Das gilt nicht universell, aber grundsätzlich würde ich schon raten, dass man nicht mit dem/die Erstbeste/n den Pakt für das Leben eingeht (...aber was heißt das schon?). Das trifft jetzt nicht für die TE zu, aber inbesondere auch in diesem Forum stolpert man desöfteren über Threads, in denen genau das passiert ist und sich jetzt beklagt wird, man habe doch noch so wenig erlebt; ob sie dann, falls sie es hätten, einen anderen Grund finden würden, um mit ihrer Beziehung unzufrieden zu sein, sei mal dahin gestellt.
Man sollte auch nicht mit dem erstbesten in die Kiste steigen oder zusammenziehen. Damit fangen doch die Probleme schon an.
Das hat auch nichts mit Wegwerf-Gesellschaft oder ähnliches zu tun.
Ich finde schon. Schließlich werden Menschen heute einfach ausprobiert - und wenn es nicht klappt, werden sie "weggeworfen".
Die Menschen, die "die gute alte Zeit" glorifizieren, in denen noch der Wert der Ehe hochgehalten wird, unterliegen einem Trugschluss. Die Scheidungsraten waren nicht deshalb so niedrig, weil sich niemand jemand anderes gewünscht hat, sondern weil es verpöhnt war und insbesondere als Frau auch nicht einfach gehen konnte, zumal - auch hier in Deutschland - man als Frau ohne Zustimmung des Mannes nicht einmal eine Wohnung mieten durfte. Zudem war es ab einem gewissen Alter auch sehr schwer überhaupt jemanden zu finden, der alleinstehend war und/oder bereit das Wagnis einzugehen, sich scheiden zu lassen.
Der Wert der Ehe liegt doch nicht darin, dass man bei Scheidung Probleme hat, z.B. eine Frau keine Wohnung mieten darf. Könnte es sein, dass Du falsch formulierst? Deine Argumente sprechen doch - bezogen auf die "gute alte Zeit" bezogen dafür, sich die Scheidung zu überlegen... Aber die Ehe an sich ist doch in ihrem Wert deshalb nicht betroffen.
Und der entscheidende Punkt ist, dass man früher auch nicht unbedingt aus Liebe geheiratet hat. Geht man 100 Jahre zurück, dann glich eine Ehe eher einer Zweckgemeinschaft als einer Liebesbeziehung. Man hat sich mit den Jahren schätzen gelernt und blieb treu, weil man mitunter keine Wahl hatte und das gesellschaftliche Normativ es vorschrieb.
Es gab damals wie heute zweckdienliche Gründe. Wenn es früher häufig der Zweck war, versorgt zu werden, weil Frauen keinen Beruf lernten, so ist heute der häufige Zweck von "freien" Partnerschaften, sich problemlos verdünnisieren zu können, wenn Probleme auftauchen. Ist der heutige Zweck besser?
Das Problem in der heutigen Zeit ist nicht das des Werteverfalls, sondern das der Wahlfreiheit.
Auch da widerspreche ich. Treue und Verbindlichkeit haben an Stellenwert verloren. Und Wahlfreiheit, so schön das Wort auch klingt, entledigt den Menschen nicht von Verantwortung für den Partner, den er gewählt hat. Und genau das Tragen von Verantwortung ist heutzutage eher eine unerwünschte Last. Vergnügen und Vorteile "ja", Verantwortung "nein".
Ich würde das nicht unbedingt als etwas Schlechtes ansehen. Ich schon.
Natürlich hat die Liebe auch etwas Kapitalistisches angenommen. Man versucht für sich den besten "Deal" abzuschließen, den besten Partner zu finden usw. .
Wenn kapitalistische, materielle Gründe der Grund für eine Partnerschaft sind, dann hat das nichts mit Liebe zu tun, sondern mit Materialismus. Liebe sucht nicht den materiellen Vorteil, sondern das gemeinsame Glück und hat das Wohl des Anderen im Auge.
Es ist leichter sich von jemanden zu trennen und sich jemand Neuen zu suchen, aber ist das schlecht?
Du argumentierst im Sinne einer Wegwerfgesellschaft.
Ich zumindest würde nicht tauschen wollen, auch ohne den heutigen Liebeskapitalismus zu idealisieren und zu glorifizieren.
Der Wunsch nach ewig anhaltender, inniger Liebe ist weitesgehend ein Mythos, auch früher. Sicher gibt es ein Paar von 100.000, das diesem Ideal entspricht, aber das macht es nicht realistisch.
Woher hast Du denn diese Zahlen??
Meine Eltern sind seit 40 Jahren verheiratet, aber es wäre ihnen sicher besser ergangen in ihrem Leben, hätten sie irgendwann die Reißleine gezogen und jeder wäre seines Weges gegangen.
Jetzt spekulierst Du.
Vielleicht, in 10 Jahren, wenn sie ihrem gemeinsamen Lebensabend entgegensehen, werden sie sicher auch denken, wozu der Groll, jetzt ist es vorüber und im Grunde genommen, ist es doch gut. Und wenn sie dann von einem Zeitungsreporter interviewt werden zum Anlass ihrer Goldenen Hochzeit und mit der Frage konfrontiert werden, ob sie sich noch immer lieben, werden sie sicher diesen Gedanken haben, dieses entspannte, gutmütige Lächeln des Alters aufsetzen und sagen: "Ja". Das macht ihre Ehe jedoch keineswegs perfekt und deswegen haben sie sicher auch nicht im Nachhinein ein glückliches Leben geführt.
Ein glückliches Leben hängt nicht davon ab, ob man permanent immer glücklich war bzw. ist. Einerseits wird Glück von vielen Menschen unterschiedlich definiert, andererseits hängt Glück von unserem Fokus ab. Sehen wir mehr die schlechten Dinge, die uns passierten, bezeichnen wir das Leben eher als unglücklich. Haben wir aber die Lösungen im Auge, die uns in schwierigen Situationen gelangen, sehen wir auch genügend Gründe, das Leben als glücklich zu bezeichnen.
Wenn unsere Partner gehen oder uns einfach keine lang anhaltende Beziehung gelingen will, dann ist das sicher nicht nur der sog. "Weg-Werf-Gesellschaft" geschuldet. Es sind auch unsere eigenen, vollkommen idealisierten, überzogenen Ansprüche, die es schwierig machen.
Es mag sein, dass Menschen dazu neigen, überzogene Ansprüche zu stellen. Jedoch sollte man differenzieren. Aus meiner Sicht sollte der Einzelne hohe Ansprüche an sich selbst stellen, bevor er eine Erwartungshaltung gegenüber dem Partner aufbaut. Und wenn Menschen Fehler machen, es in der Partnerschaft kriselt, dann kommt eben doch wieder die "moderne" Mentalität der Wegwerfgesellschaft hervor.
Mit der Wahlfreiheit wurde jeder auch Anwalt seines Glücks. Und das ist weder schlechter, noch besser als die Zeit, in der es diese Wahlfreiheit nicht gab.
So, damit beende ich mein Plädoyer gegen die nostalgische Glorifizierung einer vermeintlich wertreicheren Vergangenheit und gegen die "eine große Liebe".
so long,
suavi