Nordrheiner,
Du schreibst:
"Dein Beitrag könnte die Vorlage geben für einen Rundbrief an evang. und kath. Landeskirchen.
Es kämen vermutlich zwei Reaktionen: a) danke für den Hinweis. Wir müssen unser Denken und Handeln besser aufeinander abstimmen. So ihnen ein konkreter Fall bekannt ist, bitten wir um Mitteilung, damit wir der Sache nachgehen können.
b) Unsinn. Wir verbitten uns jede Kritik. Wir befinden uns auf dem Boden des Evangeliums und müssen uns keine Vorwürfe machen.
Was meinst Du, Burbacher, könnten sinngemäß so Antworten ausfallen?"
Interessante Frage, interessanter Gedanke.
In meiner Kirche schreiben sie gerne Denkschriften, groß aufgemacht, meist lange und heftig diskutiert.
Sie befassen sich mit den übergeordneten, so scheinbar wichtigen Fragen. Darüber lässt sich gut diskutieren.
Wenn es dann aber konkret wird, wenn da ein Mensch steht und bohrend fragt, wird es nicht selten seltsam ruhig.
Das lässt für mich zwei Antworten zu:
Entweder sie wollen sich nicht stellen, oder sie haben keine Antwort und scheuen das Eingeständnis.
Ich mache das mal an einem historischen Geschehen deutlich.
Schon relativ bald gab es nach 1945 Bekenntnisse, Gedanken zu Schuld und Verantwortung für die Zeit zwischen 1933 und 1945. Ich erinnere an Martin Niemöller.
Irgendwann habe ich mich schon als junger Mensch gefragt, warum in meiner Umgebung, in meinem Heimatort so viele Persönlichkeiten herumliefen und wieder das Sagen hatten, die schon vor 1945 nicht ohne Einfluss waren.
Da gab es groteske Geschichten, manchmal zum Lachen komisch, wenn der Hintergrund nicht so ernst gewesen wäre.
Da tauchten Fotos auf von einer lokalen Persönlichkeit in einer braunen Uniform. Jetzt war der Mensch wieder ganz vorne und hatte erheblichen Einfluss, noch Jahrzehnte lang. Auf die Frage, wie er in diese Uniform gekommen sei, wurde ernsthaft die Antwort kolportiert, er habe mal sehen wollen, wie dieser Zwirn ihm stehe.
Es gab keine Diskussion. Die Sache wurde abgelegt.
Und schließlich hatten doch viele... Wer wollte den ersten Stein werfen, ohne selbst getroffen zu werden?
Die Diskussion um die Kollektivschuld hatte für mich einen bis heute sehr einsichtigen Grund: In der Masse von Mittätern relativiert sich die Schuld des Einzelnen. Dass es ohne die vielen Tausende, ja Millionen Mittäter nicht möglich gewesen wäre, das ganze Volk ins Unrecht zu setzen, hörte ich nicht.
Steht ein Einzelner vor Gericht, ist es in der Regel leicht, ihm oder ihr ein konkretes schuldhaftes Handeln nachzuweisen. Hat das Gericht aber eine Gruppe von Beschuldigten zu verurteilen, gibt es in der Regel immer wieder Menschen, die sich - obwohl selbst beteiligt - zu Lasten anderer reinwaschen.
Da ist es dann für unser Gerechtigkeitsempfinden, für unsere Rechtskultur von Bedeutung, wenn sich ein Gericht der Mühe unterzieht, Schuld zuzuordnen, ihr einen Namen zu geben.
Nicht eben: Wir waren doch alle... Da musste doch jeder sehen...
Sondern: Du hast konkret und am...
Du warst doch auch...
Wenn ich, um mein eigenes Versagen zu kaschieren, auf das Versagen anderer verweise, befreie ich mich nicht von meiner eigenen Tat. Befreiung ist erst möglich, wenn ich meine Verantwortung erkenne und bekenne.
Schuld ist immer persönlich und nur dann ist Vergebung möglich.
Ich reduziere auf ein Alltagsbeispiel:
Es ist viele Jahre her. In der Schule war mir meine Geldbörse abhanden gekommen. Ich konnte ziemlich genau sagen, wann und wo ich sie zum letzten Male wahrgenommen hatte.
Der Täter kam aus der Klasse. Diese schließlich wollte den Generalverdacht nicht auf sich sitzen lassen und lieferte den Täter aus. Das ermöglichte mir, wieder unbefangen vor meine eigene Klasse zu treten. Meine Einstellung zu meinen Schülern litt nicht weiter. Und mit dem Übeltäter war Versöhnung möglich.
Vielleicht macht dieses Beispiel die Zusammenhänge deutlich.
Burbacher