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Nietzsches "Der letzte Mensch"

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Für mich ist das die Langfassung von "Wer beginnt etwas zu sein hört auf etwas zu werden".
In seinem beschriebenen Bild wenn man nichts mehr hat woran man noch wachsen kann. Überspitzt gesagt: Konflikt ist Fortschritt, Krisen sind Chancen.

Bemerkenswert finde ich den Teil wo die Menge seiner als dystopisch gedachten Beschreibung zujubelt und dies für eine erstrebenswerte Utopie hält, in die er sie führen möge. Hin zum perfekten Menschen, der alles überwunden hat und selbst um sich zu grämen zu träge ist. Ich interpretiere das als Acedia die 7. Todsünde, Trägheit des Herzens.

Aber er würde ja nicht davor warnen wenn er nicht den Eindruck hätte dass die Reise genau dahin geht. Man solle sich vorher rechtzeitig ein anderes Ziel setzen, denn wenn man erst einmal dort angekommen ist sei es zu spät. Die Menschheit wäre quasi jetzt noch in der Lage sich ein höheres Ziel zu setzen als die ultimative Trägheit und könne mehr aus sich machen.

Ich lese ebenfalls auch eine Warnung vor der Gleichmacherei des Sozialismus bzw. Kommunismus heraus. Eben eine Ideologie, welche auf Ergebnisgleichheit abzielt (z.B. Quoten) und verspricht durch die Beseitigung jeglicher Ungleichheit und der Erschaffung des neuen Menschen alle Konflikte für immer zu überwinden.
Für den einen klingt das verlockend, für den anderen wäre es der Alptraum.

Ich bin allerdings ziemlich "zuversichtlich" dass es auch in Zukunft noch reichlich Konflikte und Krisen geben wird.
 
A

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Re: Nietzsches "Der letzte Mensch"
Auch Nietzsche muß man aus dem Kontext und den Umständen seiner eigenen Zeit lesen, das mit dem "Blinzeln" ist ein gutes Beispiel dafür.
Zu seiner Zeit war es wohl noch nicht üblich, die Altvorderen ungehemmt zu kritisieren, man mußte das "vertraulich" machen, quasi unter vier Augen.
Heute dagegen würde keiner mehr bei solchen Aussagen blinzeln oder sich sonstwie genieren, für uns Heutige ist es ganz selbstverständlich, daß wir "selbstverständlich" viel gebildeter und wissender sind als die abergläubischen armen Wichte vor 100 oder 500 oder 1000 Jahren.
Man merkt, wie sich die Zeiten, und die Einstellungen, ändern.
 
Ich lese ebenfalls auch eine Warnung vor der Gleichmacherei des Sozialismus bzw. Kommunismus heraus. Eben eine Ideologie, welche auf Ergebnisgleichheit abzielt (z.B. Quoten) und verspricht durch die Beseitigung jeglicher Ungleichheit und der Erschaffung des neuen Menschen alle Konflikte für immer zu überwinden.
Für den einen klingt das verlockend, für den anderen wäre es der Alptraum.

Guter Hinweis, zu Nietzsches Zeit kam ja gerade der Kommunismus auf, mit Marx und Engels. Nietzsche dachte da offenbar schon weiter, bis ans nicht so erfreuliche Ende.
 
Als Nietzsche starb (1899~1900), aber schon vorher, herrschte aber - v. a. in technischer Sicht - Pionierstimmung. Gerade das Dt Reich war technisch, ökonomisch und wissenschaftlich voll dabei. Deutschland brummte geradezu. Auf dem Gebiet der Wissenschaft hatte das Kaiserreich damals gar mehr Gewicht in der Welt als heute die BRD.
Auch waren die Menschen damals recht gründungsfreudig. Viele Unternehmen entstanden.

Als Kontrast dazu stand die gesellschaftliche ‚Entwicklung‘, die man nur als Stagnation beschreiben kann: Militarismus, Nationalismus etc.
 
Ganz recht, roman12. Das sind alles Dinge, die man im Hinterkopf behalten muß, wenn man Nietzsches Werke konsumiert. Man muß ihn aus seiner eigenen Zeit heraus betrachten können, nicht aus unserer. Und dann erst kann man vergleichen zwischen damals und heute.
 
Erhellend könnte vielleicht sein, was Richard David Precht in seinem kürzlich erschienenen dritten Band seiner Philosophiegeschichte sagt. Er befasst sich auf wenigen Seiten mit Nietzsches Zarathustra.

Nietzsche kommt angeregt durch den Ersten Hauptsatz der Thermodynamik zum Schluss, dass nichts Neues in der Welt entsteht: die ewige "Wiederkunft des Gleichen".

