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Kindheit und Jugend kommt mir wieder hoch

Henne 89

Mitglied
Ich weiß zur Zeit nicht mehr so recht weiter und möchte gerne meine Geschichte erzählen:

Ich bin in einer nach außen hin völlig normalen Familie aufgewachsen. Ich habe zwei ältere Brüder und zwei ältere Schwestern. Mir kommt im Moment immer mehr meine Kindheit und Jugend hoch auf Grund von Situationen, die mich daran erinnern. Ich bin 28 Jahre alt, glücklich verheiratet und wir würden gerne selbst langsam eine Familie gründen. Zuerst muss ich aber wieder zurecht kommen. Ich habe mit einem guten Freund schon sehr viel über das Thema gesprochen (das funktioniert wider erwarten sehr gut, auch wenn mich das sehr anstrengt und fertig macht) und auch meinem Mann habe ich einiges erzählt. Mich lässt die Geschichte aber nicht mehr los und ich überlege, ob ich nicht vielleicht eine Therapie machen sollte.

Jetzt zur Geschichte, es gibt dazu drei Teile, die mich bewegen

Teil 1: Es fing damals damit an, dass meine Eltern mich ab und an geschlagen haben, das müsste schon zu Kindergartenzeiten angefangen haben. Wenn ich "frech" war, hat mein Vater mich festgehalten und meine Mutter hat mir immer wieder auf den Hintern geschlagen und dabei geschrien, dass ich endlich ruhig sein soll und was denn die Nachbarn denken sollen (nach außen war immer heile Welt). Oft wurde ich dann, wenn ich keine Ruhe gab, die Kellertreppe runtergezerrt und in den Heizungskeller gesperrt, die Tür von außen verschlossen und das Licht gelöscht. Von außen wurde entweder weiter geschrien, oder ich habe nichts mehr gehört und war ganz allein im dunklen Keller. Ich kann heute nicht mehr abschätzen, wie lang ich dann da drin saß, es kam mir wie Stunden vor, waren aber wahrscheinlich nur 10 Minuten. Ich wurde danach dann auf mein Zimmer geschickt, welches ich erst am nächsten Tag wieder verlassen habe. Meine Eltern taten dann so, als sei nichts passiert. Das ganze ging ungefähr bis zu Beginn meiner Pubertät schätze ich. Wenn ich mit Problemen aus der Schule wieder kam (Lehrer war ungerecht oder Mitschüler haben geärgert), kam von meiner Mutter immer nur, dass ich ja selbst schuld wäre und die das ja wohl nicht ohne Grund machen etc. Irgendwann habe ich ihnen dann gar nichts mehr erzählt, weil es immer als meine eigene Schuld dargestellt wurde. Grundsätzlich würde ich behaupten, dass meine Eltern mir nie eine wirkliche Stütze waren, wenngleich sie mich glaube ich schon geliebt haben und auch heute noch lieben und sie einfach nicht wissen, was sie mir damit angetan haben.

Teil 2 (habe ich noch niemandem erzählt, weder dem Freund noch meinem Mann): Ich weiß nicht, wann es anfing und über welchen Zeitraum es ging. Auf jeden Fall war ich während der Zeit auch 10 (das weiß ich weil ich mit 10 zum ersten Mal im Ferienlager war, was damit zwar nicht in direkter Verbindung steht, aber das war auf jeden Fall gleichzeitig). Es kann sein, dass es über ein halbes Jahr so ging, es können aber auch 3 Jahre gewesen sein, ob vor oder nach meinem 10. Geburtstag weiß ich nicht. Jedenfalls bin ich häufig morgens am Wochenende und in den Ferien zu meinem 5 Jahre älteren Bruder ins Bett geschlüpft (zu meinen Eltern durfte ich nie ins Bett zum Kuscheln). Irgendwann wollte er dann, dass wir uns ausziehen. Habe ich gemacht, war ja mein großer Bruder und eine Art von Liebe und Vertrauen, was ich mit meinen Eltern nicht kannte. Er hat mich untenrum gestreichelt und ich ihn. Ich sollte es dann auch in den Mund nehmen und er hat bei mir auch mit der Zunge...genauer möchte ich das jetzt nicht ausführen. Es kam nie zum Akt, "nur" Anfassen und mit dem Mund....Wären wir gleich alt gewesen, könnte man das wahrscheinlich unter "Doktorspiele" verbuchen, allerdings ist er ja 5 Jahre älter als ich und sollte dementsprechend gewusst haben, was er da tut, wenngleich er aber auch noch ein Kind war und noch dazu vielleicht ähnliches mit unseren Eltern durchgemacht hat wie ich. Er hat allerdings auch immer zu mir gesagt, dass es niemals jemand erfahren darf und dass es ein Geheimnis zwischen uns beiden ist. Ich kann meinem Bruder jedenfalls nicht wirklich böse sein und bin nicht sicher, ob das für mich wirklich so schlimm war. Aber ich ekel mich, wenn ich daran denke. Kann es aber nicht so recht einordnen.

