_vogelfrei
Sehr aktives Mitglied
Klar, das ist supersubjektiv und berücksichtigt eben nur die eigenen, individuellen Lebensumstände und die der eigenen Bubble.
Für meine Familie und mich waren die 90er S****, weil es Krieg gab, der Alltag von Angst, Ungewissheit, Unbeständigkeit, Armut, Mittelosigkeit und Verlust geprägt war. Die 00er-Jahre waren etwas besser, aber noch immer sehr schwierig und anders schlecht.
Heute ist für mich alles, alles hundertmal besser. Aber auch nur, weil ich zufällig ein Scheißglück hatte. Deswegen würde ich (!) sagen: heute ist für mich alles besser als früher, wohlwissend, dass gegenwärtig und zeitgleich zigtausende Menschen unter sehr schlechten, schwierigen oder sogar lebensbedrohlichen Bedingungen leben. Man kann auf so eine Frage keine allgemeingültige Antwort finden.
Bei mir ist das ähnlich. Für mich waren die 90er und 00er Jahre schlimm, da ich unter sehr armen, chaotischen Bedingungen Kind war. Es gab zwar technische Neuerungen in der Gesellschaft, die lehnte meine Mutter aber strikt ab. Somit war das eher die Welt im außen, in unserem Zuhause herrschte eher das Mittelalter, wir hatten nicht mal warmes Wasser.
Wenn ich versuche objektiver zu vergleichen, komme ich zu keiner Antwort. Ich glaube, der Zeitgeist hat sich mehr in verschiedene "Blasen" aufgespalten. Es gibt sehr neoliberale Tendenzen, aber es gibt meiner Wahrnehmung nach auch mehr Menschen, die sich für Politik und einen nachhaltigen Lebensstil interessieren und sich verantwortlich fühlen für ihre Umwelt (und es gibt auch zunehmend Schnittpunkte zwischen beidem, was ich persönlich aber schwierig finde).
Das selbe gilt für Technik & soziale Medien. Damit werden viele Inhalte geteilt, die sich auf Konsum und Optimierung beschränken, aber gleichzeitig ist es für junge Menschen viel einfacher und nahbarer geworden, sich mit politischen Inhalten auseinanderzusetzen. Ich habe kein Tik Tok, bin aber viel auf Instagram unterwegs und interessiere mich für die "Social Media Kultur". Als ich selbst 15-20 war, gab es online eben Nachrichtenseiten, inzwischen gibt es viele Formate gerade für jüngere Menschen, die sich kritisch mit unserer Umwelt auseinandersetzen. Viele Protestformen werden über Social Media initiiert usw. Soziale Medien sind so viel mehr als oberflächliche Präsentation von Selfies & Co.
Ich finde schwierig, eine abschließende Antwort zu finden. Ich denke, heute kommt es noch viel stärker als früher darauf an, was man aus den (sehr zahlreichen) Möglichkeiten macht, die man hat. Das ist riskant und schön zugleich (und nicht alle Menschen haben gleich viele Möglichkeiten).