Lieber Sponge91,
zu Deinen Fragen
- „Wie setzt man Grenzen gegenüber Eltern durch, die Absprachen kurzfristig „vergessen“ oder verdrehen?
- Wie bleibt man stabil, ohne wieder in die Rolle zu rutschen, alles reparieren zu müssen?
- Wie würdet ihr mit einem Vater umgehen, der Konflikte anheizt, lästert und dann Entschuldigung/Anpassung erwartet – besonders wenn man beruflich verbunden ist?"
Ich betrachte solche Situationen aus einer energetischen Perspektive. Solange das Gefühl da ist, sich abgrenzen zu müssen, bist Du emotional noch mit Deinen Eltern verstrickt.
Nimm ihren „Nervfaktor“ als Dein Barometer Deiner Unabhängigkeit (= kein Generve) bzw. Deiner Verstrickung/emotionaler Abhängigkeit (= Generve).
Ärger mit den Eltern mag auf dem ersten Blick aussehen, als würde sich jemand „falsch“ verhalten. Neutral betrachtet weist Ärger auf etwas hin.
Reibereien können zur Gewohnheit werden, weil der Ärger mit der Zeit vertraut wurde. Vertrautes kann im Alten festhalten:
Manchmal bindet nicht nur der liebevolle Umgang,
sondern auch der Widerstand.
Das innere Reiben an den Eltern –
die ständige Auseinandersetzung mit ihnen –
hält etwas in Bewegung.
Es lässt Energie fließen,
wo die eigene noch nicht im Fluss ist.
So versorgen die Eltern weiter –
nicht wirklich nährend,
aber vertraut.
Dabei wird an den Verstrickungen gezerrt, im Grunde, um sie zu lösen - jedoch nicht so ganz durchtrennend, um noch den alten Halt zu spüren, die bewährte Sicherheit aus Kindheitstagen.
Es ist sehr schwer, einerseits seinen eigenen Weg zu gehen und andererseits so nah an der Herkunftsfamilie zu sein, wie Du es beschrieben hast.
Der Lohn der Eltern ist es eigentlich, dank ihres Kindes über ihren eigenen Tellerrand blicken zu können. So können sie sehen, wie man etwas auf eine andere Art und Weise machen kann, ohne die Details verstehen zu müssen. Denn die Bewusstseinsmuster von Kindern und Eltern sind unterschiedlich, oft sogar gegenteilig. (Nebenbei bemerkt: Die Wesen von Großeltern und ihren Enkeln sind ähnlich – hier findet sich oft das „ein Herz und eine Seele“.)
Ohne ihren Nachwuchs hätten Eltern nur ihre eigene Perspektive, sähen nur ihren eigenen Quark.
Nutze Deinen Ärger über sie gezielt, um Dich zu lösen. Dafür ist diese Wut da. Wenn Du Deinen eigenen Weg gehst, machst Du Dich emotional nicht mehr von Deiner Herkunftsfamilie abhängig.
Deine Eltern sind für ihr Leben und ihre Gefühle selbst verantwortlich. Sie haben Dich groß gezogen. Und keine Sorge, kleine Kinder tragen genau dafür die Themen der Eltern vorübergehend energetisch mit - körperlich können sie ja nichts leisten. Du hast also fleißig und genug getragen. Dank des Mittragens haben Eltern Zeit und Kraft übrig, um sich um die Versorgung des Kindes zu kümmern. Das ist der Deal, der Pflichtteil. Mit jedem Schritt des Kindes in die Selbstständigkeit bekommen die Eltern ihre Themen zurück. Haben alle ihre Pflicht erledigt und sind die Themen wieder bei den Eltern angekommen, können diese sich wieder um ihre Themen kümmern und sich daran weiterentwickeln. Und das erwachsene Kind kann den eigenen Weg gehen. Was darüber hinaus zusammen gemacht wird, ist die freiwillige Kür. Ein „Kann“ – wenn es aus Freude geschieht. Das ist dann unverbindlich.
Bedingte Liebe ist, was bedingte Liebe eben ist: toxisch. Deine Eltern haben Dich in ihr Leben eingeladen. Bedingungen zu stellen oder Dir Erwartungen anzulasten ist nicht deren Recht - sondern ihr eigener Ballast. Eigentlich sollten sie Interesse an Dir haben – bedingungslos. Aber es gibt auch Eltern, die sind schlicht und einfach zum Weglaufen gemacht, um als erwachsener Mensch auf diesem Weg ins eigene Leben zu gelangen und sich nicht mit der Herkunft aufzuhalten.
Es ist Dein Leben und Du bist letztlich niemandem Rechenschaft schuldig (solange Du Dich im gesetzlichen Rahmen bewegst) – nur Dir.
Lass Dich also nicht weiter verwickeln, sondern rechne nicht mehr mit ihnen. Danke ihnen für ihren Einsatz. Sie haben ihr Soll erfüllt, denn Du stehst auf eigenen Beinen. Das beweist ihren Erfolg als Eltern. Muttertag kann da eine gute Möglichkeit sein. Erzähle, davon, dass Du eigenständig bist, was Du beruflich erreicht hast, Ausbildung, Abschluss, Berufserfahrung, eigene Ehe. Führe Beweis über ihren Erfolg als Eltern. Damit wird klar: Dein Dank und dass Du auf ihre Unterstützung nicht mehr angewiesen bist, ganz im Gegenteil. Diese Zeit ist vorbei. Damit schickst Du ihre Rollen als Vater und Mutter sozusagen in Rente. Vielen Dank, ausgedient. Ebenso Deine Rolle als Sohn. Du fühlst Dich unabhängig und möchtest Dich auf Deinen Weg konzentrieren.