Teil 3: auf der Realschule wurde ich in meiner Klasse extrem gemobbt (ich war wahrscheinlich mit der Geschichte auch nicht ganz normal und immer sehr introvertiert), ich wurde rumgeschubst, beleidigt, mit Dreck beworfen, meine Sachen wurden aus dem Fenster oder in den Müll geworfen, es wurden Dinge über mir ausgekippt oder in meinen Rucksack (alte Butterbrote, Apfelstückchen, Anspitzerreste etc.)...die Lehrer haben es genau mitbekommen, haben aber jahrelang nichts unternommen bzw. haben manche sogar mitgemacht oder zumindest mitgelacht. Das reicht zu dem Teil der Geschichte eigentlich schon, könnte jetzt hierzu bloß noch 1000 Beispiele nennen. In der Zeit habe ich sehr oft darüber nachgedacht, wie ich es am schnellsten beenden könnte, das habe ich Gott sei Dank nie versucht!!! Aber ich war sowohl in der Schule als auch zu Hause einfach nur alleine!!! Einzig mein Verein gab mir immer Halt, dem bin ich auch heute noch mehr als treu!

Jetzt ist es so, dass ich den ganzen Tag daran denken muss, sogar während der Büroarbeit. Nur, wenn ich nicht alleine bin, bin ich davon abgelenkt. Habe jetzt seit Wochen nicht mehr richtig geschlafen und es wird einfach nicht besser. Ich wache nachts schweißgebadet auf, weiß aber nicht, was ich träume. Ich bekomme auch tagsüber häufiger Schweißausbrüche und Herzrasen, wenn ich daran denke. Und das, obwohl ich da gerade mit dem Freund sehr viel drüber sprechen kann. Er weiß auch, dass es den zweiten Teil gibt, über den ich noch nicht gesprochen habe, von daher denke ich, dass ich das demnächst auch ansprechen kann. Aber reicht das? Vor einer Therapie habe ich riesengroße Angst. Zum einen habe ich Angst, dass da vielleicht noch mehr rausgeholt wird, was mir sonst vielleicht nie wieder einfallen würde. Zum anderen ist meine Schwester jetzt seit 7 Jahren in Therapie und das schaffe ich nicht so lange, so viel Kraft habe ich nicht. Ich möchte doch einfach nur wieder funktionieren, hat doch in den letzten Jahren immer wunderbar geklappt. Ich bin nichtmal mehr so extrem introvertiert, seit ich meinen Mann kenne und auch der Freund hat mir dabei viel geholfen, mehr Selbstbewusstsein zu bekommen. Und ich weiß ja auch selbst, was alles vorgefallen ist und was das bewirkt hat, bringt es dann überhaupt was, das nochmal mit einem Fremden durchzukauen?


Liebe Grüße

Henne
 

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milaja91

Mitglied
Hallo Henne, das was du erlebt hast tut mir sehr leid für, aber es ist schön das du mit deinem Mann und einem Freund darüber reden kannst. Ich selber bin jetzt seit 2 Jahren in Psychologischer Behandlung, sprich ich gehe alle 2 Wochen zu meiner Psychologin und dort bearbeiten wir Themen die mich im hier und jetzt belasten. Ich habe zwar auch eine sehr gute Freundin mit der ich darüber reden kann aber es ist ein Unterschied ob mit ihr oder meiner Psychologin. Denn meine Psychologin kann mir gleichzeitig zeigen wie ich mit den Gedanken und Gefühlen die hoch kommen umgehen kann so das sie mich im hier und jetzt nicht so stark mitnehmen. Du hast recht das eine Therapie sehr lange geht aber ich persönlich kann sagen das es nicht so anstrengend ist wie ich gedacht habe, im Gegenteil immer wenn ich dort war geht es mir besser und ich habe neue Kraft getankt. Daher kann ich persönlich eine Therapie nur empfehlen :) Man kann es immer versuchen und wenn man es dann doch nicht will kann man ja auch wieder aufhören.

