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Die Folgen meines virtuellen Ausschweifens

wildone

Mitglied
Guten Abend!

Ich bin wieder an einem Punkt angelangt, an dem ich einfach nicht weiter weiß. Momentan ist meine psychische Verfassung alles andere als okay. In meinem Kopf herrscht das reinste Chaos und ich bin mit der Situation so dermaßen überfordert, dass mich Suizidgedanken plagen. Das alles ist nicht erst seit heute so. Es ist die ganze Zeit so! Ich habe Schuldgefühle mir gegenüber, für Dinge, die ich vor ziemlich genau 10 Jahren getan habe und noch heute tue.

Vielleicht sollte ich von euch erstmal davon erzählen worum es geht und wie es so weit kommen konnte.


Es begann wie schon erwähnt vor ca. 10 Jahren. Zu dieser Zeit ging ich noch zur Schule und war so ca. in der 8/9 Klasse. Ich habe schon von klein auf eine hohe Affinität zu Computer- u. Videospielen gehabt. Früher habe ich noch mit Freunden aus dem echten Leben (RL) gespielt und das gehörte auch neben anderen Dingen, wie Baumhäuser bauen, Fußball spielen usw. zu den Dingen, für die ich einen Großteil meiner Freizeit opferte. Jedoch hatte das Spielen nie mit dem Stellenwert meines sozialen und schulischen Lebens konkuriert. Das letzteres für mich wichtiger war, stand schon immer außer Frage und diesem Zeitpunkt hätte ich es auch nie für möglich gehalten, dass ich so sehr abdrifte...
Ich habe mich schon immer gerne von anderen Leute leiten lassen. Es war schon eine leichte Abhängigkeit, da ich mich nie als Einzelgänger zählte und ich meine Freunde brauchte, um rauszukommen. Doch nun kommts:
Ich weiß nicht genau warum. Vielleicht war meine Pubertät daran schuld. Jedenfalls zog ich mich immer mehr zurück und hatte irgendwann dann gar keine Lust mehr rauszugehen. Ich wohnte auch etwas abgelegen und deshalb war es für mich immer mit einer gewissen Fahrzeit verbunden, wenn ich mich mit Freunden aus meiner Schule treffen wollte. Zu dieser zeit (2005/2006) kam ein ganz spezielles Spiel heraus. Ich nenne mal keinen Namen, aber vermutlich wird der ein oder andere schon wissen, von welchem ich spreche. Durch meinen älteren Bruder bin ich zu dem Spiel gekommen. Schon von Anfang an war ich Feuer und Flamme dafür. Es war alles so neu und faszinierend. Dazu muss ich sagen, dass ich schon immer einen großen Hype um neue Dinge gemacht habe und darauf schon immer sehr fixiert war (so lange bis ich es dann hatte und nach einiger Zeit die Lust daran verlor, sodass ich mir wiederum etwas Neues suchte).
Doch bei diesem Spiel war alles so anders! Durch die Tatsache, dass es mein erstes Online-Game war, fühlte es sich wie eine zweite Welt an, wenn man sich irgendwann so sehr darein gesteigert hat. Und durch die Zahlreichen Patches und Addons kam auch immer weiterer Kontent dazu, weshalb ich dort immer etwas zutun hatte und nie die Lust daran verlor. Dort lernte ich notgedrungen neue Freunde kennen, weil meine RL-Freunde keinen Bock darauf hatten. Ich hab mich dann nach und nach immer weiter von ihnen distanziert und auch, wenn ich in den Schulpausen immer mit ihnen abgehangen hab, so war das ausschließlich nur noch während der Schulzeit. Als ich zuhause ankam war das erste was ich tat, den PC anzuschalten und das Spiel zu starten. Tag ein, Tag aus...meine gesamte Freizeit habe ich nur noch Online verbracht und Hausaufgaben etc. immer nur kurz vor der Schule gemacht. Auch ohne allzuviel zu lernen, habe ich die Schule gut bis durchschnittlich beendet. (Ich hätte aber definitiv besser sein können, wenn ich mehr gelernt hätte) Leider drehte sich mein Leben währenddessen nur noch um dieses Spiel. Ich hatte überhaupt keine Lust mehr auf mein RL. Anfangs war ich im Spiel ziemlich offen und ich wollte die Leute, mit denen ich zocke kennenlernen / Freundschaften knüpfen. Doch je mehr Zeit verging, hat sich das alles rapide ins Gegenteil entwickelt. Ich lebte ein Doppelleben, wobei ich das virtuelle immer mehr als mein Hauptleben sah und das reale immer mehr in den Hintergrund rückte. Ich war definitiv unzufrieden mit meinem RL und als ich dann irgendwann eh alle realen Freundschaften verloren hatte, blieb mir nur noch das, was ich im Spiel hatte. Das skurile war, dass ich sogar eine Ausbildung währenddessen gemacht habe. Es hatte also den Anschein, als wenn es in meinem richtigen Leben auch laufen würde. Aber dem war nicht so! Ich war mieserabel und habe auch überhaupt keine Motivation dafür gehabt. Für mich gabs nur eins...meine Sucht...mein virtuelles Leben in das ich geflüchtet bin und der einzige Ort, an dem ich mich wohl fühlte und die Zeit wie im Flug verging.
Zu diesem Zeitpunkt war mir bewusst, dass ich mein RL verkackt habe. Dass ich überhaupt kein Interesse an der Realität hatte und mir das alles immer mehr auf die Nerven ging. Trotzdem änderte ich an der Situation nichts. Warum auch? Ich hatte ja meine virtuelle Präsenz. Doch auch dort hat es dann letztendlich irgendwann "klick" gemacht und ich verlor doch tatsächlich die Lust daran. Ich hatte mich extrem verändert...nicht vom Äußerlichen, sondern psychisch. Ich weiß nicht wieso und wie es dazu gekommen ist, aber ich habe eine Angst entwickelt. Ja eine Art Angst vermischt mit Hass. Meine Sichtweise auf andere Menschen ist so abwertend und verachtend geworden. Ich war schon immer etwas zurückhaltend und schüchtern. Doch das nur in der Realität. Irgenwann ging das dann auch im Spiel los. Als dieses Gefühl von Anonymität verschwand fing das alles auch online an! Ich war ja im RL schon allein, aber ingame hat sich das dann auch so entwickelt. Ich bin bewusst zum Einzelgänger geworden, weil ich keine Lust auf konversationen hatte. Vielleicht ist Lust das falsche Wort dafür, weil es eher Angst, Unwohlsein ist.
Jedoch war das im virtuellen, als auch im realen Leben nie so krass, wie nach diesen Jahren "geistiger Abstinenz".

