Die Last der Klarheit
Es liegt eine besondere Gefahr darin, Dinge zu sehen, die andere nicht sehen. Du beginnst, in zwei Welten zu leben. In der äußeren Welt lachen die Leute, sie sprechen, tauschen Verhaltensweisen wie Bargeld aus und nennen es Realität. Aber in der inneren Welt hörst du die Dielen krächzen, du hörst, was nicht gesagt wird. Du merkst den Schatten hinter dem Kompliment, den Hunger hinter dem Witz, die Angst hinter dem Bedürfnis einer Person, recht zu haben. Und sobald das Unbewusste sich dir offenbart, kannst du nicht vorgeben, dass es nicht da ist. Das ist kein Geschenk ohne Kosten. Denn wenn du das versteckte Muster siehst, wird die kollektive Illusion für dich unerträglich. Andere werden dich als zu sensibel bezeichnen, zu übertrieben, zu paranoid, oder negativ. Nicht, weil du falsch liegst, sondern weil du den Bann störst, der sie schlafen lässt. Die größte Gefahr ist jedoch subtiler. Du magst dich mit deiner Sicht identifizieren, du magst dein Ego aufblähen und Wahrnehmung mit Überlegenheit verwechseln. Dann wird der Archetyp des Sehers zu einem Gefängnis und du wirst kalt, einsam, stolz, isoliert von menschlicher Wärme durch dein eigenes Bewusstsein. Wahrhaft zu sehen, bedeutet nicht, zu urteilen. Es bedeutet, die Wahrheit ohne Hass mit sich zu tragen, den Schatten anzuerkennen ohne ihn anzubeten, und demütig genug zu bleiben, dich daran zu erinnern, was du in anderen siehst, ist auch in dir. Das ist die wirkliche Arbeit - die Sicht, welche zu dir selbst führt, nicht weg von der Menschlichkeit.