Werner
Sehr aktives Mitglied
Das deckt sich mit meinen Beobachtungen. Ich hatte als junger Mensch auch die Idee, dass entweder a) der Hausarzt, b) der Pfarrer 🙂 oder im Notfall c) der Psychotherapeut helfen können – und falls der auch versagt, dann d) die Klinik auf jeden Fall hilft.Ich staune manchmal wie naiv manche Leute unser Gesundheitssystem sehen
Wie naiv Leute glauben, man gehe nur in irgendeine Klinik, da wird einem.schon geholfen. Wenn die richtige Diagnose auf dem Einweisungsschein steht.
Nachdem sowohl mein Vater als auch mein Bruder in der Klinik Suizid begangen haben, weil ihnen auch dort nicht geholfen wurde, war mein Weltbild stark erschüttert und ich habe angefangen, mich über die Thematik vertieft zu informieren. Ich wollte ja nicht der nächste sein in der Liste.
Was mir dabei aufgefallen ist (und was vielleicht auch @Willi92 nützlich sein könnte):
Bei psychisch-mentalen Krankheiten/Störungen nützt eine genaue Diagnose nicht genauso viel wie bei rein körperlichen Beschwerden; es gibt nur für wenige Krankheitsbilder die eine, passgenaue Behandlung. Häufig läuft es nur darauf hinaus: Psychotherapie, Medikamente, Klinik. Und dann hofft man auf eine Besserung durch Ausprobieren, was hilft.
Hintergrund ist, dass das Schema Anamnese-Diagnose-Therapie (das die Medizin aus dem Mittelalter in die Neuzeit brachte), also die genaue Zuordnung von Ursache, Wirkung und Behandlung, im psychischen Bereich nicht funktioniert. Weil wir da auf Sprache und subjektive Beschreibungen angewiesen sind. Man "sieht" z. B. eine Sucht ja nicht im Gehirn und kann dort einen Schalter umlegen.
Also braucht es möglichst wirksame Versuche und die brauchen wieder Sprache. Das macht Mühe und kostet Zeit (und wer hat die heute schon?). Weil unser Gehirn eben in der Regel nur langsam lernt oder (wie im Fall einer Sucht) verlernt. Deshalb ist ja oft ein Klinikaufenthalt, eine Selbsthilfegruppe (!) oder eine längere Therapie hilfreich, weil da (im Idealfall) die Zeit und eine gute Gesprächsführung ihre Wirkung entfalten.
Bei Alkoholsucht hat man z. B. irgendwann (Dr. Luc Isebaert aus Brügge) herausgefunden, dass "kontrolliertes Trinken" für viele Patienten eher zum Erfolg führt als völlig Abstinenz (was bis dahin als Standard galt). Das ist so ein Bespiel für einen neuen Versuch, der dann wirkt. Und so muss jede/r Patient/in für sich ausprobieren, was den Unterschied macht und hilft. Das kann man nur selten aus einem Handbuch lesen, aber man kann schauen, was anderen mit vergleichbaren Problemen geholfen hat und das dann auch ausprobieren.
Und was die Ernährung bei psychischen Beschwerden betrifft: ohne ausreichend Nährstoffe (v. a. Zink, B-Vitamine, Lithium, Magnesium) funktioniert das Gehirn nicht richtig und verweigert dann evtl. auch größere Umbauten und Veränderungen im Denken. Deshalb würde ich die Patient:innen optimal ernähren, egal ob ambulant oder in der Klinik.