Liebe Tine,
ich habe mir gerade alles durchgelesen und mir kullern die Tränen unaufhörlich übers Gesicht. Ich kann jedes einzelne Wort nachfühlen, so sehr.
Auch ich habe 2002 meinen über alles geliebten Papa verloren und ich kenne dieses Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht so so gut. Ich habe schon damals gesagt, ich werde nie darüber wegkommen - aber ich möchte einen Weg finden, damit zu leben, um irgendwann wieder glücklich sein zu können, auf eine andere Art und Weise halt... aber es geht, es funktioniert. Obwohl es viele viele Stunden gibt, wo ich es heute noch immer nicht begreifen und fassen kann.
Er war der liebste Mensch für mich, der liebste Freund den ich hatte, und so wie Du Deinen Papa beschreibst... oh mann ich weine schon wieder... das trifft bei mir auch alles genau so zu.
Wir haben in einem kleinen Restaurant den Hochzeitstag meiner Eltern gefeiert, mein Papa war gerade 57. Es war ein super schöner Abend, wir haben gegessen und viel Spaß gehabt - er war ein sehr lustiger Mensch und so liebevoll und herzlich in seiner ganzen Art. Wir sind dann nach Hause gegangen, mein damaliger Freund und ich haben uns verabschiedet, und mein Papa stand wie immer an der Straße und hat so lange gewunken, bis wir um die Ecke waren.
Das war das letzte mal, dass ich Ihn sah!
2 Tage später bin ich mit meinem Freund an die Ostsee gefahren, wir wollten 2 Wochen Urlaub machen, alles war schön, toller Strand, super Wetter. Ich habe abends Lachsbrötchen gemacht und gerade als ich, es war so gegen 23 Uhr, eine Flasche Sekt aufmachen wollte, klingelte mein Handy. "Papi ist tot".
Ich habe die Stimme meiner Mutter kaum erkannt. Ich habe geschrien war ab dem Zeitpunkt komplett gefühllos - unter Schock. Wir sind sofort losgefahren, und alles was ich auf der Fahrt nach Hause sagte war "das stimmt nicht... das stimmt nicht... ich geh da nicht rein.."
Als wir dann bei meiner Mutter waren, meine Verwandten waren auch da, diese Stimmung kann ich nicht beschreiben, es war so still so endgültig, so unfassbar und leer und eigentlich gibt es dafür gar keine Worte.
Mein Vater hatte auf der Autobahn einen Herzinfarkt und ist wohl sofort tot gewesen.. einfach so, ohne jegliche Vorwarnung. Er war gerade mal 57.
Die Nacht und auch die Tage danach bin ich als mein eigener schwarzer Schatten durch die Welt gegangen und Du hast recht, Tine... man sieht alles plötzlich anders, alles sieht anders aus, Dinge die man nie wahr genommen hat kommen ganz dicht an einen heran, Sachen die einem wichtig waren verschwinden. Ich war gar nicht mehr da, und doch existierte ich und musste das alles aushalten und ich hatte die selben Fragen wie Du, WARUM... WO... WIE... wie gehts ihm jetzt, wo ist er, wie ist das mit so einer lieben Seele, kann er mich sehen, sollte er mich so sehen..., kann er meinen unsagbar tiefen Schmerz spüren, wo ist er bloß und warum gerade ER!!!!!!
Und ich habe mich gefragt, wie soll das weitergehen, wie kann man sowas überhaupt aushalten, wie kann man so weiterleben ohne sich komplett zu verlieren.
Als dann nach einiger Zeit dieser Schockzustand vorbei war, kam die tiefe Trauer - das wird jeder Mensch anders verarbeiten. Ich kann nur sagen, ich habe vieles in mich hineingefressen, ich wollte stark sein, stark für meine Mutter (habe keine Geschwister und mein Freund hatte mich daraufhin verlassen - da ich ihm zu traurig war!!) Ich habe versucht ALLES für meine Mutter zu tun und ich hatte jeden Tag Angst um Sie. So habe ich mich wohl völlig aufgegeben und dann bin ich irgendwann richtig krank geworden.
Inzwischen habe ich einen sehr sehr lieben Partner, er hat mich quasi gerettet, er hat viel Gefühl und Verständnis. Aber es ist hart, es ist so wahnsinnig hart und es gibt kein Tabletten dafür, kein Rezept und keinen Idealplan. Ich weiß nur, dass man die tiefe Trauer zwar ausleben, aber sie dann unbedingt auch wieder nach und nach loslassen muss, sonst macht man sich selbst kaputt. Und eines ist sicher - DAS hätten unsere geliebten Väter niemals gewollt!
Ich wünsche Dir ganz viel Kraft - die Zeit hilft wirklich, auch wenn ich das damals nie für Möglich gehalten hätte. Ich habe mir bis heute kein Foto anschauen können von ihm, ich bin noch immer noch nicht drüber weg, aber ich habe meinen Weg gefunden um damit umzugehen, auch wenn es nicht immer leicht ist.
Alles Liebe,
Lilly