Es gibt ungefähr soviel unterschiedliche Vorstellungen von "Freundschaft" wie von "Liebe".
Das Leben ist in Zeiten von Globalisierung, Internet und Handykommunikation sehr schnell geworden. Hinzu gesellt sich die Unverbindlichkeit. "Lass uns nochmal telefonieren!" - und schon hält man sich bei Verabredungen alle Hintertürchen offen. Konfliktunfähigkeit macht sich zunehmend breit. Man merkt es u.a. daran, daß Termine per SMS und nicht persönlich abgesagt werden - vor allem dann, wenn dies extrem kurzfristig geschieht.
Wir sind mobiler als früher, was das Leben durchaus bunter macht, aber auch dazu führt, daß man jedesmal von vorn beginnt, sich ein soziales Netzwerk zu schaffen, wenn man mal wieder in eine andere Stadt, ein anderes Land gezogen ist. Onlineplattformen wie "new-in-town" bieten dabei Unterstützung; wer sie ausprobiert stellt jedoch rasch fest, daß dort viele Teilnehmer lediglich "Freizeitpartner" meinen, wenn sie "Freunde" schreiben.
Freundschaft basiert auf Vertrauen, und das wiederum entsteht durch Nähe. Nur wenn Menschen regelmässig und gut miteinander kommunizieren, wenn sie konkret etwas miteinander unternehmen, können sie irgendwann auf gemeinsame Erlebnisse zurückschauen, die sie miteinander verbinden.
Jedoch gerade die Nähe scheuen viele Menschen heutzutage wie der Teufel das Weihwasser. Sowenig, wie sie in der Lage sind, sich einfach mal eine Stunde lang auf ein gutes Buch zu konzentrieren, sowenig sind sie bereit, sich ausreichend Zeit für das Kennenlernen eines anderen Menschen zu nehmen.
Und alles muß perfekt sein. Sobald die anderen mal nicht mehr nur so sind, wie wir sie gerne hätten, ergreifen wir die Flucht nach vorn.
Wir sind kaum noch bereit, uns für andere einzusetzen. Und wenn andere es für uns tun, stellen wir auch noch Ansprüche und geben ihnen so das Gefühl, sie seien Dienstleister.
Vereine haben erhebliche Nachwuchsprobleme: Man geht lieber ins anonyme Fitnesstudio als zur Gymnastikstunde des Sportvereins, weil man zeitlich flexibel bleiben möchte.
Und dann diese schreckliche Geiz-ist-geil-Mentalität. Sie geht bei vielen mittlerweile so weit, daß sie zwar gerne und ausgiebig plappern, wenn man sie selbst anruft, aber umgekehrt extrem kurzangebunden sind, wenn das Telefonat mal auf ihre Rechnung geht. Bietet man ihnen Alternativen an, wie Voice over IP, ist es denselben Leuten zu mühsam, sich damit auseinanderzusetzen. So brechen "Freundschaften" natürlich rasch auseinander, wenn man erst mal die Stadt verlassen hat. Der Mensch lebt nicht von SMS und EMails allein...
Kurz gesagt: Für mich ist Freundschaft eine Frage von Prioritäten. Für Menschen, die mir wichtig sind, bin ich gern pünktlich bei Verabredungen, für sie nehme ich mir gerne Zeit, ihnen höre ich gerne zu und in ihrer Gesellschaft fühle ich mich wohl. Was das Leben meiner Freunde betrifft, bin ich nicht nur neugierig, sondern aufrichtig interessiert. Deshalb pflege ich diese Kontakte regelmässig und dazu gehört auch, daß ich darauf achte, Freunde nicht zu sehr mit eigenen Problemen zu belasten, deren Lösung in letzter Konsequenz sowieso bei mir liegt.
Freundschaft ist etwas Kostbares. Deshalb sollte man sich um Freunde bemühen, BEVOR man sie braucht. Aber das setzt natürlich ein wenig mehr Tiefgang voraus, als die Spaßgesellschaft hervorzubringen vermag.