Guten Tag, Christa!
Zu Deiner Schilderung fällt mir sofort die Geschichte von "Barmherzigen Samariter" ein, die Du bestimmt auch kennst. Da waren es auch nicht die Frommen, die Gottesfürchtigen, die taten, was Sie hätten tun müssen. Nein, es war genau jemand, der aus einem ganz anderen Hintergrund kam.
Das ist eine Erfahrung, die man allüberall und täglich machen kann.
Ich kann deiner Schilderung eine bittere Erfahrung aus meinem eigenen Leben hinzufügen. Zu meinem Freundeskreis gehört ein Pfarrer, inzwischen zwar pensioniert, aber mit einer guten Pension ausgestattet. Vor einiger Zeit ging es mir aus bestimmten Gründen sehr schlecht, meine finanzielle Lage war grenzwertig. Im Grunde wusste ich nicht mehr, wie ich meinen täglichen Bedarf decken sollte. Konkret: Mir fehlte Geld, um meine Nahrungsmittel zu beschaffen.
Besagter Freund und Pfarrer rief mich seit längerer Zeit - fast jeden Tag - an. Er hat ein Faible für eine zeitgemäße Bibelauslegung, ist der hebräiischen Sprache mächtig, beherrscht das Griechisch, in dem das Neue Testament verfasst wurde. Und dann interpretierte er und kommentierte er am Telefon ellenlang und mit hehrem Pathos das Zeitgeschehen.
Immer wieder hörte ich seine Rede von der Brüderlichkeit. Jesus, unserer Bruder, Gott, unser Vater. Du wirst das kennen. Fast jeden seiner Anrufe leitete er mit der Frage ein, wie es mir gehe. Irgendwann berichtete ich ihm, dass mein Kühlschrank leer sei, mein Vorratsschrank auch. Das sei ja schlimm, nein das habe ich nicht verdient.
Er überlege ja, aber da habe er im letzten Monat so viele unerwartete Ausgaben gehabt, wisse auch nicht, ob er sein Konto noch überziehen könne. In dieser Manier liefen einige unserer Gespräche ab. Ich erinnerte mich daran, dass ich fast bis kurz vor meiner eigenen Misere den jungen Menschen von der Tafel, die regelmäßig vor meinem Supermarkt Lebensmittel sammelten, ebenso regelmäßig eine Tüte mit Lebensmitteln - meistens so um 20 € - in die Hand gedrückt hatte.
Dann seine Ermutigung: "Halt die tapfer. Ich denke an dich!"
Da nicht zynisch zu werden, fiel mir verdammt schwer. Ihm war wohl klar, wie problematisch meine Situation war und mit einem Schlag brachen seine Anrufe ab.
Für mich ist schon länger klar, dass die Diskrepanz zwischen Reden und Handeln umso größer ist, je höher der theologische, politische oder sonstige Anspruch ist, der dahinter steckt. Und dann denke ich wieder an Jesus. Der wusste das: "Gebt ihr ihnen zu essen!"
Er redete nicht nur, er handelte.
Unsere wirklichen Freunde sind nicht die, die große Worte machen. Meist sind es die anderen.
Ich wünsche dir, dass es dir bald wieder besser geht und grüße dich,
Paperback