Das will er sicher nicht sagen. Er will das - was Tine inzwischen sehr gut erkannt hat - versuchen am Ablauf zu erkennen, was man anders machen könnte, um nicht nochmal in diese Gefahr zu kommen. Ganz einfach.
Okay, ihr meint es gut, aber ihr tut meiner Meinung nach (und der einiger anderer) nicht gut.
Ich will das auch gerne erklären.
Das Problem ist, dass sich hier so viele traumatisierte Menschen befinden, dass die Frage danach, was sie hätte anders machen können, auf eine sehr emotionale Stimmung trifft und es schwer ist, solche Beiträge richtig einzuordnen.
Tine war für einen Moment in einer Situation, die als bedrohlich wahrgenommen wurde. In solchen Momenten werden die Geschehnisse nicht, wie normalerweise üblich, von Gefühl und Verstand bearbeitet, sondern der Verstand wird blockiert, man reagiert ganz aus dem Instinkt heraus.
Das Gehirn katalogisiert die Ereignisse nicht, sortiert sie nicht ein, sondern speichert sie wild im emotionalen Gedächtnis.
Nach einer bedrohlichen Situation wird ein weiterer Überlebensmechanismus in Gang gesetzt. Das Gehirn beginnt damit, die Situation zu analysieren. Dann geht einem ständig im Kopf herum, was man hätte anders machen können, wie man sich hätte verhalten sollen, damit man nicht in so eine Gefahr gerät. Hätte ich mich so und so verhalten, wäre es nicht passiert. Also trage ich die Verantwortung dafür, dass es schief ging.
Nun kann es ein paar Tage dauern, bis das Gehirn zur Ruhe kommt und der Verstand wieder einsetzt.
An Tines Beiträgen merkt man, dass sie sich noch auf einer sehr emotionalen Ebene befindet. Noch ist ihr Gehirn dabei, das, was passiert ist, aus dem emotionalen (implizierten) Gedächtnis zu holen, in den Hippocampus zu schicken und es einzuordnen.
Zum derzeitigen Punkt von ihr zu verlangen, sich rational mit den Geschehnissen auseinander zu setzen, bringt wenig. Die Ratio arbeitet nur bedingt. Es schürt aber die Schuldgefühle. Es gibt dem Gedankenkarussell ständige Nahrung und solange sich ihre Gedanken im Kreis drehen, kann das Gehirn die Ereignisse nicht verarbeiten.
Ihr jetzt zu sagen, wieso sie sich hat umarmen lassen, kommt auf einer emotionalen Ebene an, gibt damit den Schuldvorwürfen Nahrung. Sie kann daraus nichts lernen, weil der Teil, der bewusst lernt, gerade blockiert wird.
Eure Vorschläge, wie sie anders hätte handeln können, können im Zweifelsfall das Trauma chronifizieren.
Ja, ihr habt ein Recht darauf, eure Meinung zu den Geschehnissen zu sagen und sie sollte respektiert werden.
Aber könnt ihr Tine ein paar Tage Zeit lassen?
Was sie gerade braucht, ist emotionale Unterstützung. Und ich finde, da sind Leute wie Tränenarm, BisAnsMeer und Findefuchs eine gute Hilfe.
Warum die Wellen hier so hoch schlagen, liegt auch daran, dass die meisten chronisch traumatisiert sind und solche Beiträge direkt auf den emotionalen Bereich treffen.
Wenn Mimikri schreibt, Männer deuten Signale anders, kann es nicht falsch sein zu schauen, was bedeutet das für das Verhalten der Frauen. Aber zumindestens ich bin an der Stelle so von Emotionen überflutet, dass es zumindestens mir schwer fällt, mich rational damit auseinander zu setzen. Und ich glaube, das könnte auch bei anderen zutreffen.
Man könnte der Diskussion die Schärfe nehmen, indem man sie in einem anderen Thread von der Geschichte von Tine abkoppelt. Dann sind weniger Emotionen im Spiel.
Man könnte auch sagen, okay, wir sehen, wie es Tine in ein paar Tagen geht.
Auf jeden Fall sollten wir alle versuchen zu verstehen, dass die jeweils andere Partei von einem anderen Standpunkt aus argumentiert.
Du hast Recht, Mike, der Beitrag war wohl nicht so böse gemeint, wie er bei manchen ankommt. Und auch bei mir angekommen ist.
Vielleicht sollten wir uns an der Stelle alle beruhigen und das tun, was für Tine das Beste ist. Und was das ist, kann nur sie sagen. Sie sollte entscheiden, wie der Thread weiter verlaufen soll. Immerhin wollen wir ihr ja alle helfen. Dann tun wir es doch auch, indem wir ihr ein Stück Kontrolle zurückgeben und im Gegensatz zu dem jungen Mann ihr Nein (in welche Richtung auch immer) klar akzeptieren.
Tuesday