oft besser als monatelang „da“ zu sein und innerlich gar nicht verfügbar.
Außerdem: In einer Klinik kann man Dinge ordnen, die ambulant mit Terminen alle 3–4 Wochen kaum zu schaffen sind:
- Diagnostik und klare Einschätzung (PTBS ja/nein, welche Form, welche Prioritäten)
- Medikation überprüfen, ggf. anpassen (vor allem bei Manie/Borderline/Angst)
- Krisenintervention, Skills, Struktur, Schlaf, Tagesrhythmus
- und ganz wichtig: Anschlussplanung (Therapeutensuche, Traumaambulanz, Tagesklinik etc.)
Das heißt nicht, dass eine Klinik perfekt ist. Aber sie kann dich aus diesem akuten „Durch-den-Wind“-Zustand erstmal wieder auf den Boden holen.
Teil- oder vollstationär?
Wenn du sagst, du willst dein Kind nicht komplett verlassen, wäre eine Tagesklinik (morgens hin, nachmittags nach Hause) oft ein guter Kompromiss – falls es in deiner Region sowas gibt und du es organisatorisch hinbekommst. Wenn du aber wirklich gerade kaum funktionierst und alles dich überfordert, ist vollstationär manchmal der schnellere, sicherere Schritt.
Zum Thema „Wer nimmt mich mit so vielen Baustellen?“
Das ist eine ganz typische Angst – und ja, Trauma + Borderline + Manie + ADS ist komplex. Aber genau dafür gibt es spezialisierte Angebote. Was oft nicht gut funktioniert, ist „irgendeine“ allgemeine Gesprächstherapie ohne Trauma-Kompetenz. Was du brauchst, ist jemand, der Stabilisierung und Traumatherapie wirklich kann und der dich nicht einfach „aufmacht“ und dann alleine lässt.
Und falls du Angst hast, dass du „zu viel“ bist: Du bist nicht zu viel. Du bist gerade zu schwer belastet für ein System, das dich ambulant nur alle paar Wochen sieht. Das ist ein Organisationsproblem des Systems, kein „Charakterproblem“ von dir.
Zum Thema Gras / Kiffen:
Ich schreibe dir das direkt, ohne Moral: In deiner Konstellation ist Cannabis sehr wahrscheinlich ein Destabilisierer. Gerade bei:
- Angstzuständen
- PTBS/Flashbacks
- Borderline (Dissoziation/Impulsivität)
- Manie-Neigung
kann es mittel- und langfristig vieles verschlimmern oder zumindest unberechenbar machen.
Dass es dir jetzt schlechter geht, seit du reduziert hast, ist leider nicht überraschend. Du hast dir jahrelang ein Betäubungs-/Regulationsmittel gebaut. Wenn das wegfällt, spürst du alles stärker. Das heißt nicht, dass das Gras „die Lösung“ war – es heißt eher, dass es Symptome überdeckt hat und jetzt die Realität durchschlägt.
Dein Psychiater hat außerdem einen sachlichen Punkt: Wenn du konsumierst, ist die Wirkung deiner Medikamente schwer einzuschätzen. Und bei Manie ist „wir wissen nicht genau, was was macht“ wirklich riskant.
Wenn du in eine Klinik gehst, dann würde ich da das Thema Konsum ganz offen ansprechen. Nicht, um Ärger zu kriegen, sondern damit sie dich vernünftig begleiten können: Schlaf, Unruhe, Angst, Entzugssymptome, Cravings – das gehört zur Stabilisierung dazu.
Zum Thema „Escitalopram seit 16“ + Manie:
Wichtig: Wenn du echte manische Episoden hast/hattest, ist es extrem wichtig, dass Fachleute das sauber einordnen und medikamentös passend behandeln. Manche Antidepressiva können bei entsprechender Veranlagung manische/hochgefahrene Zustände triggern oder verstärken. Ich sage nicht, dass das bei dir so ist – aber es ist ein Grund mehr, warum eine engmaschige ärztliche Überprüfung Sinn macht, statt alle 3–4 Wochen kurz „wie geht’s“.
Was du jetzt konkret tun könntest (ohne ewig zu warten):
- Wenn du dich gerade wirklich instabil fühlst: Geh in die psychiatrische Notaufnahme oder ruf den ärztlichen Bereitschaftsdienst an (116117 in Deutschland), und sag klar:
- Flashbacks/Überflutung
- Alltagszusammenbruch
- Angstzustände/Burnout
- Kind ist versorgt
- du brauchst Stabilisierung und zeitnahe Hilfe
- Wenn du noch etwas „zwischen“ brauchst: Frag gezielt nach Tagesklinik / Krisenintervention / Traumaambulanz. Viele Kliniken haben auch eine Akutsprechstunde.
- Bitte deinen Mann, dich aktiv zu unterstützen (nicht nur „such dir jemanden“), sondern konkret
- mit dir hinfahren
- telefonieren helfen
- Anträge/Unterlagen sortieren
Weil du gerade nicht in der Lage bist, das allein zu stemmen.
Und noch etwas, das ich wichtig finde:
Du musst jetzt nicht sofort alles aufarbeiten. Gerade bei Trauma ist „zu schnell zu tief“ gefährlich. Zuerst Stabilisierung. Erst wenn du wieder Boden unter den Füßen hast, kommt die eigentliche Traumatherapie. Das ist keine Vermeidung, das ist sinnvolle Reihenfolge.
Ich weiß, du hast geschrieben, du willst ehrliche Ratschläge und keine Gemeinheiten.
Das hier ist mein ehrlicher Rat:
Wenn du schon ernsthaft über Einweisung nachdenkst, dann ist das meistens der Punkt, an dem man sie auch wirklich braucht.
Nicht warten, bis gar nichts mehr geht.
Ich wünsche dir sehr, dass du dir
jetzt Hilfe holst, die dich wirklich trägt – nicht nur „Termin in vier Wochen“.