Hallo Welt! Ich bin mal wieder hier - habe gerade mal meine ersten zwei Texte überflogen - sie scheinen mir so unwichtig heute - so...
In meinem ersten Text schrieb ich, dass mein Bruder ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) hat und dieses Jahr wahrscheinlich nicht überleben wird. So ist es. Heute nacht - in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch hat sein Körper endgültig aufgegeben. :wein:
Ich fühle mich momentan so leer. Mein Mann ist heute wirklich lieb - wirklich. Er hat sofort Urlaub genommen, mich in den Arm genommen, sich um die Kinder gekümmert (er hat es geregelt, dass die Mama der besten Freundin meiner Kleenen sie mit aus dem Kindergarten nimmt und erst mal mit zu sich nach Hause). Er ist wirklich lieb heute.
Ich bin die jüngste von fünf Kindern. Meine Geschwister sind 16, 14 (jetzt leider nicht mehr), 12 und 10 Jahre älter als ich.
Wir haben uns heute (na ja, zumindest mein ältester Bruder mit seiner Frau und wir) getroffen, um einiges zu besprechen. Meine Schwägerin hat mich in den Arm genommen und gleich kam der Satz "So war es jetzt besser - jetzt leidet er nicht mehr!" JA KLAR, das weiß ICH AUCH! Mein Bruder hat mich nur angelächelt. Keine Spur von Traurigkeit - keine Umarmung. Das tat ein bißchen weh. Ja, ich weiß, jeder hat so seine Art, damit umzugehen, aber er sah nicht einmal so aus, als wäre er wirklich traurig.
Meine Schwester (12 Jahre älter) ist gar nicht zu errichen. Sie hat zwar ein Handy, aber immer wieder (und ich meine wirklich IMMER) geht ihre sch... Mailbox an "Hallo, hier ist ...! Ich bin gerade nicht zu erreichen, melde mich aber! Bye!" IMMER! Also ist mein Mann hingefahren um sie zu erreichen, aber nö, sie macht die Tür ja nicht auf.
Vielleicht sollte ich mal erklären, dass ich in den Augen meiner Geschwister (ich weiß nicht, ob bei allen, aber bei meiner Schwester auf jeden Fall) nicht wirklich geliebt bin. Ich fürchte, mein Vater hat meine Mutter damals vergewaltigt und daraus bin ich dann entstanden. Mit mir redet niemand wirklich darüber - es gibt immer nur diese Andeutungen - "Wenn Du wüßtest!" - usw.
Mein Bruder (10 Jahre älter als ich) ist der Egoist in Person. Was er meint, will, tut ist auf jeden Fall das Non Plus Ultra und alle anderen haben sowieso immer nur Unrecht und keine Ahnung.
Wir wollten gemeinsam zu meiner Mama (mittlerweile 80 Jahre alt) fahren um es ihr schonend beizubringen. Aber wer kam nicht? Ja, unser Familienegoist. Hat er doch immer mehr Kontakt zu seinen Geschwistern gewollt (in Gegenwart meines jetzt verstorbenen Bruders), wollte er doch immer den Kontakt halten (zumindest, wenn mein verstorbener Bruder dabei war). Tja, was soll ich sagen - ICH habe versucht, diese Familie zusammen zu halten. Ich habe immer zu jedem gehalten. ICH habe immer versucht, alle zusammen zu bringen - NIE habe ich es wirklich geschafft. Nur N., mein großer Bruder, der mich immer "Schwesterchen" oder "Meine kleine Schwester" nannte, der war MEIN BRUDER! Er hat mir NIE das Gefühl gegeben, nicht dazu zu gehören.