Lebe pure Eigenständigkeit.
Plane sie nicht mehr ein, zahle einen Hundesitter oder suche andere Möglichkeiten. Da gibt es sicherlich viele andere, nette Menschen, die Du kennenlernen kannst.
Und wenn Dein Vater privat und beruflich nicht trennen kann, dann trenne Dich letztlich auch beruflich. Firmenübergaben innerhalb der Familie sind oft heikel. Externe Unterstützung kann da einen anderen Blick drauf bieten, wenn Du noch nach anderen Möglichkeiten suchst, beruflich dort zu bleiben.
Viele Menschen sind noch emotional von den Eltern abhängig und umgekehrt. Die "emotionale Nabelschnur" ist dann wie ein Gummiband, das in die alte Rolle zurückholt. Da geht viel Kraft drauf, die eigentlich für die Umsetzung der eigenen Leben genutzt werden kann. Entweder die "emotionale Nabelschnur" ist durch oder nicht. Vergleiche Dich daher nicht mit anderen, wo es vermeintlich klappt. So viele versuchen, sich anzupassen und leben das Leben für die Eltern und nicht ihr eigenes für sich.
Deine Aufmerksamkeit für die Spielchen, bei denen es darum geht, wer über Dich bestimmt (um Hilfe bei der Gartenarbeit bitten. Konzertbesuch absagen, Enttäuschung und Ärger verspüren) bringt Dich in die alte Rolle.
Um Hilfe bitten und dann absagen - das sind Spielchen, die auf Grundlegenderes hinweisen. Auf so etwas nicht einlassen. Dein Konzertbesuch stand. Wer zuerst kommt .... . Und selbst wenn Du keinen Termin gehabt hättest, ist ihre Bitte nicht automatisch eine Verpflichtung für Dich.
Ganz ehrlich und bodenständig: Entweder, man kann den eigenen Garten bewältigen, sich einen Gärtner oder eine Hilfskraft leisten - oder wenn nicht, kann man als Eltern, als erwachsene Menschen reflektieren, wie man die äußeren Umstände an seine Möglichkeiten anpasst. Wenn die Verpflichtungen der Eltern übernommen werden, kommen die Eltern nicht selbst darauf, dass ihr Garten ihrer Verantwortung unterliegt und dass sie ihr Leben und ihre Verpflichtungen mit ihrer eigenen Kraft in Einklang bringen sollten.
Dann wird schleichend Verpflichtung um Verplichtung und die eigene Verantwortung den Kindern aufgebürdet. Das ist dann Rollentausch. Dass Dir abgesagt wurde, könnte darauf deuten, dass sich Dein Vater damit nicht wohl fühlt, Hilfe anzunehmen. Vielleicht merkt er, dass hier grundsätlich etwas im Argen ist. Hier könnte man klare Regeln aufstellen: Kommt selbst zurecht, um euch nicht von den eigenen Kindern abhängig zu machen. (Umgekehrt ebenso.)
Ab einem gewissen Alter lassen die Kräfte naturgemäß nach. Das kommt nicht urplötzlich! Als erwachsene, eigenverantwortliche Menschen können Eltern sich auch auf ihre kommenden Lebenabschnitte so vorbereiten, dass sie sich selbst unabhängig machen. Dein Vater hat ein Unternehmen hochgezogen, bekommt aber seinen Garten nicht selbst organisiert? Wenn die Eltern nicht unabhängig von anderen, soweit es eben geht, sein wollen, ist es ihr Mindset und ihr Problem - nicht Deins. Veränderungen im Alter bringen den Eltern Entwicklungsmöglichkeiten. Dafür müssen oft auch äußer Umstände wie Haus und Garten verändert werden. Mache ziehen beispielsweise zwei Mal um, bis sie etwas haben, was für den Lebensabschnitt angemessen ist, andere bauen um, bis sie sich rundum wohl fühlen. Das sind Entwicklungsprozesse, vor denen sich so manche drücken.
Die Antwort, was in die alte Rolle bringt, dass man wieder in die alte Rolle zurückrutscht, ist oft in einem selbst. Niemand kann Dich zurückhalten. Gehe in Dich: Was hält Dich zurück? Gibt es Erwartungen, beispielsweise der Sicherheit oder etwas Nostalgisches, das Vertraute? Neue Wege zu gehen fühlt sich zuerst leer an, kalt an. Denn sie sind offen und noch nicht ausgefüllt.
Die Nähe zu Eltern dient eine lange Zeit der eigenen Versorgung als Start ins Leben, bis der eigene Weg darauf wartet, gegangen zu werden. Bei manchen klappt es mit lebenslanger Nähe zu den Eltern. Da wartet nicht unbedingt das eigene Abenteuer.
Der Ärger ist der Hinweis darauf, dass sich in Dir Deine Entwicklungsmöglichkeiten verbergen. Die Richtung ist dann "nach vorne" und nicht mehr in das Gewohnte "zurück". Damit gehst Du aus dem Hin-und Her "Der Vater ärgert mich" und "Ich ärgere mich über mich, dass ich wieder in alte Rolle gerutscht bin" raus.
Das ist im ersten Schritt eine ganz tiefe, grundlegende Entscheidung, die Du Dir erlauben darfst. Damit kannst Du eine Entscheidung treffen,
die Du im Griff hast - worauf andere keinen Einfluss haben. Es ist anders, die Situation von diesem Punkt aus zu betrachten als wenn man im Hin-und Her steckt.