Hier wird ja oft über das Jugendamt negativ gesprochen, weil angeblich zu schnell eingegriffen wird. Ich erlebe leider immer öfter das Gegenteil. Ich habe als Vertrauenslehrerin in letzter Zeit leider öfter mit dem Jugendamt zu tun und mich schon mehrfach über deren Passivität geärgert, die in Coronazeiten zugenommen hat.
Nun lese ich heute dies:
https://www.mopo.de/im-norden/meck-...t-kinder-in-kita-jugendamt-schaltet-sich-ein/
Schön ist der Satz "Derzeit werde geprüft, ob die Kinder in eine Pflegefamilie kommen oder ob sie zurück zu ihrer Mutter dürfen. "
Das ganze ist leider kein Witz, es kommt immer wieder vor, dass die Jugendämter selbst in offensichtlich krassen Situationen beide Augen zudrücken. Was habt Ihr für Erfahrungen mit dem Thema?
Ich habe im Beruf mit dem Jugendamt ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht.
Sowohl sehr positive, als auch äußerst negative.
Wenn eine hilfesuchende Familie Glück hat und an einen kompetenten Sachbearbeiter gerät, kann das Jugendamt viel Unterstützung und Hilfe bieten.
Wenn eine hilfesuchende Familie Pech hat, erhält sie entweder gar keine Hilfe oder schlimmstenfalls wird eine Familie, die um Hilfe bittet, auseinandergerissen.
Ich denke, das Kernproblem ist, dass Kinder und Jugendliche in unserem überalterten Land kaum eine Lobby haben, was sich in allen Lebensbereichen niederschlägt und in jüngster Zeit durch die Pandemie nochmal sehr deutlich geworden ist.
Was es bräuchte, wäre GELD. Und davon eine Menge.
- mehr Geld für unser Bildungssystem. Die räumliche, personelle und digitale Ausstattung in einem Großteil der deutschen Schulen ist eine Katastrophe.
- mehr Geld für Kitas-/Krippenplätze.
- mehr Geld für Jugendämter.
- mehr Geld für Kliniken und niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater/-psychotherapeuten.
Die mehr als bescheidenen Arbeitsbedingungen und auch Vergütungen in Jugendämtern, Schulen, Kindegärten und Krankenhäusern haben dazu geführt, dass kaum noch jemand Lust hatte, in den entsprechenden Berufen zu arbeiten bzw. diese zu erlernen.
Jetzt herrscht an allem ein Mangel: an Lehrern, Sozialpädagogen, Erziehern, Kindertherapeuten, Kinderpsychiatern.
Das bringt mehrere Nachteile mit sich: Zum einen werden auch weniger fähige Mitarbeiter eingestellt bzw. weiterbeschäftigt. Besser ein mittelmäßiger (schlechter) Mitarbeiter als noch eine offene Stelle.
Zum anderen sind die sehr engagierten Mitarbeiter massiv überlastet, ausgebrannt und überfordert.
Wer überfordert ist, dem passieren Fehler. Und Fehler können im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe drastische Konsequenzen haben.
In Deutschland gibt es ca. 13,75 Mio. Menschen U18.
Weißt Du, wie viele Kinder- und Jugendpsychiater es gibt? 2300.
Dazu kommen noch 10.000 Psychologen und psychotherapeutisch tätige Sozialpädagogen.
Dies führt unter anderem dazu, dass Familiengerichte keine wirklich qualifizierten Gutachter mehr finden, um wirklich fundierte Entscheidungen in Verhandlungen treffen zu können.
Und es führt dazu, dass psychisch kranke Kinder- und Jugendliche selbst bei schwersten Erkrankungen ewig auf Klinikplätze und erst recht ambulante Therapieplätze warten.
Sowohl das Bildungssystem, als auch der gesamte Bereich der Kinder- und Jugendhilfe sind seit Jahrzehnten kaputtgespart worden.
Die Leidtragenden sind zuerst die Kinder, Jugendlichen und ihre Eltern.
Was daraus gesamtgesellschaftlich folgt, wird sich in den nächsten Jahrzehnten zeigen.