Es war kurz vor Ostern, ich war ca. sechs.
Ich war als Kind sehr schüchtern und hatte Angst vor Fremden, egal, ob Kinder oder Erwachsene.
Besonders schlimm fand ich es, wenn Besuch kam.
Eines Tages tauchte unerwartet ein alter Freund meines Vaters bei uns auf, der seinen Sohn mitgebracht hatte, ich nenn ihn mal Olaf.
Ich verdrückte mich in eine Ecke, wurde aber hervorgeholt, weil es sich ja gehörte, dem Besuch artig guten Tag zu sagen.
Olaf grinste, aber ich sah ihn kaum an.
Bald darauf ging es los zum Spaziergang mit anschliessendem Gasthausbesuch.
Eigentlich mochte ich das Gasthaus, die Bedienungen waren nett, die Erwachsenen hatten gute Laune, und es gab jedes Mal Nachtisch.
Doch sogar die Aussicht darauf stimmte mich nicht froh.
Unglücklich trottete ich hinter den anderen her.
Im Restaurant stand ein großer Strauß aus Zweigen, die mit bunten Holzeiern behangen waren.
Als wir uns an einen Tisch gesetzt hatten, kamen zwei „feine Damen“ ( so nannten wir Kinder damals Frauen, die eleganter gekleidet waren als unsere Mütter) zur Tür herein.
„Ach, guck doch mal, die schönen Ostereier!“ jauchzte die eine.
Plötzlich kam es laut und deutlich wie ein Echo von Olaf: „ ach, die schööööönen Oooooostereier!“
Ich sah ihn erschrocken an ( Erwachsene nachmachen war streng verboten) und da kam es, unaufhaltsam, tief aus mir raus: ein wildes, quietschendes, glucksendes Lachen!
Das Eis war gebrochen.
Ob Olaf bestraft wurde, weiß ich nicht mehr, aber wir wurden rausgeschickt und verbrachten einen herrlichen Nachmittag.
Immer wieder sagte einer von uns „Ach, die schööööönen Ooooostereier!“ und dann prusteten wir los.
Als Vater und Sohn abends wieder wegfuhren, war ich traurig.
Leider wohnten sie ziemlich weit weg.
Ich weiß nicht mehr, ob ich ihn noch mal wiedergesehen habe,
aber „ danke für diese schöne Erinnerung, lieber Olaf!“💚