Liebes kurzes Streichholz!
Vieles von dem was du schreibst, kann ich sehr gut nachvollziehen.
Als ich ungefähr drei Jahre alt, ging ich tränenüberströmt zu meiner Mutter und sagte ihr: "Mama, mein Schwänzchen ist abgefallen!"
Worauf meine Mutter mich darüber aufklärte, dass ich ein solches gar nie gehabt hätte - und auch niemals haben werde...
Daraufhin war ich mehrere Tage lang völlig deprimiert, so hat mir meine Mutter erzählt.
Ich wollte ein Junge sein!
Und ich benahm mich auch wie einer: Es gibt von mir ein Kinderfoto, wo ich mit den Jungs zusammen stehend an einen Baum pinkle...
Bevor ich in den Kindergarten kam, war das auch relativ unproblematisch: Ich gab mich einfach wie ein Junge und zog mich auch so an.
Doch als ich in den Kindergarten kam, begannen die Probleme. Die "richtigen" Jungs akzeptieren mein Verhalten nicht, es irritierte und verunsicherte sie - vor allem aber machte es sie aggressiv.
Sehr früh schon wurde ich mit dem Verhalten von Männern - bzw. Jungs - konfrontiert, dass sie mir praktisch gewaltsam klarmachten: Du bist ein Mädchen, du bist eine Frau, du bist uns körperlich unterlegen und hast das gefälligst zu akzeptieren!
Als ich in die Pubertät kam und der sexuelle Aspekt zu dem Ganzen kam, wurde es richtig unschön.
Ich zog mich weiterhin wie ein Junge an, breite Hosen, übergrosse Pullover, kurze Haare.
Ich hatte eine riesige Klappe, rauchte und trank mehr als die jungen Männer - und prügelte mich sogar mit ihnen!
Vor allem junge Männer aus anderen Kulturkreisen, in denen die Frau eine sehr unterlegene Rolle einzunehmen hat, reagierten mit extremer Aggressivität und offener Gewalt auf mein Verhalten.
Was mit allmählich mit Beschimpfungen begann (Hu*e, Nu**e, Schlampe) und mit Sätzen wie "der sollte man👎 mal eine Lektion erteilen!", "der sollte man👎 mal ihre grosse Fresse stopfen", endete schliesslich damit, dass man mir gewaltsam klar machte was ich bin: Eine Frau, körperlich unterlegen, dass ich zu jenem Teil der Menschheit gehöre der ge*ickt wird - und nicht zu jenem Teil, der fi*t.
Leider muss ich das Ganze so primitiv beschreiben, da dieser Vorfall schlicht und einfach eine pure Machtdemonstration war, es hatte vermutlich noch nicht mal primär etwas mit Sex zu tun, sondern wirklich einfach damit, dass man mir gezeigt hat wo mein Platz ist in dieser Welt (unter den Männern) und welche Rolle (die demütige, unterwürfige) ich gefälligst zu spielen habe...
Danach war mein Hass auf die Männerwelt natürlich riesig.
Ich hatte einen unfassbaren Hass darauf, dass man mich schwach, zu einem Opfer gemacht hatte.
Und ich kämpfte mit den exakt gleichen Gedanken, mit welchen du kämpfst, dass ich dachte: Es ist einfach nicht fair! Es ist verdammt nochmals nicht fair... Diese Idioten sind mir in jeder Hinsicht unterlegen - ausser halt in dieser einen einzigen, körperlichen.
Und nur aufgrund dessen haben sie die Möglichkeit, so viel Macht über mich und mein Leben auszuüben!
Und es hat sehr, sehr lange gedauert bis ich realisiert habe, dass das keine Rolle spielt - zumindest für mich nicht.
Es ist egal, dass sie mich in dieser Hinsicht beherrschen können - sie sind letztendlich dennoch schwächer als ich, da sie im Innern schwach sind. Erbärmlich, bedauernswert.
Und nur weil sie dies selber ebenfalls so empfunden haben, mussten sie ihre körperliche Überlegenheit mir gegenüber überhaupt auf solche schändliche Art und Weise missbrauchen!
Viele Jahre lang war ich nur von einem einzigen Gedanken besessen: Dass ich nie mehr Opfer sein will.
Ich habe viel Krafttraining gemacht, Kampfsport und ich verliess das Haus nie ohne Messer oder Pfefferspray.
Davon absehen konnte ich erst, als mir eines Tages jemand gesagt hat: Gewalt zieht Gewalt an!
Und indem du mit einem Messer in der Tasche rumläufst, ziehst du die Gewalt erst richtig an...
Irgendwie leuchtete mir das ein und heute fühle ich mich auf der Strasse auch wieder so sicher, dass ich dieses "Beruhigungsmittel" nicht mehr brauche.
Ich fühle mich nicht nur sicher - sondern ich fühle mich auch stark!
Und ich kam in den vergangenen Jahren immer wieder in brisante Situationen, in welchen es mehr als einmal so war, dass ICH die Männer beschützen musste! 🙂
Was übrigens in zwei Fällen zur Folge hatte, dass diese Freundschaften danach zerbrachen - weil diese Männer nicht mit dem Gefühl klarkamen, "versagt" zu haben. Sie hätten MICH beschützen müssen - und nicht umgekehrt!
Ich möchte kein Mann sein - trotz allem, was ich erlebt habe!
Ich bin gerne eine starke, selbstbewusste Frau, die eben gleichzeitig eine Frau sein darf.
Als Mann lebt man ständig mit diesem Druck stark, überlegen, erfolgreich sein zu müssen.
Das Gefühl schwach zu sein - schwächer als die Männer - war für mich jahrelang ein unerträgliches.
Aber heute ist das anders: Das Gefühl auch mal schwach sein zu dürfen, Kontrolle abgeben zu können, sich fallen lassen zu können ist ein sehr Schönes...
Und ich geniesse es auch sehr, dies so empfinden zu können in Gegenwart meines langjährigen Lebenspartners.
Dieses Selbstbewusstsein habe ich zu einem sehr grossen Teil weit ihm zu verdanken... Vor allem aber auch die Tatsache, dass ich durch ihn gelernt habe einen Mann absolut und bedingungslos zu vertrauen.
Dies war vor allem auch möglich da ich weiss, dass er seine körperliche Überlegenheit mir gegenüber NIE missbrauchen würde - egal was geschieht!
Und zum Schluss nur noch so als kleiner Gedankenanstoss: Der Mensch wurde nicht aus Gründen der Körperkraft zu dem am weitesten entwickeltsten Lebewesen... Sondern eben auch Gründen des Intellekts!
Muskeln kann man trainieren... Kampfskills ebenfalls... Aber glaub mir: Du kannst auch als "schwache" Frau sehr vielen Männern überlegen sein... 😉