Wer mir ankommt mit ich habe 100 Freunde, der ist mir eher suspekt als einer mit 2 Freunden. Das Wort Freund ist seit der Facebook Ära sehr in Verruf gekommen.
Die Zahl der sog. Freunde ist leider ebenso zum Statussymbol verkommen wie vieles andere auch. Auf Qualität kommt es nicht mehr an, Hauptsache, es sind möglichst viele.
Erinnert mich an die Schilderungen der größten Prahlerin in meinem privaten Umfeld. Deren permanente Selbstdarstellung (bei gleichzeitigem völligen Desinteresse an meinem Leben) war mir schließlich so zuwider, dass ich nach Jahren endlich den Mut fand, meinen Widerwillen durchblicken zu lassen und mich zurückzuziehen, auch auf die Gefahr hin, dass sie mich jetzt für neidisch hält. Soll sie doch. Hauptsache, ich brauche bei der albernen Konkurriererei, wer das glücklichere Leben führt, nicht mehr mitzumachen. Nachdem sie zum wiederholten Mal per WhatsApp in meine Richtung gestichelt und geprahlt hatte, habe ich ihr auf demselben Weg höflich zu verstehen gegeben, dass jeder von uns in seiner eigenen Welt lebt, mit anderen Interessen, und dass sich niemand durch die Schilderung von Dingen, die ihn im Grunde nicht interessieren, genervt fühlen solle. Bin auch aus der betreffenden WhatsApp-Minigruppe ausgetreten, wenngleich sie mich immer noch außerhalb dieser Gruppe kontaktieren könnte. Aber das war wohl deutlich genug; denn seitdem ist Ruhe, und sie kann jetzt andere mit ihren Storys beglücken oder auch über mich herziehen. Kann mir egal sein.
Bei ihr und ihren Angehörigen war (und ist wahrscheinlich bis heute) auch immer alles ganz besonders großartig. Der runde Geburtstag eines Familienmitglieds wurde natürlich ganz groß, mit über 100 Gästen, gefeiert. Das erzählt sie Leuten, von denen sie genau weiß, dass deren Lebensumstände solche Feiern nie zugelassen haben (teilweise erzählte sie so etwas noch dazu in Phasen, in denen ihre Zuhörer mit besonders schwerwiegenden, ihr auch bekannten Sorgen belastet waren!). Auch kann sie sich wahrscheinlich nicht vorstellen, dass eher introvertierte Menschen bei runden Geburtstagen lieber eine schöne Reise allein, mit dem Partner oder in einer kleinen Reisegruppe machen, statt viel Geld für die Bewirtung von über 100 Leuten auszugeben, die ihnen wahrscheinlich nicht einmal sonderlich nahestehen. Schon meine Eltern hatten auf solche Show-Veranstaltungen keine Böcke - abgesehen davon, dass sie es sich finanziell auch nicht hätten leisten können - und sind z.B. zu ihrer Silberhochzeit lieber verreist. Runde Geburtstage wurden im kleinsten Kreis gefeiert, zu Hause. Verwandte oder Bekannte von auswärts wurden nicht eingeladen. Mit denen telefonierte man halt an diesem Tag. Nur die Hausbewohner (engster Familienkreis), vielleicht noch zwei Nachbarinnen und ab und zu eine einzige frühere Arbeitskollegin aus dem Nachbarort kamen zum Kaffee, und damit hatte es sich. Bei großen Feiern habe ich mich noch nie wirklich wohl gefühlt. Auch nicht bei Hochzeiten. Da steht der Aufwand, der getrieben wird, oft im umgekehrten Verhältnis zur späteren Qualität der Ehe. Erst werden Abertausende ausgegeben zum Renommieren - und nach wenigen Jahren lässt man sich wieder scheiden.
Zwei bis maximal drei wirklich gute Freunde mit ihren Partnern zu meinem Geburtstag - das würde mir vollauf genügen. Da aber die wenigen guten Bekannten, die ich habe und mit denen ich mich vielleicht ein- bis zweimal im Jahr treffe, zu weit entfernt wohnen, tut es an meinen Geburtstagen auch ein Tagesausflug oder ein Theaterabend mit meinem Partner. Höre ich im Sommer laute Grillpartys in der Nachbarschaft, bei denen nur deutsche Schlager mit dümmlichen Texten dröhnen, Flachwitze gerissen und oberflächliches Zeug geredet werden, bin ich froh, dass ich dabei nicht mitmachen muss. Meinem Partner geht es ebenso. Diese Form von Gesellschaft gibt uns persönlich überhaupt nichts und das vermissen wir auch nicht.