@Andreas900
Du springst hin und her zwischen sehr spezifischen Aussagen („Ich sehe mich als Künstler“) und Allgemeinplätzen (Das Rad, der Buchdruck, die Technik, das Internet) ohne konkret zu werden. Die vorher formulierte Kritik wird unter banaler Angst subsumiert, die es bei jeder Neuerung gegeben habe. Deine Verknüpfung von „Second Life“ über „Metaverse“ zurück zur „Matrix“ wirkt beliebig und abenteuerlich. Gleiches gilt für die Aufzählung von sogenannten „Bequemlichkeiten“.
Hier ging es aber doch nicht um banale Technologiefeindlichkeit, sondern eher um ein kritisches Bewusstsein im Umgang mit einer Technologie, dessen Voraussetzung eben eine kritische Auseinandersetzung ist. Man müsste sich dazu erst einmal mit den Thesen beschäftigen, die hier aufgeführt werden. Das sehe ich in Deinem Fall leider nicht.
Eine kleine, keinesfalls technologiefeindliche Analogie zu unserem Austausch:
Artemis II Mission Control:
Chef-Ingenieur: „Wir haben Unregelmäßigkeiten an der Außenhülle entdeckt und eine der Dichtungen könnte Probleme beim Eintritt in die Erdatmosphäre bereiten.“
Missionsleiter: „Ja, ja, der Mensch hatte schon immer Angst vorm Fliegen“
Chef-Ingenieur: ???
So in etwa mutet das hier an.
Die viel gepriesene Interaktivität fühlt sich gut an, muss sich aber an den Ergebnissen messen lassen. Und die sind schwer messbar. Je nach der Art der Fragestellung, so die Antwort. Oberflächlich betrachtet hilft die KI, komplexe Sachverhalte in kürzester Zeit in leicht goutierbare Häppchen herunterzubrechen. Ich kann scheinbar schnell in diese Themen eintauchen. Es fühlt sich wie ein Gespräch an. Da fangen bereits die Probleme an. Wer fragt sein Gegenüber „Was ist denn Deine Quelle“, „Wo hast Du die Information her?“ – kaum jemand. So ist das auch bei der KI. Die Antwort wird nur hinterfragt, wenn man merkt, dass die KI daneben liegt. Man unterstellt (vielleicht auch nur unbewusst), dass die KI immer recht hat. Die KI präsentiert überzeugende und schlüssig klingende Antworten, die grobe Fehler enthalten können, sie bereitet viele Themen in einer schwarz-weiß Denkart auf, wo die Realität oft eine nebulös-graue Angelegenheit ist, der man sich bestenfalls vorsichtig annähert. Diese Vorsicht kennt die KI nicht.
Man kann die Art, wie die KI Gesichter in ihren Bildern darzustellen versucht, auch auf ihre Antworten in Fragen übertragen. Die KI ist sehr gut, was das Erkennen von Mustern betrifft und sie kann riesige Datensätze „durchackern“. Warum aber sehen die Gesichter so generisch aus, so glatt, ohne Ecken und Kanten? Das liegt an vielen Dingen wie einer Durchschnittswahrscheinlichkeit, an der Art, wie die KI trainiert wurde, aber auch daran, dass eine Neutralität (die es so nicht gibt) gewahrt werden soll, um z.B. Ähnlichkeiten zu vermeiden. Eine große Nase, schiefe Zähne usw. sind Anomalien, die geglättet werden. Extreme sollen vermieden werden. Ähnlich verhält sich auch die Antwortgenerierung. Das klingt positiv, weil das Wort „extrem“ mittlerweile negativ konnotiert ist, meint hier aber einfach, dass die weniger populären Meinungen eher untergehen. Ob nun „steile Thesen“ oder unbequeme Wahrheiten, man erhält – das Wort erfreut sich seit der KI großer Beliebtheit – „kuratierte“ Antworten, die auf Wahrscheinlichkeiten beruhen.