Danach hörte ich auf mit dem Spielen, habe ein halbes Jahr oder so Pause gemacht, weil ich versucht habe wieder normal zu werden. Mein richtiges Leben wieder in den Griff zu bekommen. Doch irgendwie konnte ich mich bis heute nie so richtig dazu motivieren. Das Leben ist für mich so gleichgültig/irrelevant geworden. Ich habe sehr viel mit Selbstzweifeln und mangelndem Selbstbewusstsein zu kämpfen und das alles hier fasziniert mich einfach nicht mehr. Ich bin tot unglücklich. Für mich sind beide Welten gestorben, weil ich in keiner von beidem zurecht komme und die mich so dermaßen anöden. Sicherlich habe ich in all den Jahren viel vom realen Leben verpasst. Habe auch versucht diese Dinge nachzuholen. Aber leider ohne erhofften Erfolg bzw. mit der Erkenntnis, dass mich das alles überfordert und ich mir sage: einmal und nie mehr!
So kam es, dass ich wieder mit dem Spielen anfing. Das Schlimme daran ist aber, dass ich das nicht mal unbedingt wollte. Es diente lediglich zum Zeitvertreib. Ich fing sogar ein Studium währenddessen an. Nach dem 3. Semester habe ich es aber wieder abgebrochen, weil es mich kein bisschen interessiert hat. Durch das alles bin ich generell sehr desinteressiert geworden und auch meine kognitiven Fähigkeiten haben sich zurückentwickelt. Ich fühle mich deshalb seit Jahren einfach nur elend und es kommt mir alles wie im Film vor. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren, kann mir fast gar nichts mehr einprägen und bin gar nicht so richtig da! Ich bin schon wieder dabei an mir zu arbeiten: Habe einen Job, aber da komme ich mir auch so nutzlos vor und mir ist das extrem unangenehm. Die Leute erwarten von mir zu viel. Dabei ist das nicht viel, sondern kann man eigentlich erwarten, aber ich kann - egal wie sehr ich mich bemühe - trotzdem nichts richtig machen. Ich mache nur Flüchtigkeitsfehler und das nichtmal, weil ich vielleicht so hektisch bin, sondern eher, weil ich entweder total verblödet bin oder ich nichts mehr richtig wahrnehmen kann. Wenn ich etwas nur ganz kurz weglege oder mich jemand ganz kurz unterbricht, verliere ich sofort den Faden und weiß nicht mehr wo ich stehengeblieben bin. Es kommt mir vor, als stünde ich unter einem nie enden wollenden Rauschzustand. Dabei bin ich völlig clean...Das macht mich alles so fertig...als Außenstehender klingt das vielleicht übertrieben: aber das ist es nicht: ich empfinde es ja so... Ich habe auch das Gefühl, dass auch niemand etwas mit mir zu tun haben will. Die Leute sind alle so unfreundlich, obwohl ich denen nie was getan habe und ich versuche wirklich alles um draußen niemanden in die Augen zu sehen. Es gibt fast nichts schlimmeres für mich. Ich nehme die Leute mit den Augenwinkeln wahr und habe einen ganz starren Blick (nicht fokussiert, sondern immer woanders hin, bloß nicht zu anderen Menschen. Öffentliche Verkehrsmittel sind ganz schlimm für mich geworden, ich bin schlimm geworden...

