Hallo ihr alle hier,
erstmal danke für eure bisherigen Kommentare und Anteilnahme. Es hilft wirklich, das hier rauszuschreiben und zu sehen, dass ich nicht allein bin mit diesem Chaos.
Ich muss noch etwas nachschieben, etwas, das mir erst jetzt wieder in den Sinn kommt und die ganze Sache vielleicht in einem noch viel seltsameren Licht erscheinen lässt. Vielleicht ist es ein Hoffnungsschimmer, vielleicht ist es nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ich weiß es nicht.
Als Gabi damals, vor etwa einem Jahr, angefangen hat, von "ihrem Unglück" und "ihrem Bedürfnis nach Freiheit" zu reden, war das nicht sofort so aggressiv wie es sich jetzt anfühlt. Damals, in den ersten Wochen, hat sie versucht, es zu erklären. Sie hat mir verschiedene gute Argumente für eine polyamore oder offene Ehe präsentiert. Das ist auch der Grund warum ich vielleicht noch irgendwie an uns glaube.
Ich erinnere mich noch genau an das Gespräch. Sie hat es sehr vernünftig klingen lassen. Es geht nicht darum, dass sie mich nicht mehr liebt, hat sie gesagt. Es geht darum, dass Liebe nicht besitzergreifend sein muss. Sie hat von "mehr Liebe" und "mehr Erfüllung" für uns beide gesprochen. Sie hat gesagt, dass wir uns dadurch nicht verlieren würden, sondern als Paar sogar wachsen könnten, weil wir uns gegenseitig diese Freiheit zugestehen. Sie hat Beispiele genannt, hat Bücher erwähnt, hat mir erklärt, dass es für viele Paare die Lösung für eine Krise ist, weil man sich so nicht mit unerfüllten Bedürfnissen gegenseitig belastet.
Und ich muss zugeben: Ein Teil von mir hat es verstanden. Die Argumente waren logisch, modern, fast schon… überzeugend. Ich habe darüber nachgedacht. Ich habe wirklich versucht, mich vorzustellen, wie das wäre. Aber tief in meinem Bauch hat sich alles dagegen gesträubt. Ich bin einfach nicht so gebaut. Für mich ist Ehe Exklusivität. Das ist der Kern dessen, was für mich Sicherheit und Vertrauen ausmacht. Ich habe ihr das gesagt. Ich habe ihr gesagt, dass ich das nicht kann, dass ich das nicht will. Ich dachte, das Thema wäre damit vom Tisch.
Und jetzt frage ich mich: Hat sie das Thema wirklich fallen lassen? Oder hat sie es nur in die Praxis umgesetzt, ohne meine Zustimmung? Ist das hier, was mit Stefan passiert, vielleicht ihre verzerrte Version von dem, was sie sich damals vorgestellt hat? Hat sie sich gedacht: "Wenn David nicht mitspielt, dann eben allein"?
Oder, und das ist der Gedanke, der mich fast wahnsinnig macht: Ist das vielleicht jetzt noch eine Möglichkeit? Eine Chance? Wenn ich jetzt nachgebe und ihr sage: "Okay, lass es uns versuchen. Lass es uns auf diese Weise versuchen."… würde sie dann zu mir zurückkommen? Würde sie dann aufhören, mir gegenüber so kalt und abweisend zu sein? Würde sie dann endlich wieder mit mir reden?
Aber dann sehe ich Stefan vor mir. Seinen fiesen, triumphierenden Blick, als er mir geraten hat, mir eine Wohnung zu suchen. Das ist keine "offene Beziehung" auf Augenhöhe. Das ist eine Demütigung. Das ist ein Machtspiel. Wenn es nur um die Idee der Polyamorie ginge, warum dann ausgerechnet er? Warum dieser Mann, der mich verachtet und der sie offensichtlich so verändert hat? Das passt für mich einfach nicht zusammen.
Ich stehe vor einem Rätsel. War ihre Idee von "offener Ehe" vielleicht von Anfang an nur ein Vorwand, um sich mit ihm einlassen zu können, ohne sich schuldig fühlen zu müssen? Oder war es echt, und ich habe meine Chance vertan, indem ich ihr damals meine engstirnige Haltung vorgehalten habe?
Diese Möglichkeit treibt mich um. Soll ich ihr das jetzt anbieten? Mich erniedrigen und akzeptieren, dass sie ihn neben mir hat, nur um sie nicht komplett zu verlieren? Oder wäre das das Ende von mir selbst? Ich würde mich selbst verraten. Und ich habe das Gefühl, genau das wäre der Sieg, den Stefan haben will.
Ich bin wieder am Anfang. Noch verwirrter als vorher. Ist das ein Rettungsanker oder nur ein weiteres Seil, mit dem sie mich in die Tiefe zieht?
Danke, dass ihr euch das wieder anhört.