Hallo Tine,
willst Du ein Leben lang Routinetätigkeiten ausführen?
Willst Du immer nur gerade soviel verdienen, daß es so eben reicht?
Was wirst Du tun, wenn der Vater Deiner Kinder verschwindet? (Jede zweite Ehe geht schief!) Willst Du wirklich als Alleinerziehende am Existenzminimum leben?
Willst Du denn niemals etwas aufbauen, z.B. eine Immobilie besitzen, oder etwas, was Du Deinen Nachkommen hinterlassen kannst, so daß sie es einmal besser haben werden als Du?
Weißt Du, ein Berufsleben kann sehr lang sein - das Rentenalter wurde bekanntlich auf 67 erhöht... und wir verbringen ein großes Teil unseres Lebens auf der Arbeit.
Klar kann man Jobs auch wechseln. Vor allem in jüngeren Jahren. Aber irgendwann reicht einem das nicht mehr, um sich weiter zu entwickeln. Irgendwann möchte man vielleicht verantwortungsvollere Aufgaben übernehmen, will man nicht mehr austauschbar sein, sondern mehr bewirken als täglichen Routinekram. Und irgendwann ist man in den 40ern und dann wechselt es sich auch nicht mehr so leicht, denn die Konkurrenz wird immer jünger und billiger!
Es kann Dir locker passieren, daß man Dir mit 40 oder 50 plötzlich einen 30jährigen, frischgebackenen Unischnösel vor die Nase setzt, der Dir großspurig erklärt, wie Du eben jenen Job besser machen sollst, den Du bereits 20 Jahre länger ausübst als er. Wirst Du damit umgehen können?
Dann wirst Du vielleicht froh sein, wenn Du ein Abitur hast. Denn dann wirst Du doch noch ein Studium draufsetzen und das Ruder herumreißen können!
Klar kann man das Abitur auch später noch an der Abendschule erwerben. Aber wie mühsam ist das - und wie leicht hättest Du es jetzt damit?
Mensch Tine, jetzt bist Du jung, und das Lernen fällt Dir noch leicht. Weißt Du, wie schwer es mit Mitte bis Ende 30 wird, wenn Du bis dahin tatsächlich Mann und Kinder hast?
Was sind denn 2-3 Jahre jetzt - im Vergleich zu der Mühsal, die Dich ggfs. in 20 Jahren erwarten würde? Du vergibst Dir doch nichts, wenn Du jetzt das Abitur machst. Du mußt trotzdem nicht studieren, kannst trotzdem danach eine Lehre aufnehmen und erst mal Geld verdienen. Mit etwas Glück könnte der Lehrberuf Dir aber auch das Studium finanzieren, falls Du es Dir nochmal anders überlegst!
Aber: Du bewahrst Dir eine Option, die Du vielleicht niemals beanspruchen wirst - die Dir aber auch keiner nehmen kann, falls Du sie doch mal brauchst.
Mit Abitur im Rücken steuerst Du nicht auf eine Einbahnstraße zu, sondern kannst Dich noch sehr lange Zeit an den Kreuzungen, auf die Du gelangen wirst, für eine Richtung Deiner Wahl entscheiden.
Weißt, mein Vater wäre gern aufs Gymasium gegangen, damals, in den 1920er Jahren. Aber es kostete Schulgeld. Mein Großvater war daher nicht bereit, ihm das Abitur zu ermöglichen. Er fand, mein Vater solle lieber arbeiten gehen.
Mein Vater ist nie darüber hinweggekommen. Auch wenn er später das Beste aus seiner Situation gemacht hat - uns hat er regelrecht eingebleut, daß es ein Privileg sei, die Schule besuchen und studieren zu dürfen. Ein Privileg, daß man nicht einfach so achtlos wegwirft, sondern das man dankbar beanspruchen sollte, soweit es irgend möglich ist.
In anderen Ländern gibt es bis heute viele junge Menschen, die wünschen, sie dürften zur Schule gehen - und es aufgrund ihrer desolaten Lebenssituation nicht können. Ich finde das unsagbar traurig.
Ich habe ein Abitur gemacht und - sehr zum Leidwesen meines Vaters - nie studiert. Aber ich habe mich anderweitig fortgebildet und bin jetzt auch in einer guten Position, auf die er stolz wäre, hätte er es noch erlebt (und innerlich sitzt er mir immer noch im Nacken).
Meine Karriere wäre so heute allerdings nicht mehr möglich, weil die Wirtschaftswelt sich völlig geändert hat. Das mag ungerecht sein, aber so ist es.
Deine Eltern meinen es gut mit Dir, Du solltest ihnen dankbar sein. Mein Vater wäre dankbar gewesen, wenn er solchen Rückhalt gehabt hätte.
Überleg Dir das Ganze nochmal, statt jetzt eine voreilige Entscheidung zu treffen, die Dir irgendwann vielleicht mal bitter leid tun wird.