Hallo, friek,
Meinen Ausgangsthese: Menschen agieren grenzübergreifend, verletzen, stehlen und betrügen. Mit ehrlichem Bereuen können sie zumindest teilweise ihre Schuld mindern und können, sofern das möglich ist, angerichteten Schaden ausgleichen.
Aber sie tun es nicht.
Unsinn. Nur weil es nicht alle tun stellst du hier wieder eine generalisierende Behauptung auf? Wer soll "sie" sein? Die Gottlosen wieder?
Weil Du Recht hast, weil es nicht alle Menschen tun, ist eine generalisierende Behauptung doch richtig, oder? Wenn Du davon ausgenommen werden möchtest, mache ich das doch gerne. Du brauchst nur mitteilen, dass Du zu den Menschen gehörst, die bereuen, ehrlich bedauern, wenn sie Unrecht getan haben.
Die Schuldigen aus Feigheit, Scham oder oft auch einfach fehlendem Unrechtsbewusstsein bzw. Gleichgültigkeit. Was gibt es daran nicht zu verstehen?
Und vielen Menschen gibt Vergebung eben nicht den ultimativen Heilungskick. Es macht die Dinge nicht ungeschehen, lässt den Schmerz nicht verschwinden und manche Dinge lassen sich auch einfach nicht vergeben bzw. heilen.
Ganz besonders wenn man eben nicht an irgendeine göttliche Gerechtigkeit glaubt.
Gut rausgefunden, friek:
Menschen bereuen ihre Schuld nicht - und dies aus ganz unterschiedlichen Gründen.
Vier wichtige Gründe hast Du selbst genannt:
Feigheit, Scham, fehlendes Unrechtsbewusstsein, Gleichgültigkeit.
Es gibt noch einen 5. Grund:
Das Nicht-Wohin.
Menschen, die bei sich Schuldgefühle wahrnehmen, zu Recht oder zu Unrecht, stehen immer vor der Frage, wie sie diese loswerden können. Schuld ist ein Hindernis, glücklich zu leben. Man kann Schuldgefühle auch "Glücksbremse" nennen.
Ich beobachtete eine ältere Frau, die auf dem Weg zum Bahnhof eine Bananenschale liegen sah. Sie hob diese auf, ging mit ihr einige Schritte weiter und warf sie dann in einen Mülleimer. Wenn Menschen nicht wissen, wohin damit,
dann befassen sie sich auch nicht mit Bananenschalen (Schuld). Dann erhalten Unrechtsbewusstsein und Gleichgültigkeit auch eine praktische Komponente.
Nur bleibt Schuld trotzdem eine Glücksbremse.
Der ultimative Heilungskick, wie Du so schön schreibst, ist in meinen Augen eher ein Prozess. Ich, der Geschädigte, der Verletzte, wurde durch die Schuld anderer verletzt und geschädigt. Mein Glück hat einen Beinbruch erlitten.
Vergebung macht es nicht ungeschehen. Soweit richtig. Dieser Aussage von Dir stimme ich zu. Falsch ist der unterstrichene Teil Deiner Aussage.
Ich widerspreche Dir auf Grund meines eigenen Erlebens. Mein Vater war ein Mann, der eine Medaille verdient hätte für die Rolle "wie soll ein Vater niemals sein." Ich hatte zu Recht Hassgefühle entwickelt. Er starb an Krebs, als ich 17 Jahre alt war. Mein Leben nahm einen positiven Aufschwung. Der Tyrann war weg, meine Verletzungen blieben. Und wenn ich an ihn dachte, was immer weniger der Fall war, kamen auch meine Hassgefühle wieder. Noch heute kann ich Filme, in denen ein Tyrann vorkommt, nicht mit ansehen, ohne dass Erinnerungen aufsteigen.
Erst als ich zum Glauben an Gott und Jesus Christus kam, begann ein Heilungsprozess. Dieser Heilungsprozess hat Jahre und Jahrzehnte gedauert. Heute fehlt mir mein Vater. Es macht mich traurig, dass er gestorben ist. Wenn ich an ihn denke, würde ich ihn gerne besuchen. Ich stelle mir vor, wie er in seinem Denken als Tyrann immer noch gefangen ist und habe den Wunsch, meinen Arm um ihn zu legen und ihm zu vermitteln, dass er in diesem Gefängnis nicht bleiben muß. Ich würde ihm gerne sagen: "Ich habe herausgefunden - Du kannst das auch."
Du, Friek, hast es schon richtig formuliert. Der Glaube an göttliche Gerechtigkeit spielt eine wichtige Rolle. Gerechtigkeit schafft Genugtuung. Und Genugtuung, ist wieder gut für unsere Zufriedenheit. Dieser Glaube an Gottes Gerechtigkeit ist ein Für-Wahr-Halten von etwas, was wir heute nicht erkennen können.
Was Du nicht weisst, Friek, ist, dass es etwas gibt, was noch viel heilungskräftiger ist als Gerechtigkeit. Es ist Gottes Liebe. Gottes Liebe ersetzt alle Liebe, die uns von Menschen verweigert wurde ... und heilt unsere Verletzungen, die uns andere Menschen zufügten. An Gottes Gerechtigkeit können wir i.d.R. nur glauben, sie für wahr halten, dass sie eines Tages geschehen wird. Aber mit Gottes Liebe ist es anders. Wir können davon hören oder lesen. Wir können uns ihr aber auch öffnen und in uns erfahren, erleben. So wie ich.
Wenn Menschen sich
nur mit Gerechtigkeit zufriedengeben, werden sie nicht glücklich, allenfalls zufrieden.
LG, Nordrheiner