Noch was zum Schunzeln gefällig?
So höret denn die Geschichte von einem kleinen Mädchen und den fliegenden Ochsen.
Es geschah in einem Sommer in Österreich auf der Lieblingsalm der Eltern, der Hanslhütte.
Dort verbrachten das 6-jährige Luiserl, der 8-jährige Roland, ihr Bruder, und der 9-jährige Patenbruder Rüdiger mit Luiserls und Rolands Eltern, wovon die Mutter die Patentante von Rüdiger war, die Sommerferien.
So, bisher noch alles verständlich und überblickbar.
Wie es halt auf so einer Alm ist, die Kinder schlafen im Heu über dem Kuhstall, die Eltern...? Keine Ahnung, wo die geschlafen haben.
Es ist eine ganz hundsgemeine Sache als 6-jähriges Mädchen mit zwei älteren "Brüdern" das Heu zu teilen, unter sich die Kuhglocken, über sich die Scheunenbalken und zwischen drin, durch kleine Luken im Scheunendach, immer wieder ein kleines Sternchen, das schön hell auf Luiserl herabblinkte.
Doch plötzlich verwandelte sich dieses kleine Sternchen in eine ekelhafte Fratze, rotleuchtend mit lauter blauen Fäden drin. Und dieses Licht bewegt sich auf dem Scheunenbalken immer näher auf Luiserl zu, und ihr wird immer ängstlicher und ängstlicher zumute, vor lauter Angst sucht sie wimmernd nach der Hand des großen Bruders, aber da war keiner mehr neben ihr im Heu. Dafür aber jetzt noch eine 2. Fratze, die in der Dunkelheit über ihr schwebte. Und bevor Luiserl, irgendo ein Loch gefunden hatte, in das sie sich hätte verkriechen können in ihrer Angst, fielen beide Fratzen mit einem ekelhaften Geheul auf sie zu. Luiserl schrie so laut, dass die Kühe unten drunter vor Schreck das Kauen vergassen, ja für einen Moment hörte man keine Glocke mehr und auch kein Platsch, Platsch der Kuhfladen.
Während Luiserl noch am Schreien war, und sich gar nicht beruhigen konnte, sondern die Augen fest zusammengekniffen hatte in der Hoffnung, dass die beiden Gespenster sie dann nicht sehen, hockten, im hellen Licht von 2 Taschenlampen zwei sich vor Lachen fast überschlagende Lümmel und versuchten dann, das Luiserl zu beruhigen, die partout nicht mehr da schlafen wollte. Erst als ihr Bruder ihr zeigte, das das Gespenst nur er selbst, mit in den Mund gesteckter, leuchtender Taschenlampe war, die beim Aufblähen der Backen die Gesichtshaut mit den Äderchen ganz durchsichtig und rot erscheinen ließ, beruhigte sich Luiserl. Plötzlich gar nicht mehr ängstlich, sondern sehr, sehr wütend, sprang es auf, und zwar so schnell, dass die beiden Buben den 2 schallenden Ohrfeigen einer kleinen Mädchenhand nicht mehr ausweichen konnten.
Naja, irgendwann kehrte endlich Ruhe ein, denn am nächsten Tag sollte eine Wanderung zu irgendeinem Gipfel gemacht werden.
Doch wie sollte es anders sein, der nächste Morgen zeigte sich sehr unbeständig und regnerisch, also wurde die Tour verschoben. Da aber so eine Hütte, ganz schön langweilig sein kann, wenn's draußen nieselt, fragten die Buben und Luiserl um Erlaubnis, mit dem Senner die Kühe heimtreiben zu dürfen. Ich geh mal stark davon aus, dass die Eltern nicht undankbar waren, die 3 lautstarken Racker mal abgenommen zu bekommen, jedenfalls gaben sie sehr schnell und spontan die Erlaubnis.
Glaubt nur ja nicht, das Erlebnis der letzten Nacht, sei schlimm gewesen. Beileibe nicht, Luiserls Schichsalsstunde sollte noch ganz andere Prüfungen für sie bereit halten.
