Hallo!
Ich kann deine Frustration gut nachvollziehen, vor allem wenn man den Eindruck hat, dass man selbst alle vernünftigen Mittel ausgeschöpft hat, kann man in der Regel nicht verstehen, weshalb sich Menschen, vor allem solche, die einem sehr nahestehen, selbst nicht vernünftig verhalten.
Es spricht meines Erachtens für dich und für deine geistige Reife, dass du versucht hast, dich mit deiner Mutter über dein Problem zu verständigen, letztlich kann ich persönlich aber auch ihre Position nachvollziehen, die meines Erachtens darauf ausgerichtet ist, ein harmonisches Miteinander zu produzieren, wobei der Respekt vor ihren eigenen Eltern, denen sie es imho auch recht machen will, meiner Ansicht nach in ihren Entscheidungen überwiegt.
Die Verhaltensweisen deiner Großeltern lassen für mich darauf schließen, dass sie rigorose Erziehungsmethoden als einziges probates Mittel sehen, aus einem jungen Menschen einen verantwortungsvollen Erwachsenen zu machen.
Dies kann mehrere Gründe haben, über die ich jedoch lediglich spekulieren kann. Eine Möglichkeit wäre z.B., dass sie selbst "Opfer" einer solchen rigorosen Erziehung gewesen sind. Ohne sie selbst zu fragen, wird sich die Frage nach dem Ursprung ihres Verhaltens aber nicht klären lassen.
Diese Art von Erziehung baut vor allem auf das Prinzip der "Abschreckung", insofern, als dass alle "unerwünschten" Handlungsweisen mit unangenehmen Situationen/Worten/Gefühlen bestraft werden.
Dazu gibt es sehr unterschiedliche Möglichkeiten, von denen physische Gewalt nur die brutalste Option ist.
Psychische Gewalt hingegen äußert sich z.B. in Beschimpfungen ("Du bist unverschämt und frech!"), Entwertung der eigenen Person ("Du bist verwöhnt und verzogen!"), Erzeugen von Schuldgefühlen ("Du lässt dich immer nur bedienen"), etc. pp.
Das Problem dabei ist, dass sich gewalttätige Erziehung, egal ob physischer, oder psychischer Natur, selbst verstärkt, d.h. dass die Strafen meist mit der Zeit unabhängig von der Reaktion des "zu Erziehenden" zunehmen.
Auch das hat mehrere Gründe, ein wichtiger Grund ist aber imho, dass diese Art der Erziehung auch ein Ventil für persönlichen Frust bietet.
Das "Auslassen" von Frust am "zu Erziehenden" wird dann immer mehr damit gerechtfertigt, dass diese Gewalt erzieherischen Maßnahmen dient, wodurch sie eigentlich unbeschränkt gerechtfertigt werden kann.
Ein weiterer wichtiger Faktor sind Angst und Hilflosigkeit, beides Gefühle, die keinem Elternteil der Welt fremd sein dürften und oft auch zu Frust und seltener auch zu Gewalt führen.
Besonders zu Anfang des Lebens der eigenen Kinder sind diese oft (nicht immer) sehr stark abhängig von den Eltern und sehr anhänglich. Jedes Kind findet in der Regel seinen Bezugspunkt für Sicherheit bei seinen Eltern.
Je älter das Kind aber wird, desto unabhängiger wird es auch, es entwickelt sich stark von einem Kind weg zu einem erwachsenen Menschen, der v.a. auch sexuelle Bedürfnisse hat.
Besonders die Angst vor der Verletzung des eigenen Kindes, und ganz speziell von Mädchen, die aus konservativer Sicht besonderen Schutzes aufgrund ihrer körperlichen "Schwäche" bedürfen, führt oft zu völlig überzogenen Ängsten seitens der Eltern, die wiederum das Risiko auf ein Minimum reduzieren wollen.