Mein ältester Bruder ist ein so gebildeter Mann - er ist wirklich sehr klug und hat es sich in seinem Leben wirklich stark erkämpfen müssen um jetzt da zu sein, wo er ist. Er war NIE der Familienmensch. Das hat mein Papa damals kaputt gemacht. Er hat ihn "Blödmann" beschimpft und "Aus Dir wird so wie so nichts Du Trottel" gesagt, als meine Mama und er ihn wegen einer 1 etwas veräppeln wollten und ihm sagten, er hätte ein 5! Mein Bruder hat immer gekämpft um allen zu beweisen, dass er nicht der Blödmann ist, als den mein Vater ihn beschimpft hat. Daher ist er nie DER Familienmensch geworden. Aber das war komischer Weise auch immer okay - es war halt so.
Mein Papa ist längst tot, meine Eltern waren auch schon lange geschieden - ich war noch klein - und meine Mama wollte immer, dass wir als Familie zusammen halten. Alle tuen so, wenn sie in der Nähe ist - spielen eine Familie. Wenn sie mal die Augen schließt, ist das endgültig vorbei. Allerdings habe ich damit dann auch abgeschlossen.
Ich habe dann nur noch einen älteren (sehr ehrgeizigen und viel beschäftigten) Bruder und zwei tote (meine Mama hatte zwei Jahre vor mir eine Todgeburt) Geschwister. Die anderen zwei werde ich aus meinem Leben verbannen - so, wie sie es jetzt schon die ganze Zeit hinter Mamas Rücken tuen.
Mir fehlt mein großer Bruder. Mir fehlen seine Geschichten, die er immer mit viel Liebe und ausschweifend erzählt hat. Mir fehlt MEIN GROßER BRUDER! Warum weint hier niemand außer mir?? Ist es denn so falsch, traurig zu sein, obwohl auch ich weiß, dass es für ihn das Ende seiner Leiden war?? Darf ich denn nicht weinen und traurig sein?? DARF ICH DENN NICHT TRAURIG SEIN?? Mir fehlen jetzt trotzdem meine Geschwister, die mich so in den Arm nehmen, wie sie sich gegenseitig, als sie von der Krankheit erfuren. Da hat sich jeder in den Arm genommen - warum macht das denn jetzt keiner? Dürfen wir jetzt nicht traurig sein und ihn vermissen??
Ich sollte noch etwas erklären. Mein (verstorbener Bruder) hatte ml ein sehr großes Tief in seinem Leben - ja wir hatten sogar Sorge, dass er es sich nimmt. Ich habe ihm damals zeigen wollen, dass er von seiner Familie gebraucht wird und habe ihn gefragt, ob er mein Trauzeuge bei meiner Hochzeit sein möchte. Er hat ja gesagt und so hatte ich den besten Trauzeugen, den ich mir wünschen konnte. Und danach ging es bergauf bei ihm. Er lernte eine Frau kennen und lieben und stellte sie uns vor. Ja, ich hatte auch erst ein paar - na, wie soll ich es nennen - Vorurteile wäre das falsche Wort - na ich versuch es mal zu umschreiben: sie war komisch - hatte eine merkwürdige Art an sich - aber nach etwas längerer Zeit habe ich mich gut mit ihr verstanden und sie war sogar gleichzeitig mit mir schwanger - sie allerdings ein paar Monate später. Meine Geschwister mochten sie überhaupt nicht. Haben sie nur so angesehen, als wollte sie von meinem Bruder nur Kinder haben und mehr nicht. So ein Quatsch - meines Erachtens und damals.
Sie hat es den anderen leicht gemacht, sie nicht zu mögen. Sie hatte einen scharfen Ton meinem Bruder gegenüber und mein Bruder hat aus Liebe zu ihr und den mittlerweile vier Kindern alles getan. Sie kommt gebürtig aus Sachsen und sie wollte unbedingt wieder dorthin, weil sie meinte, dass sie von allen Westfalen (ich bin hier in NRW) gehaßt wird. Also haben sie und mein Bruder den Entschluss gefaßt, hier alle Brücken abzubrechen und nach Sachsen zu ziehen. Oh, was haben meine anderen Geschwister gezetert und gemeckert - auf sie geschimpft und versucht, meinen Bruder zu überzeugen, dass er einen großen Fehler macht. Natürlich war er verletzt und ist dann auch ein bißchen aus Trotz weg gegangen. Ich habe immer den Kontakt zu ihm gehalten - ich war praktisch das Sprachrohr zwischen ihm und dem Rest seiner hiesigen Famile.
