AW: Neid zerfrisst mich
Ich persönlich kann nicht verstehen wie man sein Glück an nur einem Punkt in seinem Leben festmachen kann. Jeder hat doch Träume und unerfüllte Wünsche. Der eine wäre gerne reich, der andere hätte gerne eine Familie und wieder der nächste würde gerne besser aussehen.
Stell dir vor ich hätte die Familie, aber wäre schwer krank, wäre ich dann glücklich? Dann wäre ich vermutlich trotz Familie nicht glücklich. Selbst wenn ich gesund wäre wäre ich vielleicht unglücklich über das größere Haus des Nachbarn.
Es liegt doch vor allem an einem selbst wie man bestimmte Wünsche als KO Kriterium fürs eigene Glück auslegt oder dem Leben offen gegenüber steht.
Man kann einen Garten mit Liebe gestalten und sich über die Blumen freuen, die kommen. Oder man kann sich über die bunteste Blumenpracht ärgern weil die Lieblingsblume nicht dabei ist.
Glück ist so vor allem subjektiv und Einstellungssache.
Aber auch da gibt es Grenzen. Es
gibt nämlich Menschen,
- bei denen schon die Ehe der Eltern schlecht war, sodass sie von kleinauf Zeugen lautstarker Auseinandersetzungen und/oder durch sonstige Erziehungsfehler (körperliche Züchtigung, verbale Abwertung, Bloßstellen vor anderen, Unterdrückung) eingeschüchtert wurden,
- deren Eltern Alkoholiker oder sonstwie körperlich oder psychisch ernsthaft und chronisch krank waren,
- deren Eltern zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt waren, um ihre Kinder hinreichend einfühlsam zu behandeln, ihre Stärken und vor allem ihr Selbstwertgefühl zu fördern und ihrer Persönlichkeit gerecht zu werden,
- bei denen ein Elternteil oder beide viel zu früh verstorben sind,
- deren Geschwister (auch noch im Erwachsenenalter) körperlich oder gar psychisch so schwer krank sind, dass die Auswirkungen auch die gesunden Familienmitglieder zeitlebens stark belasten,
- deren Eltern sie offen oder subtil mit Krankheiten emotional erpressten, um sie an sich zu binden, sodass die Chancen auf Heirat und Familiengründung massiv beeinträchtigt wurden,
- in deren Herkunftsfamilie auch das Geld knapp war und man nichts anderes kennt, als sich mit wenig begnügen zu müssen.
Etc.
Und all das
kumulativ. Von ganz schlimmen Fällen wie körperlicher Gewalt, sexuellem Missbrauch in der Familie und ähnlichen Dramen will ich erst gar nicht reden.
Das führt dazu, dass man selbst bei Fleiß und guter Begabung auch im Beruf weniger erreicht als man könnte und man sich mit einem geringeren Lebenstandard zufrieden
geben muss. Freunde hat man auch kaum, dazu hat man aufgrund seines atypischen Lebensverlaufs zu wenig zu bieten. Heirat und Kinder kann man vergessen. Hat man wenigstens im fortgeschrittenen Alter einen Lebensabschnittsgefährten, auch wenn an eine Heirat nicht zu denken ist, muss man noch dankbar sein. Besser als nichts.
Man kann dann überhaupt noch froh sein, wenn man halbwegs gesund ist, aber man ist z.B. nervlich nicht so belastbar wie andere. Man traut sich auch weniger zu.
Alles eigene Schuld? Soll man sich dann nur noch an ein paar Blümchen und an dem wenigen erfreuen, was es Positives im eigenen Leben gibt und ausblenden, dass andere seit 25 Jahren glücklich verheiratet sind, mehrere Kinder haben, im Eigenheim mit Garten leben, in leitender Position tätig, gutaussehend, sportlich und selbstverständlich auch gesund sind, eine Fernreise nach der anderen machen und selbstbewusst auftreten können? Das Leben in vollen Zügen genießen können? Deren Eltern haben vielleicht einfach nur mehr Geld und eine höhere Bildung gehabt, eine bessere Ehe geführt, ihre Kinder fördern und gleichzeitig rechtzeitig loslassen können und sind - wenn überhaupt - erst ernstlich krank geworden, als ihre Kinder beruflich wie privat ihre Schäfchen längst im Trockenen hatten. Aber solche Rahmenbedingungen sind für die Kinder solcher Eltern doch kein persönliches Verdienst, sondern pures Glück.
Wieso hat man umgekehrt einen fiesen Charakter, wenn man gern mit diesen Leuten tauschen würde und traurig und frustriert darüber ist, dass es einem längst nicht so gut geht?!
Es gibt nun mal Menschen, die es schwerer im Leben haben als andere, ohne dass es ihre Schuld wäre.