Dass das nicht unproblematisch ist, sollte klar sein. Das galt schon immer, auch vor dem digitalen Zeitalter. Die Auswahl verschiedener Quellen, das Lesen und die gedankliche Auseinandersetzung, bis hin zum Formulieren von eigenen Thesen, die möglicherweise einen neuen Blick auf etwas aufzeigen, ein Thema voranbringen usw. wird auch in Zukunft nicht die KI übernehmen, sie wird jedoch dafür missbraucht werden. Wie und ob das geahndet wird, wird sich zeigen. Vielleicht verliert das Lesen weiter an Bedeutung und möglicherweise wird das auch auf die Hochschulen Auswirkungen haben.
Klar ist auch, dass die KI ein leistungsstarkes Instrument ist, das in den richtigen Händen seine Stärken ausspielen kann. Die „richtigen Hände“ wissen damit umzugehen und können sowohl die Stärken, als auch die Schwächen einschätzen.
Die KI wird in viele Bereiche vordringen und diese verändern, sicher nicht immer zum Guten. Die KI kann helfen, Prozesse zu beschleunigen, auch das kann gut oder weniger gut sein (gut: z.B. in der Medizin können möglicherweise Tumore oder Krankheiten besser erkannt werden, da die KI eventuell Muster erkennt, wenn sie mit zahllosen Scans gefüttert wird; weniger gut: kritische Auseinandersetzung und kritisches Denken könnten ebenso wie kreative Herangehensweisen abgeschwächt werden.)
Was den Wissenssprung angeht, so wird der in meinen Augen nicht so gigantisch sein, wie Du glaubst. Ich stelle diese These sogar stark in Frage. Das Wissen, das die KI hat, ist schon sehr lange da. Auch der Zugang hat sich bereits mit dem Internet sehr vereinfacht. Aber schon in meiner Kindheit war die Stadtbibliothek eine Anlaufstelle um Bücher, Schallplatten, Videokassetten (später CDs, DVDs) auszuleihen. Wer mit diesen Orten des Wissens aufgewachsen ist, weiß sie auch heute noch zu schätzen. Die KI wird übrigens sehr schnell, sehr stark monetarisiert. Die einzelnen Modelle sind ganz schön teuer. Gleiches gilt auch für das Internet, der Zugang kostet zumindest im Privaten ganz schön viel. Die Bibliothek ist da immer noch human, für das was man da so alles machen kann.
Es ist unbestreitbar, dass sich der Zugang zu Wissen vereinfacht hat, dafür muss man nicht das Mittelalter im Vergleich bemühen. Heute gibt es zig tausende Klassiker in Buch- oder gar Hörbuchform für lau – werden sie deshalb mehr gelesen? Ich glaube nicht. Verfügbarkeit bedeutet nicht, dass etwas genutzt wird. Die KI wird dafür sorgen, dass Wissen „konsumiert“ wird und eine Illusion von Kompetenz entsteht, auch bekannt als „Dunning-Kruger-Effekt“. Der Wiki-Artikel ist spannend zu lesen:
de.wikipedia.org
Die KI kann ein gutes Werkzeug sein, wenn man sie bewusst, reflektiert und kritisch hinterfragend einsetzt. Meine Befürchtung: die breite Masse wird die KI gerade so eben nicht nutzen. Ich merke selbst, wie einen die Beschäftigung hineinziehen kann, wie man sich an die Abkürzungen gewöhnen kann. Ich muss und möchte mich da bewusst etwas raushalten. Gleiches gilt für soziale Medien.
Zum Abschluß ein wirklich Sorgen bereitendes Dokument eines Hirnforschers zur kognitiven Entwicklung von Kindern über die letzten 20 Jahre. Es ist im Zuge der Untersuchung der kognitiven Fähigkeiten der GenZ erschienen, die als die erste Generation im Vergleich hinter die Vorgänger-Generationen zurückfiel.