Ich weiß einfach nicht mehr was ich machen soll: Ich habe zu goße Angst vorm Sterben, kann aber auch so nicht weiterleben... Ich wohne alleine und bin einsam, bin unzufrieden und traurig. Doch sobald ich rausgehe wird mir auch wieder ganz unwohl. Da kriege ich wieder diesen Hass und fühl mich ständig beobachtet. Ich traue mich nirgendwo anzurufen....selbst ein Arzttermin zu vereinbaren ist eine unüberwindbare Hürde für mich. Mir fällt das Einkaufen ja schon schwer und der Weg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit und wieder zurück ist für mich die reinste Tortur. Mir ist das auch alles unheimlich peinlich und ich fühle mich unwohl.

Was meint ihr? Ich komme mir schon selbst bescheuert vor und will es auch eigentlich gar nicht akzeptieren, dass ich so bin bzw. so geworden bin. Deshalb sitze ich ja hier und zerbreche mir jeden Abend den Kopf und komme kein Stück weiter. Ich will endlich wieder das Leben "spüren", diesen Schleier von meinen Augen/Ohren nehmen und wieder alles um mich herum wahrnehmen. Ich bin zu verbohrt und pessimistisch und habe überhaupt kein Vertrauen mehr, in nichts!
Ob sich das jemals wieder normalisieren kann, so wie es vor 10 Jahren war?

LG wildone
 

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Johlo

Mitglied
Hallo wildone,

wie sieht es denn bei dir generell mit Freunden oder der Familie aus? Hast du irgend jemanden, mit dem du noch etwas unternimmst, oder sind alle aus deinem Leben verschwunden? Du schneidest das Thema ab und zu mal kurz an, trotzdem würde mich interessieren, wie es in dieser Hinsicht gerade jetzt bei dir aussieht.

Ansonsten sind mir die Schuldgefühle gleich im ersten Absatz aufgefallen. Einerseits kann ich verstehen, dass du die schuldig fühlst, auf der anderen Seite denke ich mir, dass du ja trotz Allem noch die Schule und eine Ausbildung geschafft hast. Auch wenn es in deinem Job nicht optimal läuft, hast du zumindest einen. Ich denke andere, die dem Onlinespielen verfallen sind, haben das nicht geschafft. Eigentlich hast du den Absprung ja ganz gut geschafft und kannst darauf, finde ich, schon auch stolz sein.

Dass die derzeitige Situation trotzdem nicht gut ist, verstehe ich aber. Das Gefühl, von Allen und Allem entfernt zu sein, und das Leben nicht zu spüren, ist sicher schlimm. Ich habe da jetzt leider auch keinen konkreten Rat, außer den, mit Menschen, die es eventuell noch gibt, die dir in irgendeiner Form etwas näher stehen, darüber zu reden - deine Gefühle ausdrücken kannst du ja scheinbar, und wenn es dir nicht über die Lippen kommt, könntest du deine Sorgen für diese Person ja auch aufschreiben, so wie du es hier getan hast.

Ansonsten: hast du mal über eine Therapie nachgedacht? Käme das für dich in Frage?
 

marut

Aktives Mitglied
hi und guten morgen,
die zeit zurück zu drehen und sei es nur für einen tag, hat sich jeder schon mal gewünscht, aber es geht natürlich nicht. es ist auch kein neustart möglich, also sich das leben nehmen und dann noch mal alles richtig machen.
was du dagegen machen kannst ist, an dir selbst zu arbeiten. sprich dich, auch vllt mit professioneller hilfe, zu ändern. nutze dafür deinen leidensdruck, er stellt dir ausreichend energie zur verfügung.
verschrotte sämtliche computer, ob pc, konsole, tablet, smartphone oder sonstwas. und kümmere dich um
freunde, arbeit, familie, die drei grossen lebensstützen.

wann immer sich deine sucht bemerkbar macht, begegne ihr konsequent mit einer gesunden ersatzhandlung, mache zb. sport. dein körper lernt schnell und stellt sich darauf um.

viel erfolg
marut
 

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