Als ich das erste Mal nach Deutschland ins Bayrische kam, hörte ich öfter ein "Grüß Gott!". Und ich dachte jedes Mal: "Hä???" Warum soll ich Gott grüßen? Ich kenne den Mann doch gar nicht. Was weiß denn ich, wo der steckt?!"
Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich kapiert habe, dass das eine leere Worthülse ist und mit Gott gar nichts zu tun hat.
Meine Klassenkameraden haben mich früher immer Tourist genannt. Ich habe erst viele Jahre später verstanden, dass ich das in der Tat in dieser Welt bin. Die meisten Rituale meiner Mitmenschen sind für mich nicht nur sinnlos, sondern auch sehr befremdlich.
Vielleicht kann man das so sagen. Wer als Christ groß geworden ist und in eine jüdische Familie kommt, ihre Feste feiert, wird gegenüber diesen Ritualen niemals das Gleiche fühlen, wie jemand, der als Jude geboren wurde. Da hilft alle Toleranz nicht. Jude ist man von Geburt an. Man kann dort nicht einfach einsteigen wie in einen Sportverein. Natürlich kann man sich dafür entscheiden, den jüdischen Glauben anzunehmen. Aber das macht einen nicht zu einem Juden. Man wird Zeit seines Lebens ehemaliger Christ sein.
Ich habe mich immer heimatlos gefühlt. Eben wie ein Außenseiter. Selbst meinen besten Freunden gegenüber musste ich mich immer erklären. Meine Sicht auf die Welt war "verschoben". Das liegt zu einem Teil an den Gewalt-Erfahrungen, die ich gemacht habe, aber zu einem großen Teil liegt es auch an mir selbst. Ich bin nicht als Materialist geboren worden und ich werde mich dieser Welt gegenüber immer fremd fühlen. Ich verstehe diese Welt nicht. Ebenso wenig, wie andere meine Welt verstehen, die starke spirituelle Einflüsse hat.
Ich bin ein hoch empathischer Mensch und ich kann die Energien des Universums fühlen. Ich denke nicht in Worten, sondern in Gefühlen. Und wenn ich jetzt noch sage, dass ich mit Tieren telepathischen Kontakt aufnehmen kann, dass ich Engel spüren und Dämonen sehen kann, taucht beim Großteil von euch doch schon das hämische Grinsen im Gesicht auf.
Schön, es sei euch gegönnt. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich die Welt so wahrnehme.
Klar kann ich mich anpassen; indem ich mich verleugne, mich verbiege, mir selbst in die Tasche lüge. Und damit bin ich immer noch keiner, der zur materialistischen Gesellschaft gehört.
Ich kann's verstehen, wenn sich jemand der Anpassung verweigert.
Dieses "du musst dich nur anstrengen, dann kannst du auch dazu gehören" ist ein Hohn. Man fühlt sich wie ein Hörender, der von einer Minute auf die andere in die Welt der Gehörlosen verpflanzt wird. Was bitte ist Zeichensprache??? Und warum bitte reagieren die nicht auf Zuruf???
Ich persönlich habe nie den Weg der Isolation gewählt. Ich war mitten unter den Gehörlosen. Aber ihre Welt war halt nie meine Welt. Im Gegensatz zu ihnen konnte ich die Vögel singen hören. Das macht einsam inmitten einer Schar von Menschen. Einsamkeit allein ist schon schwer zu ertragen, aber Einsamkeit mitten unter guten Freunden, das tut sehr weh.
Ich kann's so gut verstehen. Ich kann so verdammt gut nachvollziehen, dass man irgendwann müde ist. Man ist müde in Augen zu blicken, in denen nur Unverständnis und Verwirrung glänzt. Man ist so müde diesem Nichtverstehen gegenüber. Man ist so müde immer wieder auf's Neue zu erklären, was eigentlich unerkärlich ist. Und man ist so müde gegenüber dem Hohn und Spott und der Intoleranz.
Seit einigen Jahren habe ich Menschen in meinem Leben, die aus dem gleichen Stoff sind, wie ich auch. Bei denen habe ich meine Heimat gefunden und ich bin nicht mehr einsam.
Aber um die zu finden, musste ich mir erst mal klar darüber werden, dass ich anders bin und in welcher Hinsicht ich anders bin. Es geht gerade nicht darum sich anzupassen, sondern es geht darum den Mut zu haben sich selbst zu leben, ehrlich und aufrichtig zu sein.
Ein Stück ist man die Einsamkeit los, wenn man sich selbst gefunden hat, aber damit hat man immer noch keine Heimat. Ich persönlich kann und konnte nicht in mir selbst wurzeln. Ich weiß nicht, ob andere das können.
Eins ist gewiss: Nicht der Einzelne muss sich anpassen, sondern die Gesellschaft und der Einzelne müssen sich aufeinander zu bewegen. Und da kann sich jeder gleich mal an die eigene Nase fassen. Wenn ihr das Vogelsingen nicht hören könnt, könnt ihr es nicht hören und damit wird es gegenüber den Hörenden immer Ausgrenzung geben. Aber die Frage ist, wie groß ist euer Mut und wie gering kann die Ausgrenzung sein, ohne dass es euch Angst macht?
Tuesday