Glaubt ihr, dass die Amischen glücklicher sind als wir?
Ich meine, viele lachen sie aus, aber vielleicht ist diese isolierte Gemeinschaft garnicht so schlecht. In manchen Bereichen sind sie vielleicht glücklicher als wir?
Dazu müsstest du erstmal definieren wer "wir" ist. "Wir" ist eine heterogene Gruppe. In Deutschland gibt es sozioökonomische Milieustrukturen. "Wir" haben als Gesellschaft nichts gemeinsam. Es gibt in Deutschland kein einheitliches "Wir"
Jede soziale Gruppe hat ihr sozioökonomischen milieauabhängigen Ressourcen und Chancen in der Gesellschaft. Daraus folgt, dass "wir" ganz unterschiedliche Perspektiven haben. Der Teil von "wir", der oben ist, der wird glücklicher sein als der Teil von "wir", der ganz unten ist und weit abgehängt ist.
Und die Amischen? Eine gute Frage, ich war noch nie in so einer Siedlung und kann deren Kultur schwer einschätzen. Ich weiß auch nicht im Detail, welche Rituale es dort gibt. Aber ich habe eine Idee, was das Leben in dieser isolierten Gemeinschaft auslösen kann. Das ist aber nur eine Spekulation. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Depressionen und Burnouts weniger verbreitet sind als in der globalisierten Welt. Ich könnte mir auch vorstellen, dass es bei der Sozialisation einen stärkeren Zusammenhalt gibt. Die Kleidung und die Rituale stiften eine gemeinsame Identifikation bzw. eine Identität - eine Art gesellige Gemeinschaft entsteht - etwas das es bei uns nicht (mehr) gibt. Seien wir doch mal ehrlich: In der Leistungsgesellschaft und der Welt der Konsumwünsche haben wir doch alle eigentlich nur ein Ziel. Wir wollen alle für uns das Maximum rausholen. Wir sind keine ethnische Gesellschaft - Schulen und Unis sind eigentlich Zweckgemeinschaften, in denen man zusammen unterrichtet wird, da es biliger ist als Einzelunterricht. Aber eine Gemeinschaft gibt es dort nicht. (Jedenfalls habe ich so dort nie erlebt). Dort und auch im Berufsleben gibt es keine Kommilitonen, Kollegen oder ähnliches - wir sind gnadenlose Konkurrenten. Wir kämpfen gegeneinander. Unsere Waffen sind unsere Erfahrung, unsere Abschlüsse u. Noten und unsere Intrigen und andere unfaire Mittel. Scheidet ein Vorgesetzer aus, kennen wir keine Freunde mehr. Wir stürzen uns wie die Geier auf die Karriereleiter und kämpfen mit allen Mitteln gegen alte Kollegen. Sehen wir irgendwo eine Schwäche, inszenieren wir Mobbingaktionen oder erstatten Bericht beim obersten Chef- kollegial sind wir nun wirklich nicht. Jeweils habe ich noch nie in einen kollegialen Unternehmen kennengelernt. Die vermeintlichen Kollegen sind eigentlich oft unsere schärfsten Konkurrent. Man muss aufpassen - die Kollegen sind wie ticken Zeitbomben. Sie können jederzeit unsere Schwäche aufdecken und uns aus der Firma vergraulen. Niemand gönnt dem anderen etwas. Man hält nicht zusammen im Job - man versucht immer nur seinen eigenen A**** zu retten und den anderen dumm aussehen zu lassen.
Wir räumen die schwächelnden Kollegen aus den Weg, anstatt Ihnen zu helfen - alles nur um die eigene Position zu sichern und aufzusteigen. Wir geben einfach nicht auf - wir investieren alles um der oder die Beste zu sein. Koste es was es wolle - auch eine Depression oder einen Burnout nehmen wir in Kauf - Berufsrisiko.
Und diese ganze Verhalten scheint sich auch empirisch zu bestätigen - es kann ja kein Zufall sein, dass die Aufstiegsmobilität in Deutschland so stark eingeschränkt ist. Das sind die unfairen Mittel, die wir im Existenzkampf einsetzen um uns durchzusetzen und die anderen runterzudrücken. Eigentlich sind wir doch Einzelkämpfer in der Globalisierung. Weit entfernt vom homo oeconomicus sind wir auf keine Fall. Sicherlich gibt es kleine Abweichungen, aber in der Tendenz sind wir reine Nutzenmaximierer und bewerten den eigenen Nutzen höher als den sozialen und gesamtgesellschaflichen Nutzen.
Das Wirgefühl und das Miteinander, das individuell Glücksgefühl wird bei den Amischen sicherlich größer sein als bei uns. Aber der Teil von "wir", der es geschaft hat, der ganz oben ist, die Fäden zieht, der kann seine Konsumwünsche erfüllen und kann das Glück substituieren. Der Teil von "wir", der unten ist, kann dies nur eingeschränkt kompensieren durch Konsum, da er halt nicht die Chancen und Möglichkeiten hat. Er ist sicherlich verbittert. Aber wir sind zu sehr damit beschäftigt, nach den maximalen Konsum zu streben. Da bleibt keine Zeit mehr uns Gedanken zu machen, ob wir glücklich sind oder nicht.
Ich könnte es mir übrigens auch nicht vorstellen, bei den Amischen zu leben, obwohl ich relativ weit unten bin. Das Konzept entspricht nicht den Normen der Zeit - unser Ziel ist Konsum - nicht Glück. Mit dem Glück und der Gemeinschaft, die wir in der globalisierten Welt vergeblich suchen, verlieren wir schon ein Stück Lebensqualität - aber die opfern wir um irgendwie an die Normvorstellungen der globalisierten Welt ranzukommen. Um es auf eine Formel zu bringen: Der Verlust an Glück und Gemeinschaft entspricht den Opportunitätskosten, die wir freiwillig erbringen, damit wir an der globalisierten Welt teilnehmen können. Und es gibt ja schon viele tolle Sachen, die man irgendwo kaufen kann. Das weckt Begehrlichkeiten. Gemeinschaft und Globalisierung - eins geht nur - nicht beides gleichzeitig. Und wir alle wählen die Globalisierung.