Hab ich schon erzählt, dass der Senner stocktaub, oder wenigstens fast stocktaub war, und die Magd a bißerl bleed. Aber des war überhaupt nicht wichtig, auf dem Weg zur Kuhweide, mussten wirsie durch einen Wald, über ein Bächlein springen, an elektrischen Zäunen vorbei, bis sie am Ziel waren. Dort wurde erstmal ne deftige Brotzeit abgehalten und dann mit einem Riesenspaß die Kühe zusammengetrieben. Währenddessen hatte sich unbemerkt der Himmel dunkel bezogen und der erste Blitz mit nachfolgendem Donner öffnete die Schleusen des Himmels - schien Luiserl eher wie die Hölle - und Petrus muss das ganze Wasser, das die Engel doch trinken sollten, auf die Erde geschüttet haben, aber so richtig mit Schmackes und PLatsch, wie wenn man den Inhalt einer Spülschüssel so richtig über den Hof klatschen lässt. Verständigung untereinander war nur noch mit Handzeichen und brüllend möglich, weil inzwischen das jüngste Gericht über alle herniederbrach. Die bleede Magd rannte schreiend davon, ein Teil der Kühe und die Buben, die das Luiserl völlig vergessen hatten, hinterdrein.
Komisch, noch hatte Luiserl keine Angst, denn sie liebte Gewitter. Also fragte sie ganz mutig den Senner, ob sie die restlichen Kühe zusammentreiben soll, er könne ja schon vorgehen, sie käme dann mit den 3 fehlenden Kühen nach. Wie gesagt, Luiserl fragte nicht nur, sie brüllte die Frage dem Senner entgegen, musste ja sein, erstens wegen dem Gewitter und zweitens wegen dem, weil der Senner ja stocktaub war, oder fast stocktaub. Sie vergewisserte sich noch mal, ob das Nicken mit dem Kopf eine Bejahung war, und wieder erhielt sie ein Kopfnicken und ein lapidares "Jo, Jo". Und Luiserl sprang, davon, die 3 Kühe zu suchen, und hatte vor lauter Regen, den Senner und die anderen Kühe aus den Augen verloren.
Die Schleusen der Hölle waren weiter geöffnet, denn jetzt drohte die Erde sich langsam in einen flachen See zu verwandeln.
Und Luiserl suchte die verdammten 3 Kühe und konnte sie nicht finden.
Inzwischen war die Dämmerung heraufgezogen, der Regen hatte sich abgeschwächt und war nahe dran, sich ganz zu verziehen, nur in der Ferne war noch das Grollen und Wetterleuchten zu hören und zu sehen. Vor unserem Luiserl, dass klugerweise die Suche endlich aufgab, obwohl ich glaub das war nicht aus Klugheit, sondern sie war einfach stinkemüde, und ganz, ganz, alleine akm der Wald in Sicht. Kühe weg, Senner weg, Brüder weg und bleede Magd weg, um sie herum der inzwischen schon kohlrabenschwarze Wald, der nur den plötzlich erscheinenden Sternenhimmel durch die Baumspitzen scheinen ließ und Gott sei Dank, wagte sich auch ein kugelrunder, ganz heller Vollmond mit seinem Licht durch die Baumwipfel, und leuchtete Luiserl..... tja ich hätte ja gerne heim gesagt, aber da kam das Luiserl doch plötzlich an einen breiten, ziemlich reissenden Bach, der auf dem Herweg nicht dagewesen war. Also das war nicht der richtige Weg. Und so kam, was kommen mußte, unser Luiserl bewegte sich im Kreis, immer wieder traf sie auf den Bach, und suchte doch das kleine Rinnsal, über das man auf dem Herweg so schön drüberspringen konnte.
Irgendwann, nach einigen verzweifelten und sehr, sehr ängstlichen, flehenden Gebeten zum lieben Gott, der ja da - ach auf ihn ist halt Verlass - mit seinem großen leuchtenden runden Gesicht aufs Luiserl runterschaute, so dass sie schließlich ihren ganzen Mut zusammennahm und mit einem olympiareifen anlauf zum Sprung über den bösen, reissenden, breiten Bach ansetzte. Sie landete natürlich mitten drin, aber jetzt kam ihre Kämpfernatur durch. Laut, so laut sie konnte, sang sie, immer wieder beschwörend zum Vollmondgott aufblickend: Du kriegst mich nicht Beltzebub, ich schaff das, du kriegst mich nicht Belzebub, ich schaff das.
