Hallo Sisandra,
das ist wirklich ein sehr schwieriges Thema!
Hat doch unsere Gesellschaft bei nahezu
Jedem, der je in seinem Leben
professionelle psychologische/psychiatrische Hilfe in Anspruch nahm, bis Heute große
Vorbehalte ("Klapse" "Verrückt"...)
- so sind diese, meiner Erfahrung nach, bei Schizophrenen noch vieeeeel größer - zumal es hier leider relativ häufig ungünstige Verläufe (Psychosen/Psychotiker) gibt.
Die Betroffenen fallen in der Öffentlichkeit (am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, an öffentlichen Orten & Plätzen) schnell auf - was bei Depressiven/Angstpatienten
eher nicht der Fall ist.
(Vor impulsiver Unberechenbarkeit haben die Menschen natürlich oft Angst...)
Auch wenn mit betroffenen Patienten ständig und oft sehr mühsam daran gearbeitet wird, dieses als reines gesellschaftliches Problem zu sehen - ist es für die Patienten ein großes Problem, denn sie merken die "komischen" Reaktionen natürlich!
Die Betroffenen selbst sind sich meistens ihrer Verantwortung bewusst.
Indem sie sich professionelle Hilfe holen, übernehmen sie die Verantwortung für sich selbst und für ihre Krankheit.
(Leider gibt es auch akute Patienten, die die Verantwortung für sich und für andere nicht tragen können und zwangseingewiesen werden müssen, um sie zu schützen und ihnen helfen zu können.)
Die
Leute, welche psych. Erkrankte und die Psychiatrie lächerlich machen, haben ein großes Problem damit....meistens, weil sie selbst gar nicht wissen, was Ihnen selbst u.U. schon Morgen passieren kann...so ist das!
Die Angst davor und die Angst vor akut psychotischen Menschen scheint wirklich so groß zu sein, dass nahezu
ALLES, was mit dem Thema
Psychiatrische Erkrankungen zu tun hat, ins Lächerliche gezogen wird - in den allermeisten Fällen ist das pure Hilflosigkeit!
Noch dazu geistert in den Köpfen der Menschen eine völlig falsche Vorstellung von der Psychiatrie herum...sie denken an Gebäude aus der Jahrhundertwende 1899/1900
und denken, dass dort alle Türen fest verschlossen sind und die "Irren" sediert wie Zombies
herumlaufen - eingekerkert ihr Leben lang!
😱😱
Damit aufzuräumen ist unsagbar schwer...
Jeder entlassene Patient kann da auf sein Umfeld einwirken und Aufklärungsarbeit leisten - auch Besucher der stationären Patienten lernen die heutige Psychiatrie kennen - und können sich so ein eigenes richtiges Bild von der Unterbringung der Patienten - und von der Arbeit des Teams - machen.
Die Schizophrenie ist zu all dem nochmal eine Steigerung - leider!🙁
Die Schizophrenie ist für den Laien sehr schwer einzuschätzen, denn es gibt 4-6 Unterformen, von der
"Paranoiden Schizophrenie" bis zur Schizophrenia simplex" - wer soll das unterscheiden und einschätzen können?? (Unwissenheit macht zudem Angst!)
Dann gibt es mindesten 10 verschiedene
Verlaufsformen - entsprechend schwierig ist schon die Zuordnung der Krankheit nach ICD10.
Kein Wunder, dass bei dieser Krankheit - übrigens eine der am intensivsten erforschten psychiatrischen Krankheit - der Umgang besonders schwierig ist!
Wichtig zu wissen finde ich dieses:
Die Schizophrenie ist mit einer
hohen Suizid-Rate (10%) belegt.
Dies sollte man bei der Therapie-Gestaltung und der Festlegung der Erwartungshorizonte immer im Bewusstsein haben.
Aber:
Je akuter und dramatischer der Beginn der Symptomatik und je klarer der situative Auslöser, umso besser ist im allgemeinen die Prognose!
Durch die moderne Behandlung gibt es heute wesentlich bessere Verläufe als früher:
- Kaum noch tödl. Verläufe
- Der Grossteil der Patienten ist wieder in die Gesellschaft integrierbar und ohne dauerhafte Unterbringung
- Allerdings bleiben 50% ungünstiger Verläufe mit Rezidiven und Residualsymptomatik und erheblichen Störungen der sozialen Integration!
Quelle. Psychiatriegespräch - eine gute Seite!
Ganz ehrlich Sisandran, als KS auf einer Akutpsychiatrie habe ich von allen Krankheitsbildern
vor der Schzophrenie den größten "Respekt".
Gleichwohl ich sehr viele nette und sehr sympathische Betroffene kennengelernt haben, welche aber z.B. in einer akuten Psychose nicht wieder zu erkennen waren/sind.
Genau das ist wohl das wirklich schwierige an der Krankheit!
Ich wünsche mir für uns alle, dass der Umgang mit den Betroffenen ein anderer wird...andere Schwerkranke haben unser vollstes und aufrichtiges Mitgefühl...oft frage ich mich, warum dieses nur allzu oft bei psych. Kranken - insbesondere auch bei Schizophrenen - anders ist!
Es ist schön zu lesen, dass Du Dich mit der Krankheit so intensiv auseinander setzt.
Für Deinen betroffenen Angehörigen alles erdenklich Gute!!
Liebe Grüße
Aloha