Liebe Grüsse
Milaja
 

Henne 89

Mitglied
Danke, Milaja,
das macht mir erstmal Hoffnung, dass eine Therapie vielleicht doch nicht so schlimm ist. Habe aber trotzdem Angst vor den ersten Schritten. Setze mich in den nächsten Tagen vielleicht nochmal mit dem Freund und/oder meinem Mann zusammen und wir überlegen gemeinsam. Bin auch nicht sicher, ob eine Therapie wirklich notwenig ist, oder ob mir mit dem vielen Sprechen über damals nicht doch schon geholfen ist, vor allem, wenn ich die bisher unerzählte Geschichte auch noch auspacke. Andere haben ähnliches oder noch viel schlimmeres erlebt und können trotzdem alleine damit fertig werden. Und normalerweise fühle ich mich auch stark. Ich muss auf jeden Fall erstmal die nächsten Wochen abwarten, wie es mir ergeht.

Liebe Grüße
Henne
 

milaja91

Mitglied
Hallo Henne, es freut mich das ich ein wenig helfen konnte. Sich für oder gegen eine Therapie zu entscheiden ist meistens nicht leicht. Ich habe auch bevor ich mir einen ersten Probetermin geholt habe lange darüber nachgedacht ob es notwendig ist und ob ich das auch schaffe. Ich denke du solltest dir da soviel Zeit lassen wie du brauchst um eine Entscheidung zu treffen.
Jeder Mensch geht mit seiner Vergangenheit und Erfahrungen anders um, einige brauchen irgendwann Unterstützung um es zu verarbeiten und andere machen es mit sich selber aus.
Wichtig ist in meinen Augen das man auf sich in der Hinsicht sehr achtet und es sich gut überlegt ob man damit alleine klar kommt bzw. mit Hilfe von Freunden oder ob man wirklich therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen sollte, um zu lernen mit den aufkommenden Gefühlen zurecht zu kommen.
Wie gesagt, lass dir soviel Zeit wie du brauchst um eine Entscheidung zu treffen, nur wenn du merkst das dein Zustand sich verschlechtert dann zögere nicht dir Hilfe zu suchen.
Solltest du dich dafür entscheiden such dir jemanden, den du von Anfang an sympathisch findest und wo du ein gutes Gefühl hast. Das ist sehr wichtig für die Zusammenarbeit. Bei den meisten Psychologen dauert es auch in der Regel bis man mit der eigentlichen Therapie anfangen kann, also hat man auch nach dem Probetermin im Normalfall noch genug Zeit sich darüber Gedanken zu machen ob man es wirklich will.
Ich selber bin heute sehr froh darüber das ich keinen Rückzieher gemacht habe und seit fast 2 Jahren hingehe, denn erst vor kurzem kam bei mir ein sehr grosser Teil meiner Vergangenheit hoch der mir sehr zu schaffen gemacht hat und mich auch wieder in eine heftige Depression gezogen hat,aber durch meine Psychologin habe ich gelernt das es auch für sowas gute Techniken gibt die man auch einfach alleine zu Hause anwenden kann um erst einmal von diesen negativen Gefühlen und Gedanken genug Abstand zu gewinnen. Das ist mir persönlich auch wichtig das einmal zu sagen, das die Therapie nicht nur durch die Arbeit der Psychologin zu schaffen ist sondern das man auch einiges selber lernen kann um sich dann in gewissen Situationen selbst zu helfen.


Liebe Grüsse
Milaja
 

Harle

Aktives Mitglied
Liebe Henne,
dir ist wirklich Schlimmes widerfahren. Ich würde dir unbedingt zu einer Therapie raten. Deine Gespräche mit Mann und Freund sind super, aber ein Profi weiß, in welcher Reihenfolge soetwas angegangen werden sollte und kann dir Dinge / Tools an die Hand geben um besser damit umgehen zu können.

Ich wünsche Dir ganz viel Kraft!
 

ßßx

Aktives Mitglied
Hallo liebe TE,
unsere Biographien ähneln sich sehr, nur dass der Altersabstand zu meinem Geschwister größer war.

Meine Eltern waren allerdings nicht so sadistisch, dass der eine dem andern beim Demütigen geholfen hat. Sie waren Einzeltäter, wobei mein Vater nur in meiner Kindheit. Meine Mutter trieb das Spiel weiter, bis ich ihr körperlich überlegen war.
Wenn du jetzt nicht mehr auf ihre "Liebe" angewiesen bist, wirst du auf der sichereren Seite sein.