Das geschieht dann meist durch von Kindern absolut nicht nachvollziehbaren, rigorosen Vorgaben, wie etwa: "kein Mann vor 30!"/"Nicht nach 20 Uhr außer Haus!"/etc.
Angst und Hilfosigkeit sind überdies immer mehr Begleiter, wenn man ein gewisses Alter überschritten hat (70+):
Die eingeschränkte Mobilität macht einem Angst vor Verletzungen, die körperlichen Einschränkungen, wie der Verlust der Sehkraft, oder des Gehörs machen einem zu schaffen und erzeugen in einem das Gefühl, jüngeren, stärkeren Menschen hilflos ausgeliefert zu sein (oft auch ein Grund, warum man sich dann auch nicht helfen lassen will - oder ein Hörgerät ablehnt- weil man sonst schwach erscheinen könnte).
Überdies kommt mit dem Alter oft auch die Angst vor dem Tod. Viele Bekannte und Verwandte "sterben einem weg", ab einem gewissen Alter ist man, sozusagen, öfter auf Beerdigungen, als auf Taufen. Man wird einsam oder hat Angst vor der Einsamkeit, insbesondere, wenn der Partner verstirbt.
Was helfen dir diese Erkenntnisse in deiner Situation weiter?
Mir persönlich kommt es aufgrund deiner Schilderungen so vor, als seien Angst, Frustration und konservative Ansichten hier außer Kontrolle geraten. Es sollte dir bewusst sein, dass deine Situation
nicht normal ist, sondern das Produkt vieler Einflüsse, die sich leider negativ auf dich auswirken.
Das Problem, das ich sehe und das auch ander Poster imho implizit vermitteln wollten, ist, dass sich deine Situation durch deinen Einfluss mit großer Wahrscheinlichkeit nicht ändern lassen wird.
Welche Probleme dem Verhalten deiner Großeltern auch zugrunde liegen, sie sitzen zu tief, um sich durch dich alleine lösen zu lassen. Ob es Frustration, oder Angst, oder ihre eigene Erziehung oder alles zusammen ist, was sie dazu bewegt, sich so zu verhalten, du bist meiner Ansicht nach derzeit nicht in der Lage, auf ihre Ansichten alleine Einfluss zu nehmen.
Deswegen ist es sinnvoll, sich Hilfe zu suchen:
Wende dich an einen Vertrauenslehrer, halte das Verhalten deiner Großeltern fest, schriftlich, als Audiodateien, oder auf Video, sammle Beweise für deine Aussagen über deine Großeltern und diskutiere dein Problem mit deinem Umfeld. Das Jugendamt einzuschalten, kann ebenfalls sinnvoll für dich sein.
Eventuell gäbe es die Möglichkeit, aus deinem Haus in betreutes Wohnen zu wechseln, in eine WG z.B.
Allerdings hat Lyrica auch einen Punkt:
Lyrica meinte:
Die vom Jugendamt sind eben immer so eine Sache, über die man unterschiedlicher Meinung sein kann.
Wenn in der Woche 60 Anrufe wegen Gewalt gegen Kinder und an Säuglingen rein kommt und die grün und blau geschlagen werden, ist es für die pille palle, wenn eine 15 Jährige sich schlecht behandelt fühlt wegen Worten (was es natürlich subjektiv nicht ist).
Nichtsdestotrotz möchte ich dich ermutigen, dich an das Jugendamt zu wenden, um dir zumindest Rat zu holen, ob tatsächliche Konsequenzen folgen können, wird sich dann noch zeigen.
Letztlich wäre mein Rat an dich, deinen möglichst frühen Auszug zu planen, unter diesen Verhältnissen solltest du nicht länger, als nötig leben müssen. Besprich dich hierzu noch einmal mit deiner Mutter. Falls sie sich weigert, dir dabei zu helfen, kannst du dich wiederum an das Jugendamt wenden.
Viel Glück!
Nagelring