Dann kam die Nachricht, dass er todkrank ist. So lange er konnte, hat er sich um sie und die Kinder gekümmert. Dann ist er in ein Pflegeheim gegangen um ihr nicht die Arbeit und den Kummer zu zu muten. UND JETZT KOMMTs: Ich fürchte - es hatten alle Recht. Sie hat ihn beschuldigt, sie mit den Kindern sitzen zu lassen - mit den Schulden, die sie gemeinsam aufgenommen hatten (sie haben sich dort einen alten Kotten gekauft, den sie zusammen sanieren und renovieren wollten), mit der ganzen Arbeit. Sie hat ihren Kindern verboten, ihn zu besuchen - ja sie ist sogar als armes verlassenes Frauchen ins Fernsehen gegangen und hat meinen Bruder als schlagendes, kaltherziges und böswilliges Monster dargestellt. Wir waren hier alle entsetzt. Wir haben meinen Bruder angefleht, doch hier hin zu kommen - hier würden wir ihn begleiten bis zum Schluß - für ihn da sein - ihn ablenken. NEIN, er wollte in der Nähe der Kinder bleiben - ja hat ihr sogar diese Fernsehsendung verziehen, so dass die Kinder ihn besuchen konnten.
Wir konnten hier nur von der Ferne aus warten, was wann passiert. Mein ältester Bruder ist wahnsinnig versiert (schreibt man das so?) in Computerdingen. Er ist zu meinem Bruder gefahren und hat ihm eine Blog-Seite angelegt, damit wir hier mit ihm dort in Kontakt kommen konnten. Er hat ja von der Krankenkasse einen Computer bekommen, weil bei ALS ja auch die Sprache irgendwann nicht mehr funktioniert und er sich nur mit Hilfe des Computers verständigen konnte. Man, was war ich happy - endlich wieder regelmäßigen Kontakt mit ihm - er schrieb so - ja so, wie ich ihn kannte. Bei ALS bleibt das Hirn und das Herz das, was bis zuletzt funktioniert. Daher war es auch nie zu merken, dass er eigentlich todkrank war.
Noch letzte Woche Mittwoch schrieb er "werde täglich ein bißchen von mir hören lassen". Dann kam nichts mehr. Das war eigentlich gar nicht ungewöhnlich. Die Netzstabilität war in seiner Gegend echt schlecht. Aber dieses Mal war es nicht das Internet - dieses Mal sollte es nicht mehr sein.
Warum schreibe ich das alles hier - nun, als ich das erste Mal hier geschrieben habe, habe ich ein paar sehr nette Antworten bekommen, die mir gut taten. Ich habe gemerkt, dass ich - wenn ich es auch nur hier schreibe und ich weiß, dass es jemand liest - mir besser geht. Ich habe das Gefühl "Es hört mir jemand zu"! Wahrscheinlich habe ich auch einige Details vergessen - man sehe es mir nach - ich bin nicht wirklich ganz Herr meiner Sinne heute.
Ich glaube, dieser Text hätte eigentlich in die Rubrik TRAUER gehört, aber ich wollte nicht noch mehr auf meine ersten Texte eingehen müssen - daher habe ich es hier hinter gehängt.
Bitte entschuldigt, dass ich (schon wieder) einen halben Roman geschrieben habe, aber es sammelt sich immer einiges bei mir an und irgendwann muß es alles mal raus - ihr seid meine Ohren, die zuhören - ihr seid meine Arme, die mich umarmen - DANKE DAFÜR!