Und sie schaffte es tatsächlich. Klitschenass, kroch sie die kleine Böschung hinauf, und sah, trotz der Dunkelheit in einiger Entfernung tröstliche Licher durch die Nacht schimmern, die sich bewegten und von lauten Rufen nach ihr begleitet wurden. Ach endlich, nun dauerte es nicht mehr lang und sie konnte ins Warme, einen heissen Apelwein, mit reichlich Wasser vermischt, der so gut nach Nelken und Zimt roch mit den klammen Händchen umfassen, und die nasse Kleidung ausziehen. Und der Papi, ihr geliebter Papi wird sie in die Arme schließen, ihr ein dickes Bussi geben, und sie wird sein ganzes geli btes Gesicht mit den gütigen Augen mit Busserl übersäen, und die Hütte kam immer näher, und die müden Beinchen wurden wieder richtig munter, und sie stürmt in die hütte rein: "Papi, Papiii" und........?
kriegt die Ohrfeige ihres Lebens. Sie steht da, wie vom Donner gerührt, guckt ihren Papi aus riesengroßen Augen verständnislos an und versteht weder ihre Welt noch die der unbegreiflichen Erwachsenen mehr. Der Papi nimmt sie nicht in den Arm, er tröstet sie nicht, er gibt ihr kein dickes Bussi,.....? Was hat sie denn nur verbrochen. Und der Papi dreht sich um, und sie sieht nicht, wie ihm die Tränen übers Gesicht laufen (und der Erzählerin in der Erinnerung auch), und sie rennt in die Scheune und schmiegt sich Trost suchend an die große Kuh mit der Glocke um den Hals. Und es war so schön warm im Kuhstall, und die Kuh hat gar nicht gestunken, sondern angenehm gerochen.
Und während ihr die Tränen übers Gesicht laufen, war sie kein mutiges kleines Mädchen mehr, sondern nur noch ein Häufchen Elend, dass die Welt nicht mehr verstand.
Wie sollte sie denn auch wissen, dass die Eltern voller Sorge immer wieder den alten Senner nach ihr fragten und er immer wieder beteuerte sie sei davon gelaufen ohne etwas zu sagen. Und die Eltern hatten ihr doch vorher so eingebleut, sie muss dem Senner gehorchen.
Und der Vater sorgte sich immer mehr um sein Kind, und die Zeit verging und sein Luiserl kam nicht, und das Gewitter und der Wald, und der Donner und die Blitze, und der Suchtrupp ist schon so lange unterwegs.....
und dann springt dieses kleine Etwas trotz aller Strapatzen fröhlich zur Tür herein, und er fühlt sich verhöhnt in seiner Angst um sie, nicht etwa, dass er in dem Moment zu klaren Gedanken fähig gewesen wäre, er fühlte nur die entsetzliche Angst um sein Kind, und da hüpft sie, frech wie immer zu Tür herein...... und da plötzlich, er weiß selber nicht wie ihm geschieht, bricht seine ganze Angst und der Zorn, dass sie ihm soviel Angst gemacht hat, nur weil sie wieder mal nicht folgen konnte - der Arme, er wusste es ja nicht besser - blöde Schwerhörigkeit von dem stock-, na ja, fast stocktauben Senner - na ja in dem Moment entlädt sich alles, was an Gefühl in ihm war, und vor lauter Erleichterung, Zorn, Angst, was weiß ich, was da in einem Vaterherz vor sich geht, rutscht ihm die Hand aus und er schlägt das kleine, trotz aller Strapatzen fröhliche Luiserlmitten auf die kleine Wange, mit einer Hand, die größer war als ihr Gessicht. Im nächsten Augenblick als er merkte, was er getan hatte, schämte er sich so sehr, und war mindestens ebenso unglücklich und traurig, wie sein Luiserl.
Aber da er ein sehr gerechter, aber auch sehr konsequenter Papi war, folgte er seinem Luiserl in den Kuhstall, und jetzt endlich durfte sie in seinen Armen, an seiner großen, starken Schulter, sich ausweinen, und er bat sie immer wieder um Verzeihung, dass er so reagiert hatte. Dem Luiserl war das doch so schnurz, wie nur was, hauptsache er hat ihr verziehn, denn irgendwas muss sie ja falsch gemacht haben, weil sie immer nur ne Watschn oder den Tepichklopfer...., quatsch, der kam ja erst mit 8 Jahren ins Spiel, bekam, wenn sie was Böses angestellt hatte, und sie war absolut kein Engelchen, da hatten sich schon so manche kleine Teufeleien in ihre 6 Jahre eingeschlichen, und ne Watschn mit Papis Wagenrad von Hand, war ihr eigentlich auch schon vertraut. Wie es, Gott sei Dank immer ist, wenn man liebt, die Wogen glätteten sich, Luiserl bekam nun doch was zu essen, und über den Ungehorsam dem Senner gegenüber, sollte am nächsten Tag gesprochen werden. Und da das Wetter schön zu werden versprach, wurden schon die Rucksäcke für den nächsten Tag gepackt, aber Luiserls Rucksack nicht. Aber sie war so selig, dass Papi nicht mehr bös und Mami nicht mehr traurig war, dass ihr das alles im Moment egal war, sie wollte jetzt nur noch schlafen.
