Dein Hund ist im besten Alter. Da hat er Power ohne Ende. Das gilt es zu kanalisieren.
Klar kann man mal gemeinsam raufen und rennen. Aber nicht im Sinne von Wettbewerb, wer gewinnt. Das puscht nur unnötig hoch und verstärkt gerade die Eigenschaften, die Du nicht verstärken möchtest. Der braucht Dich nicht als Spielkamerad. Da ist ein Treffen mit Hundekumpels am See die bessere Wahl. Der braucht Dich als sicheren Hundeführer, der Begegnungen mit anderen Menschen und Hunden regelt und alles andere organisiert, damit er nicht den Streß hat, sich um sowas kümmern zu müssen.
Wichtig ist, den Hund tatsächlich verantwortungsvoll und vorausschauend zu führen. Wenn da eine Katze ist oder ein Mensch oder Hund, der Anlaß für eine kleine Leinenpöbelei sein kann, dann reicht es nicht, den Hund im Nachhinein ins Sitz zu bringen, bis er sich beruhigt hat, sondern es gilt vorausschauend zu handeln, Nein-Kommando zu geben oder abzulenken, Richtung zu wechseln oder weit vor der Begegnung Sitz machen, Übungen etc. nicht erst dann, wenn das Gebelle und der Impuls zur Jagd schon erfolgt ist. Du gestaltest die Situationen, die Du schon von weitem wahrnimmst und reagierst nicht erst auf sein unerwünschtes Verhalten.
Mein Hund ist im gleichen Alter Podenco-Labrador-Mix und wahrlich eine wilde Hummel mit mangelnder Impulskontrolle. Aber gerade an der Impulskontrolle gilt es immer zu arbeiten. Im Moment lernt er - natürlich an der Leine - bei jedem Kaninchen umzudrehen und zu mir zu kommen. Das ist superschwer für den Hund, da der natürliche Weg für ihn geradeaus und wild hinter dem anderen herzujagen wäre. Aber ich merke, daß es ihm zunehmend Freude macht, wenn es ihm gelingt, dem Impuls zu widerstehen und er dafür gelobt und belohnt wird, wenn er sich abwendet und stattdessen zu mir umdreht. Das lastet ihn total aus, weil das im Gegensatz zu irgendwelchen Tricks echt schwer für ihn ist.
Die Länge des Auslaufs finde ich tatsächlich für Deinen Hund grenzwertig. Ein Hund der Größe, in dem Alter, der gerade in vollem Saft und Kraft ist, da finde ich 1 1/2 Stunde auf den ganzen Tag gerechnet die absolute Untergrenze. Das sind ja quasi nur 3 Halbestunderunden. Wir haben jeden Tag mindestens eine richtig lange Runde von 1 - 2 Stunden, wo er auch freilaufen kann und viel anderen Hundekontakt hat. Nichts lastet einen Hund besser aus meiner Erfahrung nach als kommunizieren, Spielen, Raufen, Rennen mit anderen Hunden.
Außerdem habe ich festgestellt, daß es für meinen Hund besser ist, wenn wir zumindest die große Runde immer mal wieder woanders gehen. Wir gehen eigentlich selten zwei Tage hintereinander die gleiche Runde. Wir wechseln auch zwischen Stadtrunden und Rhein, Halde, Wald, See... Nicht nur seinetwegen, sondern auch weil ich immer mal wieder Abwechslung brauche. Runden, wo wir länger nicht waren, lasten ihn stärker aus, weil er da viel interessierter schnüffelt. Nasenarbeit ist immer gut.
Auf unbekannten Strecken oder Runden, die wir nicht so häufig gehen, achtet er auch zwangsläufig deutlich besser auf mich und kommt gar nicht so in den Pöbelmodus, weil er viel mehr mit Orientierung und Umgebung beschäftigt ist.
Hilfreich für mich ist auch, wenn ich mich mit anderen Hundehaltern verabrede, von denen ich weiß, daß sich unsere Hunde gut verstehen. Danach ist mein Hund auch viel entspannter als nur mit mir allein. Den meisten Hunden tut es gut, mit anderen Hunden unterwegs zu sein. Auch wenn die Hunde an der Leine sind und Gassi gehen und nicht die ganze Zeit miteinander frei rumtoben können. Aber es ist was anderes für einen Hund, wenn er mit einem anderen Hund zusammen unterwegs ist. Die kommunizieren miteinander. Der eine schnüffelt was, der andere kommt dann sofort und schnüffelt auch... ist wahrscheinlich ähnlich wie mit uns Menschen, wenn wir plaudernd miteinander spazieren gehen und uns auf etwas am Wegrand aufmerksam machen.
Und am Wochenende sind dann richtig lange Wanderungen angesagt. Das tut uns beiden gut und dann ist er in der Woche noch entspannter.
Ich versuche meinen Hund möglichst oft einfach mitzunehmen, anstatt zuhause zu lassen. Wenn wir Freunde besuchen, Stadtbummel, Zoo, am See schwimmen, Ausflüge machen, Bootstour oder Kräuter sammeln im Wald. Der Hund ist immer mit dabei. Auch sowas mit seinen vielen unterschiedlichen Eindrücken lastet einen Hund ganz nebenbei körperlich und mental aus. Und stärkt die Bindung und das Vertrauen zwischen Hund und Halter.
Ich kann Dich nur ermutigen, erfinderisch zu sein und immer mal wieder was auszuprobieren, was für Euch beide gut passt.
Wenn Dich sein Verhalten zu sehr und immer mehr stresst, dann hol Dir Hilfe bei einem guten Hundetrainer. Der Dich beobachtet und Dir Hinweise geben kann. Wir hier lesen ja nur das, was Du hier schreibst und daher selbst eigentlich schon erkannt hast. Aber wir alle haben weiße Flecken, wenn es um die Selbstbeobachtung geht. Da gibt es bestimmt noch einiges, was Dir gar nicht so auffällt, aber ein Außenstehender gut sehen kann. Ist bei mir sicher nicht anders. Unsere Hunde sind auch immer zu einem gewissen Teil unser Spiegel.
Hundeverein wäre jetzt nicht so mein Favorit zur Auslastung und Erziehung. Das liegt vielleicht daran, daß ich total viele Hunde kenne, die auf dem Platz super sind, aber im Alltag trotzdem nicht besonders alltagstauglich. Als Ergänzung sicher prima, aber das Training auf dem Platz ersetzt nicht das verantwortungsvolle Führen im Alltag.
Ach ja, dieser Satz ist mir noch aufgefallen "Tut er nicht was ich will kann ich ihn maximal in Platz bringen und für mehr reichts nicht." Es geht nicht darum, seinen Hund Platz machen zu lassen, nachdem er unerwünschtes Verhalten gezeigt hat, sondern das unerwünschte Verhalten vorher durch einen klaren Hinweis oder Handlung zu unterbinden. Dazu mußt Du aufmerksam sein und vorausdenken. Du kennst deinen Hund doch und weißt, wie er auf bestimmte Reize reagiert. Wenn mein Hund pöbelt oder noch schlimmer, was unerlaubtes frisst, dann nützt es doch gar nichts, wenn er danach Platz macht. Ziel muß es doch sein, daß ich das vorher bemerke und klar Nein sage und wenn das nicht reicht, ihn wegführe, so daß das Verhalten selbst unterbunden wird und nicht im Nachhinein schön Sitz gemacht wird.