Herzlichen Glückwunsch zu diesem Entschluss.
Ehrlich gesagt, klingt deine Familiengeschichte sehr vertraut. Mein Vater war ähnlich, auch wenn er nicht mein Stiefvater, sondern mein leiblicher Vater ist.
Er machte beiläufige Bemerkungen, was alles im Haus oder im Garten gemacht werden müsste. Dann machte er sie selbst und kam dann zu mir, um mich fertig zu machen, weshalb ich diese Dinge nicht tun würde. Ich sagte ihm oft, dass er mich nur fragen müsse, wenn er wolle, dass ich etwas bestimmtes tue. Manchmal tat er das auch und ich machte die Dinge, aber statt Dankbarkeit, bekam man nur weitere Vorwürfe, wieso er mich bitten müsse und ich soetwas nicht selber sehen würde. Er war auch ein Choleriker, der schnell mal aus der Haut fahren konnte, allerdings nur gegenüber Menschen, die schwächer waren als er. So ließ er seine Unzufriedenheit und Wut nur an mir aus, nie an meiner Mutter, weil er wusste, dass er dabei den Kürzeren ziehen würde.
Meine Mutter wusste, wie er mich behandelt. Wenn's besonders schlimm war (physische Gewalt, Demütigungen, etc.), ging ich zu ihr, aber dann konnte sie es nie glauben. Anschließend faltete sie meinen Vater zusammen, der sich dann nicht verstanden fühlte und glaubte, wir verschwören uns gegen ihn, aber letztlich der Dominanz meiner Mutter unterlag und reumütig zu mir kam, um sich widerwillig zu entschuldigen und wenn ich ihm in die Augen schaute, konnte ich den Hass und die Wut sehen, die er auf mich hatte aufgrund meiner "Petzerei" und ich wusste, dass ich dafür schon bald irgendwie bezahlen werde müssen.
Irgendwann - ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, aber noch zu klein, um das Konzept von Liebe, Ehe, etc. vollständig zu verstehen - fragte meine Mutter mich, ob sie sich scheiden lassen solle. Natürlich sagte ich nein, denn trotz allem bedeutete dies, dass ich meinen Vater verliere und es war das einzige Konzept von Familie, das ich kannte. Und so blieb alles beim Alten. Sie sind heute noch verheiratet.
Je älter ich wurde, desto besser wurde es. Sobald ich, physisch gesehen, größer und stärker als er war, wurde er ruhiger. Inzwischen haben wir sogar ein halbwegs gutes Verhältnis, aber ich wohne ja auch nicht mehr Zuhause.
Er hatte natürlich auch gute Seiten. Trotz allem unterstützte er einen bei allem, wenn auch unter Protest oder Beleidigungen.
Ich glaube, dass wir eine ähnliche Dynamik hatten, wie dein (Ex-)Ehemann und dein Sohn, bzw. ihr als Familie.
Ich kann dich daher nur zu dieser Entscheidung beglückwünschen, auch wenn ich glaube, dass es für deinen Sohn zu spät ist. Der "Schaden", den er durch dieses missbräuchliche Verhalten seitens seines Stiefvaters, erlitten hat, ist bereits angerichtet, aber immerhin ist er jetzt aus dieser Situation raus.
so long