Am nächsten Morgen um 5 Uhr standen alle auf, backten ihre Brotzeit ein, und da Luiserls Rucksack nicht gepackt wurde, musste sie ja fragen, den Bruder, weil vorm Papi, der machte so ein strenges Gesicht, hielt man sich wohlweislich erst mal ein bißchen in Abstand. Und der Bruder erzählte ganz stolz, ja sie würden nun einen ganz großen Gipfel besteigen und dafür sei das Luiserl noch zu klein und außerdem, wenn sie nicht folgen kann, sondern einfach wegläüft kann man sie ja auf den Berg auch nicht mitnehmen. Aber die Mama blieb ja auch da, und überhaupt, der Ausflug war nur was für Männer. Na gut, nachdem man ihr noch versprochen hatte, ihr ein großes Eis mitzubringen, war Luiserl besänftigt, außerdem hat ihr die Sennerin versprochen, sie dürfte auch mal versuchen eine Kuh zu melken, wer so tapfer alleine durch die Nacht läuft, der ist groß genug dafür, und beim Butter machen durfte sie zusehen und die Eier alleine aus dem Hühnerstall holen, und dann stand noch ein Spaziergang mit Mamma und dem Sennhund in die Pilze aus.
Also eigentlich war der Tag prall voll mit Abenteuern. Kuh melken, war das größte, ....dachte Luiserl. Aber nachdem sie 2 mal vom Dreifußschenel im Dreck, und der Kuhschwanz dreimal in ihrem Gesicht gelandet war, fand sie Kuhmelken gar nicht mehr so prickelnd. Es wurde trotzdem ein wunderschöner Tag und als sie gegen Abend einen lauten Jodler von draußen hörte, da erinnerte sie sich an das Eis-Versprechen und sauste zur Tür raus. Müde, aber fröhlich kamen der große und die 2 kleinen Männer von ihrer Tour zurück. Und es dauerte nicht lang, da kam es zu dem folgenschweren Dialog zwischen Luiserl und ihrem Bruder, der sie noch verfolgen sollte, als sie zum ersten mal ihre Jugendliebe zuhause vorstellte (10 Jahre später, aber Brüder sind unbarmherzig, besonders ältere).
Vorausschicken sollte ich wohl noch, das in Luiserls Augen eie Berggipfel immer noch so ein spitzes Dreieck war.
"Wo ist denn mein Eis"
"Ham mer keins, wär doch geschmolzen bis hierher, aber ich hab Dir ne Zeichnung gemacht, wo wir waren", und schon hatte Luiserl ein Blatt Papier mit so einem spitzen Dreieck drauf in der Hand,
"Aber wir ham Eis gegessen"
"Is ja gar net war, Du lügst"
"Nein ehrlich war unheimlich lecker".
"wo willst des denn hergehabt habm"
Und der Bruder nahm die Zeichnung, deutete auf die Spitze des Dreiecks und erklärte ganz geduldig dem begriffstutzigen Luiserl:
"Schau her Luiserl, da oben auf dem Gipfel, da steht der Eiskiosk"
"Du lügst doch schon wieder, der würd ja runterfalln"
"Ach Luiserl, was bist Du doch dumm, der ist doch ganz fest mit ganz dicken Drahtseilen festgemacht"
"Ach soo" also das konnte sich Luiserl vorstellen. Der viereckige Kiosk war oben auf der Spitze von dem Dreieck festgezurrt, wie halt Seilbahnen auch, mit so dicken Seilen, aber eins war ihr noch unklar:
"Du, Roland, sag mal, wie kommt eigentlich das Eis da rauf"
"Ach, das ist kein Probelm, das machen die fliegenden Ochsen"
"Du spinnst doch, fliegende Ochsen gibts ja gar net, die ham doch überhaupt keine Flügel"
"Mei Luiserl, bist Du dumm, die machens wie ein Flugzeug. Der Schwanz dreht sich so schnell wie ein Propeller und die Ohren werden zur Seite ausgestreckt, wie die Tragflächen von einem Flugzeug, kapierst es jetzt, Du Doofe?"
Na aber jetzt, doof war Luiserl ganz bestimmt net, also nickte sie eifrig mit dem Kopf "ach so, ja dann! Ja was habt ihr mir denn jetzt mitgebracht?"
Frag'n Papi, der hats eingesteckt, ich glaub Schokolad". DAS ließ Luiserls sich nicht 2x sagen, die fliegenden Ochsen waren vergessen, jetzt war nur noch die Schokolade wichtig.
Ja, Ja, Luiserl ein kleines Mädchen vergisst schnell, aber ein älterer Bruder.......?