Hallo MessieGirl, ich bin beeindruckt, wie du dir helfen läßt und wie du dir selbst hilfst. Alle Achtung! Ich bin auch beeindruckt, wie konkret Micky dir anwendbare Tipps geben kann.
Es gibt in diesem Thread genau eine Person, die abfällig oder ohne Verständnis sich geäußert hat. Sie bringt dieselben Argumente vor, die ich damals für mich vorgebracht habe (erfolglos, damit habe ich mich zusätzlich gelähmt). Ich selbst mochte den Begriff "Messie" nicht, weil einige "typische" Symptome sich für mich selbst nicht stimmig anfühlten. Aber es gab Zeiten, da waren meine Wohnungen (es waren über die Jahre drei) so hoffnungslos vermüllt, daß ich damals eher dachte, sterben zu müssen als die Vorstellung zu ertragen, jemand könne dieses stinkende Chaos zu Gesicht kriegen.
Am schlimmsten war es in Zeiten, in denen ich nach außen arbeiten ging - tüchtig war, voran kam und Überstunden ohne Ende machte. Auch Zeiten, in denen ich bei behinderten Menschen zu Hause half: Haushalt, Einkaufen, Aufräumen usw. - das fiel mir so leicht! Und es hat mich so fassungslos gemacht, daß ein zu Boden gefallener Kaffeefilter in
meiner Wohnung mich in Heulkrämpfe stürzen konnte, weil mein Gefühl immer wieder sagte: Das schaffe ich nie!
Laß dich nicht irre machen. Depressionen bis hin zur Handlungsunfähigkeit mögen die eine Ursache sein, das Festhalten an Gegenständen eine andere, im Grunde - so denke ich heute - spiegelt eine chaotische Wohnung einen Teil deines Innenlebens wider. Sprich: die Fürsorge, die man für Arbeitsplatz und andere Menschen aufbringt, die fällt so unheimlich schwer, wenn man sie für sich selbst aufbringen soll.
Es ist gut, wenn du dir Hilfe holst, auch in einer Therapie. Ich möchte dich nicht entmutigen - aber ich habe die Erfahrung gemacht, daß ein Wohnungswechsel das Vermüllungsproblem nicht löst - es kann auch dort wieder anfangen. Es hat mir auch nur ein bißchen geholfen, in einer Wohngemeinschaft zu leben - damit war das eigentliche Problem wenigstens ein bißchen "in Schach", aber nicht gelöst. Wie gesagt: davon laß dich nicht entmutigen! Ich schreibe dir das deshalb, weil mir diese Erkenntnis auf ganz praktische Weise weitergeholfen hat: vorerst keine neuen Möbel. Wenig, praktische Einrichtungsgegenstände: bei mir waren es Gartenmöbel aus Plastik. Abwaschbar, stapelbar, offene Metallregale. Ich weiß nicht, ob das für dich so auch hilfreich sein könnte, mir haben diese spartanischen Möbel (alle in Weiß - zu viel Farbe hat meine Empfindungen zu sehr durcheinandergewirbelt, es war so schon schwer, mich und meine Umgebung halbwegs strukturiert wahrzunehmen) dabei geholfen, weniger Angst zu entwickeln: vor Flecken, vor Kratzern auf Möbeloberflächen und was es sonst so an Befürchtungen gab. Eine Zeitlang hatte ich auch keine Schränke - nur Gestelle, auf die ich Kleidung an Bügeln hängen konnte (sowas in
dieser Art ) - ich konnte so immer SEHEN, was aufgeräumt war, statt verknüllt in irgendwelchen Schrankfächern vor sich hinzugammeln.
Vielleicht hilft es dir, vorläufig (keine Sorge, nicht auf Dauer!) nur wenige Einrichtungsgegenstände anzuschaffen, die robust, abwaschbar und übersichtlich sind - und die darüber hinaus auch nicht zu viel Platz für Überflüssiges zulassen. Nur das, was du brauchst: wenig Geschirr (2 Teller, 2 Tassen, 2 Messer, ein Löffel, eine Gabel - das war meine "Grundausstattung", alles andere habe ich weggeschmissen. Grund: man ist gezwungen, das Vorhandene abzuwaschen, bevor man es benutzt - und man lernt die wenigen Gegenstände besonders zu schätzen, wenn man darauf verzichtet, alles zu ersetzen - auch das hat mir geholfen).
Alles keine "therapeutisch thematisierten" Prozesse, ich kann dir also nicht versprechen, daß diese Vorschläge wirklich helfen müssen - mir haben sie geholfen.
Achja. Selbst der Rat, der mir gelegentlich auch von Leuten gegeben wurde: alle paar Tage eine frische Blume in eine Vase für's innere Zufriedensein - ging bei mir jedenfalls voll nach hinten los. In dem Zustand war ich nicht imstande, die Blume zu sehen, sondern: etwas, das verwelkt, die Blüten fallen läßt und zusätzlichen Schmutz macht... sprich: achte auf dich, auch in solchen Dingen. Finde vor allem heraus, was DIR wirklich Erleichterung verschafft.