Hallo Lila,
ich erkenne mich genau in deinen Gedankengängen wieder und befinde mich in einer ähnlichen Situation. Nur, glaube ich, einen Schritt weiter.
Ich bin 30 und habe (wie ich finde) die letzten 6 Jahre recht viel mitmachen müssen.
Meine Mutter ist als ich 25 war an Krebs erkrankt, die Krankheit hat uns 3 Jahre hoffen und verzweifeln lassen bis sie letztendlich verstorben ist. Meine einzige Schwester ist phasenweise schwer depressiv. Während meine Mutter krank war, war sie oft monatelang in einer Klinik mit Angststörung. Das alles ging los als ich gerade mein Studium beendet hatte und versucht habe in Berlin - weit weg von zu Hause - eine Anstellung zu finden. Ich war hin und hergerissen. Ansonsten kenne ich bisher in meiner Familie auch nur Krankheit und Beerdigungen, erfreuliche Events wie Hochzeiten oder Babys gibt es nicht.
Meine damalige Partnerschaft ging vor 3,5 Jahren auf meinen Wunsch zu Ende. Seitdem etliche grauslige Erfahrungen auf dem Singlemarkt gesammelt. Zwischendrin wurde mir auch mal meine Anstellung gekündigt, ich musste aus meiner Wohnung ausziehen, ich hatte selbst einen sehr schweren Fahrradunfall, grade liegt mein Vater nach einem Motorradunfall im Krankenhaus (wird aber wieder) und und und.
Wie auch immer... ich hab mich - so wie du - trotzdem nie unterkriegen lassen und hatte eine recht unerschütterliche Zuversicht in mir, dass es früher oder später auch mal ganz einfach und gut laufen wird. Ich war bis zum jetzigen Zeitpunkt auch ein sehr aufgedrehter, aktiver und lustiger Mensch. Mein Motto: „Mitten im tiefsten Winter wurde mir endlich bewusst, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.“ (Albert Camus)
Leider hat mir jetzt genau diese Zuversicht irgendwie den Boden unter den Füßen weggezogen. Daher dachte ich, schreibe ich dir mal.
Ich bin diesem Irrglauben auf den Leim gegangen, dass nach viel Schlechtem ja irgendwann etwas Gutes kommen muss. Dass man das ja quasi "verdient" hat. Als "Belohnung", weil man so stark war und sich weiter dem Leben zugewandt hat. Wie du ja im Titel schreibst, Karma oder sowas.
Als dieses vermeintlich Gute dann auftauchte (ich habe einen tollen Mann kennengelernt und alles hat sich genau richtig angefühlt) aber das auf übelste Art und Weise gegen die Wand gefahren ist, hat mich das jetzt von jeglichem Glauben abfallen lassen, dass es jemals besser wird. Irgendwas ist damit in mir zerbrochen.
Ich habe realisiert: Das Leben schuldet einem eben garnix. Ich habe dieser Hoffnung auf "DAS GUTE", das irgendwann passieren wird, zu viel Bedeutung beigemessen. Meine Theorie hat sich quasi nicht bestätigt und in mir hat sich jetzt eine fette Blockade aufgebaut: Ich habe keinen Bock mehr. Finito. Ich will nix mehr wissen. Keine Lust mehr aus Zitronen irgendeine blöde Limo zu machen und zum 100 Mal mir Podcasts zu Resilienz anzuhören. Es geht doch eh immer so weiter! und weiter und weiter.
Und nach jahrelang starke, lebensfrohe Singlefrau, gehe ich jetzt doch übermorgen in eine psychosomatische Klinik weil es mir nach fast 4 Monaten immer noch schlecht geht wegen einem Typen den ich nur 3 Monate gekannt habe. Dabei habe ich schon meine Mutter bis in den Tod begleitet und bin ständig für meine Schwester da.
Bevor ich jetzt hier zu viel schreibe und von mir quatsche, was will ich dir damit einfach sagen? Hmmm ja, dass die Erwartungshaltung auf eine bessere Zeit in der Zukunft natürlich irgendwie wichtig ist, man aber auch nicht zu sehr auf diesen Zeitpunkt hinleben sollte. Es gibt keine Wiedergutmachung für schlimme Dinge, die wir erleben müssen. Wenn man das erwartet, wird man im Zweifelsfall bitter enttäuscht.
Ich hoffe jetzt in der Klinik irgendeine neue Lebenshaltung zu finden, mit der ich nicht ganz schwarz in die Zukunft sehe aber trotzdem nichts erwarte. Bisher ist es mir ein Rätsel, was das sein soll.
Hoffe das klingt jetzt nicht alles so negativ. Bin gerade in einer komischen Phase.