Mein Vater liegt nun im Sterben, sein kompletter Körper ist voller Metastasen,
einige drücken anscheinend auf sein Stammhirn, er ist seit 2 Tagen nicht mehr wirklich anwesend,
total schwach u verweigert Trinken und Essen, sitzt apathisch da, liegt, atmet sehr sehr schwer, hat Atemaussetzer,
es sieht schlecht aus.
Meine Mutter ist mit den Nerven total am Ende und möchte ihn ins Hospiz bringen.
Ich frage mich, welche Entscheidung hier die richtige ist. Mein Vater möchte dort nicht hin.
Aber meine Mutter zerbricht an der Pflege und dem Anblick des steten Verfalls meines Vaters.
Und er hat erstaunlich viel Kraft, wenn er etwas nicht möchte, er schupste meine Mutter hart weg,
hat eine krasse Wesensveränderung. Sie hat Angst vor ihm.
Ich verstehe beide Seiten.
Ich kann nicht länger da sein, zu viele Tage war ich schon hier und muss nun wieder arbeiten.
Aber mein Gefühl sagt mir ich sollte bleiben.
Was sind die richtigen Entscheidungen?
Ich bin völlig fertig und ohnmächtig, kann nicht richtig helfen. weiss nicht zu helfen.
Mein Vater ist total unter Morphin, zumindest hat er anscheinend keine Schmerzen.
Er schläft fast den ganzen Tag.
Vor vier Wochen erst ist meine Oma gestorben, die Mutter meiner Mutter. Viel zu plötzlich.
Der Wellensittich meiner Familie ist vor 3 Tagen gestorben, ganz plötzlich erstickt, wand sich, fiel um,
das war ein sehr symbolischer Schock für alle. Wir haben viel geweint.
Es ist alles schwarz, ich kann nichts machen ausser da sein, aber am liebsten würde ich weglaufen.
Ist das normal? wieviel Verantwortungsbewusstsein muss man mit 29 besitzen?
Ich habe noch nie soo viel Leid, Krankheit, Tränen gesehen in meiner nächsten Umgebung, das sind meine Eltern, es bleibt
sovieles ungeklärt. Nun ist es zu spät, mein Vater ist nicht mehr richtig da.
Reaktionen bleiben aus, er starrt ins Leere. Er hat aufgegeben.
[....]
Hallo Du,
es scheint, als ginge es jetzt stetig dem Ende entgegen. Dein Vater hat aufgegeben, schreibst Du. Ich denke, er kommt zu sich selbst. Sein Körper beschränkt sich auf das Wesentliche - Essen und Trinken gehören nicht mehr dazu. Versucht, einen ambulanten Pflegedienst mit Palliativpflege ins Boot zu holen. Das wird eine Entlastung für Deine Mutter sein. Ich verstehe ihren Wunsch, Vater in eine Hospiz zu geben. Diese Entscheidung muss in erster Linie sie treffen. Meine Mutter stand auch vor dieser Frage. Ich habe ihr gesagt, wir - meine Schwester und ich und Schwiegerkinder - würden ihre Entscheidung mittragen. Aber da ich wusste, dass mein Vater zu Hause sterben wollte, habe ich ihr geraten, nochmal darüber nachzudenken. Weil - egal, welche Entscheidung sie trifft - sie muss nach dem Tod des Vaters damit weiterleben. Heute ist meine Mutter froh, dass mein Vater zu Hause geblieben ist.
Ich denke - nach dem, was Du geschrieben hast - dass Dein Vater es bald geschafft hat. Sprecht mit den Ärzten, ob die Morphindosis erhöht werden kann. Mein Vater hatte zuletzt 4 x 10 mg. subkutan - die Spritzen könnt Ihr zur Not selbst geben, das ist nicht schwer. Außerdem bekam mein Vater noch weitere starke Schmerzmittel. Die Infusionen wurdem am vorletzten Tag abgesetzt, wichtig ist dann aber eine gute Mundpflege, da das Durstgefühl im Mund entsteht. Achtet darauf, ob Euer Vater es gern wärmer oder kälter hätte. Manchmal reicht ein Bettlaken als Zudecke.
Sprecht mit Eurem Vater, haltet seine Hand, sagt ihr, dass er gehen darf. Dankt ihm für die Zeit, die er mit Euch verbracht hat und sagt ihm, dass er immer in Euren Herzen bleiben wird. Aber macht ihm seinen letzten Weg nicht schwerer, als er sowieso schon ist. Viele Angehörige sitzen in so einer Situation am Sterbebett und weinen und klagen "Du darfst nicht gehen" "Du kannst uns doch nicht allein lassen" "Ohne Dich geht nichts hier"... entsprechend lang kann so ein Sterbeprozess dann werden und quälend, vor Allem für den, der gehen muss. Der Körper stellt sich ein auf die gegebene Situation. Fährt seine Funktionen runter auf das Wesentliche. Ein Automatismus, der nicht aufzuhalten ist. Als Angehörige daneben zu stehen und nichts tun zu können, ist so unendlich schwer.
Aber genau das ist das Letzte, was wir für unsere Sterben tun können - da sein, annehmen, mitgehen.
Es gibt übrigens auch ambulante Hospizdienste. Da sind dann Leute, die auch mal eine Stunde oder zwei am Bett sitzen, die Deiner Mutter helfen und sie unterstützen.
Alles Gute und viel Kraft wünsche ich Euch allen!
Micha
P.S.: Krebs ist [....]. Aber auch leider Gottes der König der Krankheiten.... Nur - Krebs ist auch saudumm. Letzten Endes zerstört er mit dem Menschen auch sich selbst...