Beim Verzeihen geht es nicht darum die Taten und Worte eines anderen gutzuheissen sondern darum neutral, ohne Hass und Wut an diese Person denken zu können. Es geht um deinen eigenen Seelenfrieden den du nie finden wirst, solange du voller Hass und Rachegefühlen bist. Du verschwendest deine Kraft und Energie, indem du damit deine negativen Gedanken fütterst, anstatt dass du die Energie für dich selber nutzt. Zum Beispiel dafür, langsam, Schritt für Schritt wieder Vertrauen in die Menschen zu fassen. Das braucht viel Arbeit mit vielen Rückschlägen und ständiger Überwindung von Ängsten. Und dafür brauchst du die Energie, die du momentan an deine Mutter verschwendest.
Du kannst ihr einen Brief schreiben (den du bitte nicht abschickst) und ihr darin alles, aber auch alles unzensiert und in den übelsten Worten die du empfindest ungeschönt um die Ohren hauen. Mit ganz vielen Ausrufezeichen. Es erleichtert ungemein seine Gedanken in Worte zu fassen, dann sind sie endlich mal raus aus dem Kopf, wo sie sonst nonstop am kreisen sind. Deine Mutter interessiert es einen Dreck was du ihr zu sagen hast, ob nun dement oder nicht.
Das Problem bei toxischen Eltern ist, dass diese meist über Jahrzehnte dein Lebensmittelpunkt waren, deinen Charakter, deine Werte, dein Selbst geprägt haben. Oft haben sie auch heute noch eine zentrale Rolle in deinem Leben. Du siehst sie bei Familienfeiern und selbst wenn du willst, ist es oft schwer sie komplett aus deinem Leben auszugrenzen.
Im Kern hast du dabei vollkommen Recht. Das ständige Beschäftigen mit den toxischen Eltern raubt Energie und blockiert das Leben. Ich glaube für Viele ist es aber ein langer Prozess überhaupt zu erkennen, dass die Eltern toxisch sind. Und es hilft ihnen darüber zu sprechen. Sie müssen darüber sprechen gerade WEIL sie sonst keinen Seelenfrieden finden.
Toxische Eltern wirken oft nach außen liebevoll. Für die Betroffenen Kinder ist das eine Drucksituation. Sie werden von Anderen gefragt "Warum hast du so ein schlechtes Verhältnis mit deiner Mutter, die tut doch alles für dich". Solche Eltern schaffen es, dass du dich als Bösewicht fühlst. Und selbst wenn du dich 100% von ihnen löst, ploppen diese Fragen von Dritten immer mal wieder auf.
Mein Arzt hat mir damals zu einer Gruppentherapie geraten und gleichzeitig dazu den Kontakt zu meiner Mutter so weit zu reduzieren, wie es mir gut tut. Mein Problem ist, dass ich die Situation zwar inzwischen verstanden habe, aber inzwischen Ü40 bin. Klar, es ist nie zu spät sein Leben zu ändern, aber es wird mit zunehmendem Alter nicht leichter und vieles läuft unterbewusst ab.
Man weiß heute, dass Charakter und Werte primär in der frühen Kindheit und Jugend geprägt werden, wobei die entscheidendste Phase oft
vor dem 10. Lebensjahr liegt. Grundlegende Haltungen entstehen durch Erziehung, Umfeld und Vorbilder. Eine weitere Phase der Identitätsfindung und Festigung von Weltanschauungen findet intensiv zwischen
16 und 25 Jahren statt. Wer bis 25 zuhause lebt und den toxischen Eltern ausgesetzt wurde, die dich abhängig gemacht und dir ein niedriges Selbstwertgefühl vermittelt haben, dem gelingt es im restlichen Leben wenn überhaupt nur schwer, sich zu ändern.
Wir reden von Menschen, die es zutiefst verinnerlicht haben, "nichts wert zu sein" oder andere negative Selbstwahrnehmungen. Ich persönlich glaube, dass die meisten Menschen ab 25 auf "Autopilot" laufen. Sie handeln entsprechend ihrer erlernten Werte und ihres Charakters und ändern diese bis zum Tod nicht.