Es ist ein schwieriges Thema.
Bevor meine Mutter starb (da war ich 5) hatte ich die Scheidung meiner Eltern in voller Breitseite miterlebt. Ich muß so 3 oder 4 gewesen sein, jedenfalls ist das eine meiner ersten Erinnerungen überhaupt, da war ich Zeugin, wie mein geliebter Papa, dessen kleine Prinzessin ich gewesen war, groß und mit riesigen Fäusten und laut brüllend meine Mutter zusammendrosch, bis sie als blutige Masse an der Küchenwand in sich zusammenfiel. Grund war ich - ich hatte gezappelt, als ich auf ihrem Schoß saß, war runtergefallen und hatte geweint.
Ich erinnere meinen Vater als groß, als stark, als einen, auf den ich jubelnd zurennen konnte und der mich auffing und in die Luft hochwirbelte. Ich erinnere, auf seinen Armen zu sitzen, so weit oben, und der Ausblick von dort in die Welt war weit und sicher. Und ich erinnere, wie er seine kleine Prinzessin weinend fragt: "Gell, du magst mich doch lieber als die Mama, gell, du wirst bei mir bleiben?"
Auch Mama fragte, auch sie wollte von mir lieber gemocht werden als der Papa. Ich erinnere mich und ich friere heute noch und fühle mich dann gezerrt.
Was wäre besser gewesen? Die Scheidung war furchtbar. Zu sehen, wie Papa die Mama totschlägt - denn sie war für mich tot, obwohl sie irgendwann wieder am Leben war, ich konnte das nicht einordnen. Meine erste Dissoziation, ich bin auseinandergebrochen. Hätten sie zusammenbleiben sollen? Hätten sie sich trennen dürfen? Als Mama dann richtig starb und ich sie fand - sie war schwarz angelaufen und stöhnte und konnte nicht sprechen: da war kein Papa da. Später, als sie in einer Kiste abtransportiert wurde, da war er da, er war derjenige, der uns aus dem Zimmer, in das man uns gesperrt hatte, wieder herausholte. Um uns dann wegzugeben. Um mich dann tränenreich zu besuchen mit dem Versprechen, mich zu sich zu holen. Er kam nie wieder. Ich bin danach noch oft zerbrochen.
Mit 7 Jahren wußte ich, daß ich nicht heiraten würde, weil Männer ihre Frauen totschlagen. Erst mit Ende 30 habe ich angefangen, heterosexuelle Männer als potentiell nicht gefährlich wahrzunehmen.
Wie soll man diskutieren, aus Erwachsenensicht diskutieren, was für Kinder besser ist?
Ich habe viele Scheidungen miterlebt, manche hautnah. Bis auf eine einzige Ausnahme - eine Trennung von einem Paar, das das bei der Mutter verbleibende Kind gleichermaßen liebte und auch nach der Trennung mit Wertschätzung voneinander sprach - habe ich nur erlebt, daß Kinder als Trennungsobjekte instrumentalisiert werden. Dieses eine, sich in Ruhe trennende Paar hat eine Tochter aufgezogen, die heute intakt und glücklich ist. Obwohl sie die Trennung miterlebt hat, obwohl sie ein "Papakind" war, das überwiegend bei der Mutter lebte, obwohl sie als 7-jährige von einem Freund der Familie mißbraucht worden ist. Sie wußte beide Eltern unbedingt und ohne Zaudern zu jeder Zeit bei sich.
Was aus den anderen Scheidungskindern geworden ist, weiß ich nicht (bis auf eine Ausnahme: der Junge hat irgendwann Partei ergriffen - Partei ergreifen müssen. Er verachtet seine Mutter).
Mein Beispiel ist sicher ein Extremfall. Ich glaube nicht, daß Trennung in jedem Fall gut ist. Aber ich weiß, daß Kinder Schwingungen innerhalb eines Beziehungsgefüges in einer Weise wahrnehmen, die wir als Erwachsene weitgehend verloren haben. Und sie neigen dazu, Spannungen zwischen den Eltern auf sich selbst zu beziehen.
Und ich frage mich, ob es wirklich gut sein kann, wenn Eltern lernen sollen, toleranter gegenüber den Macken des Partners zu werden, um die Kinder damit nicht zu belasten, ob sie dann überhaupt eine Trennung in Erwägung ziehen würden. Ich glaube, daß das eigentliche Problem, das Kinder haben, nicht in Trennung oder Nichttrennung liegt, sondern darin, daß Eltern zu oft nicht in der Lage sind, eigene Interessen zugunsten ihrer Kinder zurückzustellen.
Mich macht das Thema ehrlich gesagt hilflos.