Ihr grenzüberschreitendes Verhalten hat bewirkt, dass du keine gesunde Abgrenzung zu deiner Umwelt entwickeln konntest. Das spüren Menschen in deinem Umfeld und daher wurdest du auch Mobbingopfer.
Traurig.
Es ist wichtig, dass sich so etwas nicht wiederholt. Ich denke mal, dass du auch heute noch nicht die nötige Abgrenzung (= stabiles eigenes Ich) entwickeln konntest, wie auch. Wenn du jetzt nicht gemobbt wirst, liegt es an einem positiven, fairen Umfeld. Ob das immer so bleibt, ist nicht gewiss. Rüste dich für miesere Zeiten. Das hast du dir verdient.
Ob deine Gespräche auf die Dauer Freund und Partner nicht überfordern, weiß man nicht. Für dich sind vergangene Unsäglichkeiten normal, weil du sie jahrelang durchlebt hast ; aber für andere? Du hast es irgendwie verkraftet. Aber wird es auch dein Gegenüber? Macht es eventuell deine Gesprächspartner befangen? Wenn du aber von verschiedenen Seiten Hilfe holst, ist das Risiko kleiner. Sieh's mal von der Seite.
Außerdem holst du dir nur die Hilfe, auf die du eigentlich als Kind und Jugendliche einen natürlichen Anspruch gehabt hättest. Du hast den Anspruch gehabt, um dann als starke Persönlichkeit in die Welt zu treten.

Du sagst, dass du trotzdem stark bist - das glaube ich dir auch. Aber unter welchem Krafteinsatz?

Dass du jetzt in deinem Alltag zu häufig an Vergangenes denkst, schwächt dich wahrscheinlich weiterhin, weil du Energie an Dinge vertust und für das Eigentliche weniger Kraft hast. Bleib nicht in dieser Negativspirale hängen.
Du hast Angst vor 7 Jahren Therapie. Wer sagt denn, dass du solange therapiert werden musst. Du allein entscheidest als Erwachsene, wie lange das für dich richtig ist.
Außerdem bist du in der guten Lage, dass du den Therapeuten mit deinen zwei Gesprächspartnern vergleichen kannst. Leistet der Therapeut weniger, kannst du ihn abhaken, dann taugt er nichts.

Du musst deinen Bruder erst einmal gar nicht entschuldigen. Es wäre hilfreich, erst einmal einen wertfreien Blick auf alles zu entwickeln, um dann neue für dich richtige Werte entwickeln zu können und die alten negativen Glaubenssätze (z.B. : Du bist an allem selber schuld) deiner Eltern abzustreifen.
Solltest du einmal Kinder bekommen, musst du sie nicht unbedingt unbeaufsichtigt bei Oma und Opa mütterlicherseits lassen. Und es wäre auch hilfreich, vorher so viel zu lernen, dass sich alte Erziehungsmuster nicht wiederholen.
Im therapeutischen Rahmen kommen normalerweise nur so viel Dinge hoch, wie du bereit bist zu ertragen. Das Leben kann allerdings so triggern, dass du plötzlich in einem ungünstigen Moment mit Vergangenheit geflutet wirst.

Das Thema steht bei dir gerade im Vordergrund. Aber nicht so weit, dass du die Handlungsfreiheit verlierst. Also hast du die Möglichkeit, dich dem Ganzen in einem für dich verträglichen Tempo zu nähern. Das würde ich auch als erwachsene Stärke sehen. Aber mach was draus. Unter den Teppich gekehrter Dreck bleibt Dreck. Man sieht ihn nicht, aber man weiß, dass er da ist. Außerdem kommt der Dreck immer wieder zum Vorschein, sodass man ihn aufs Neue drunterkehren muss. Auf die Dauer wäre ein radikaler Staubsaugereinsatz mit anschließender Entsorgung des Dreckbeutels die hilfreichere Strategie. Viel Erfolg dabei.
 

Henne 89

Mitglied
Vielen Dank für die ehrlichen Antworten, das klingt für mich alles erstmal sehr einleuchtend. Es erschrickt mich aber auch irgendwo, weil es den Nagel auf dem Kopf trifft und ich mir so manches nicht eingestehen will (z.B. dass ich meinen Bruder entschuldige, obwohl es darauf erstmal gar nicht ankommt). Darüber muss ich jetzt erstmal viel nachdenken und dann sehen, wie es für mich weitergeht.

Liebe Grüße
Henne
 

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