Ein Hund
Es ist eine komische Geschichte. Nein, keine Geschichte - es ist Realität. Ich schreibe über einen Hund, dessen Namen ich noch nicht mal kenne.
Ein mittelgroßer Hund mit braun-rötlichen langen Haaren. Der Hund meines Nachbarn. Als ich vor gut 10 Jahren hierher gekommen bin, ist er mir schon aufgefallen. Eigentlich ein Collie mit einer langen Schnauze und dem typischen Fell.
Als ich damals diesen Nachbarn zum ersten Mal besuchte, kam dieser Hund - ich nenne ihn "Gaston", weil ich meine sein Besitzer würde ihn so oder so ähnlich nennen - sofort angelaufen, beschnupperte mich interessiert und blickte mich aus seinen wachen Augen an.
Bei meinen weiteren Besuchen im Laufe dieser zehn Jahre bekam ich mit, das dieser Hund seinen Platz - seinen Schlafplatz - beim Nachbarn unter der Treppe hatte. ( hat! ) Also zwar im Bereich des Hofes, aber doch jedem Wind und jeder Temperatur ausgesetzt. Zum besseren Verständnis sei angemerkt, das alle Hunde der Bauern hier frei leben - sich also im Dorf mehr oder weniger frei bewegen.
Selbstverständlich ist dieser "Gaston" seinem Besitzer ein bester Freund; er ist dabei wenn es hinaus mit dem Trakto aufs Feld geht, er ist dabei wenn sein Herr auf dem Hof seine Arbeit verrichtet. Er hat allerdings nie das Haus des Bauern betreten, oder würde gar - wie mein Hund - mit dem Auto hinaus in den Wald zum Spazierengehen gefahren.
Vor vier Monaten etwa; es war ein Samstagnachmittag, kam ich nach Hause gefahren. Computer eingeschaltet und währenddessen aus dem Fenster gesehen. Nanu? Gaston lief die Straße entlang. Nein, er lief nicht, er humpelte auf drei Beinen. Er hatte das rechte Hinterbein angezogen.
Auch an den folgenden Tagen änderte sich daran nichts und ich begann mir Gedanken zu machen. Am folgenden Mittwoch traf ich den Nachbarn.
"Was ist mit Deinem Hund"? fragte ich. Inzwischen kam Gaston angehumpelt und setzte sich - wohl müde - neben uns auf die Wiese.
Der Besitzer, trotz allem dem Weinen nahe ( ! ) erzählte dann, das dieses Hinterbein gebrochen wäre. Der Tierazt wäre zweimal dagewesen, aber bei einem Alter von 16 Jahren wäre da nichts mehr zu machen. Er hätte das Einschläfern vorgeschlagen, weil diese Knochen nicht mehr zusammenwachsen würden. Er, der Nachbar, hätte daraufhin aber gesagt: "Oh, laß ihn noch eine Weile leben"! Wir spekulierten darüber, wie das wohl passiert sein könne, denn weder er noch irgendein anderer Nachbar hatte etwas gesehen. Er war allerdings der Ansicht, daß dies nur einer der Autofahrer gewesen sein könne, die aus einem winzigen Wohngebiet hier täglich vorbeifahren. "Aber", sagte er düster " diesem Menschen wird dasselbe passieren. Das weiß ich"!
In den folgenden Wochen beobachtete ich das Tier hier durchs Fenster oft. Tatsächlich gewöhnte es sich an den Makel, ja rannte sogar auf den funktionsfähigen Beinen durch die Straße. Vor etwa einem Monat war zu beobachten, daß Gaston wieder auf das verletzte Bein vorsichtig auftrat - und eben als ich zu schreiben begonnen habe, läuft das Tier vorne auf der Straße wieder ganz normal auf allen Vieren.