Aus dieser Erkenntnis entwickelt sich dann ein Mensch ohne Mitleid. Gefühlskalt, moralfern. Es gibt keine sicheren Erkenntnisse, keine Religion, keinen Trost. Man soll hart gegen sich sein. Das ist der neue Übermensch.

Wir kennen die Folgen in der Rezeption des Nationalsozialismus. Der "Übermensch" steht einer wertlosen Masse gegenüber ...
Auch Nietzsche hat sich zur "Auslese" und zur "Eugenik" bekannt. Ekelhafte Zitate Nietzsches in diesem Zusammenhang erspare ich mir.

Liest man Dein Zitat vor diesem Hintergrund, so könnte einiges klarer werden.

Ich kann Nietzsches Logik ein wenig folgen, jedoch halte ich seine Schlussfolgerung für falsch.

Übrigens kann ich Richard David Precht sehr empfehlen. Er behandelt auch eingängigere Themen wie zB in seinem Buch "Liebe: Ein unordentliches Gefühl".
 
Nietzsche kommt angeregt durch den Ersten Hauptsatz der Thermodynamik zum Schluss, dass nichts Neues in der Welt entsteht: die ewige "Wiederkunft des Gleichen".

Aus dieser Erkenntnis entwickelt sich dann ein Mensch ohne Mitleid. Gefühlskalt, moralfern. Es gibt keine sicheren Erkenntnisse, keine Religion, keinen Trost. Man soll hart gegen sich sein. Das ist der neue Übermensch.

Gerade in seiner Zeit, in der in den Wissenschaften (...und was wir heute Pseudowissenschaften nennen) totale Aufbruchsstimmung herrschte, hätte er es eigentlich besser wissen müssen als mit der "Wiederkunft des Gleichen". Lediglich gesellschaftlich steckte seine Welt damals noch in den alten Stiefeln von Militarismus, Autoritätsgläubigkeit, Religion und so weiter,

aber der "Mensch ohne Mitleid" ist in Wahrheit ein Versuch, sich psychisch vor Lebensdemütigungen aller Art zu schützen, indem man sich selbst abstumpft, einfach keine Gefühle (in erster Linie natürlich negativer Art wie Hass, Furcht, Demütigung, Depression etc.) mehr zuzulassen.
Das erinnert mich stark an einen Teilnehmer in einem Forum (weiß nicht mehr ob hier oder woanders), der alle Menschen am liebsten in vorprogrammierte, gefühlslose Roboter verwandelt hätte, sich selbst als allerersten.
In jedem Forum, wo Diskussionen um persönliche Befindlichkeiten auftreten, wird man irgendwann solche Leute finden, die meinen, gar keine Gefühle zu haben wäre allemal besser, als ständig unter negativen Gefühlen leiden zu müssen.
In diesem Teil seiner Schriften steckt also original Nietzsche selber als Misanthrop drin, der genau wie diese heutigen Diskussionsteilnehmer seine eigenen negativen Empfindungen und Erlebnisse auf den Rest der Menschheit draufprojizieren möchte.
 
Mir persönlich geht es um die Entwicklung von Leistungs- zu Spaßgesellschaft, wo die Leute weniger Anstrengung aber mehr Berieselung verlangen. Ein Beispiel ist unser derzeitiges Schulsystem, das immer Themen rausstreicht, weil es zu schwierig oder unwichtig sei.

Auch ist der verstärkte Ruf nach Kommunismus was mir auffällt und frage mich deshalb wie unter den Voraussetzungen die Gesellschaft sich entwickeln und was die Folgen sein werden.

Das würde voraussetzen, dass es diese Entwicklung gibt und dass solche "Gesellschaftsdiagnosen" komplexitätsadäquat das, was wir Gesellschaft nennen, beschreiben können. Sollen das überhaupt Gesellschaftsdiagnosen sein? Und was genau ist damit gemeint?

Magst du das ausführen?
 
Das würde voraussetzen, dass es diese Entwicklung gibt und dass solche "Gesellschaftsdiagnosen" komplexitätsadäquat das, was wir Gesellschaft nennen, beschreiben können. Sollen das überhaupt Gesellschaftsdiagnosen sein? Und was genau ist damit gemeint?

Bei einer Gesellschaftsdiagnose geht es im wesentlichen um die zwei Fragen, wo stehen wir gerade, und in welche Richtung werden wir uns (potentiell) bewegen.
Wer zu letzterem halbwegs brauchbare Aussagen machen will, muß sich alle Faktoren ansehen, zuerst die Zustände im eigenen Land, dann die Zustände in den Nachbarländern (Brexit, Wiedererstarken des Nationalismus als Beispiele), dann weltweite Zustände (Handel, Umwelt, Migrationsbewegungen etc.). Plus ein gewisser Toleranzbereich für Entwicklungen, die sich im Voraus einfach nicht absehen lassen, wie zum Beispiel eine weltweite Epidemie.
 
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