Nein, niemand muß alles verzeihen. Und es gibt Dinge, die können viele nicht verzeihen.
Aber es macht aus meiner Sicht viel Sinn, es zu versuchen. Vielleicht ist Verzeihen für vieles zu groß. Aber zu versuchen zu verstehen.
Nicht um der Täter willen, sondern für einen selbst.
Ich glaube, daß erst Freiheit ins eigene Leben kommen kann, wenn man sich auch aus den - berechtigten - negativen Gefühlen seinen Eltern gegenüber lösen kann. Hass hält einen auf ungesunde Art immer unfrei mit den Tätern verbunden. Egal, ob es Eltern oder andere sind. Aber bei den eigenen Eltern ist es so ungeheuer schwer, sich zu lösen und in ein eigenes selbstbestimmtes Leben zu finden.
Auch Kontaktabbruch oder Gleichgültigkeit sind oft keine Lösung, weil darunter die negative Verbindung umso stärker weiterexistiert und immer wieder hochkommt.
Böses muß auch Böses genannt werden dürfen, es muß anerkannt werden, was zwischen Eltern und Kindern geschah, aber Verständnis für die Ursachen kann ein Weg sein, sich aus der haßerfüllten, unversöhnlichen Verbindung zu lösen und seinen eigenen Weg frei und kraftvoll zu gehen.
Wenn man verstehen kann, was hat sie so handeln lassen. Vor allem, weil man dann erkennt, es hat wenig bis gar nichts mit dem Kind zu tun, aber sehr viel mit den Eltern und ihrer Geschichte. Oft auch mit deren Eltern und deren Eltern...
Es ist nämlich gerade nichts so, daß das Kind, weil es schwierig ist, Gewalt ausgesetzt werden darf. Kinder werden oft schwierig, wegen der Atmosphäre in einer Familie, wegen der spezifischen Geschichte. Und es gibt eben auch Eltern, die kommen wunderbar, auch mit schwierigen Kindern zurecht.Es sind die Erwachsenen und ihre Geschichte, die die Atmosphäre in einer Familie prägen. Es ist ihr Unvermögen, dem Kind ein sicheres und vertrauensvolles Aufwachsen zu ermöglichen. Aber auch sie haben eine Geschichte und Gründe für ihr Unvermögen.
Das kann man versuchen zu verstehen, vielleicht auch zu verzeihen. Für das eigene Seelenheil und um evtl. den Weg frei zu machen für die eigenen Nachkommen. Damit Leid sich nicht über Generationen fortsetzen muß. Aber man muß es nicht.