Ich kann ja verstehen, dass es viele Leute bedenklich finden, dass die traditionelle Familie in der Form wie man sie gern hätte heute kaum mehr so bestehen kann.
Ich bin zu jung um zu wissen wie es früher war, aber war das Familienleben in den 50ern und 60ern wirklich so viel harmonischer wie das von manchen glorifiziert wird?
Nein, war es nicht, das waren damals ganz andere Verhältnisse als heute. Man muß sich die Situation vorstellen: das war noch kurz nach dem Krieg, als Männermangel herrschte und viele Frauen, die noch dem traditionellen Rollenmodell anhingen, panische Angst hatten, sie würden keinen (mehr) abbekommen, weil eben so viele Männer im Krieg umgekommen oder als Krüppel, körperlich wie mental, zurückgekommen waren. Gegen Ende des Krieges und in der Zeit danach hatten viele Frauen Männerarbeit geleistet, einfach weil es anders nicht ging, jemand mußte die Arbeit ja tun, und die damit auch gewonnenen Freiheiten sollten sie jetzt ganz lieb und nett wieder abgeben, weil ja "eine gute katholische Maid keinem Mann den Arbeitsplatz wegnimmt" (mit dieser Begründung hat mein Großvater mütterlicherseits seinen Töchtern eine "hochwertige" Ausbildung versagt, nur Hauswirtschaft durften sie lernen, weil das ja die typische Hausfrauen-Vorbildung war - er hat immer auf einen Sohn gehofft, der seine kleine Werkstatt übernimmt, aber der kam dummerweise nie nach, und so war es mit seinem Tod aus und vorbei mit dem kleinen Familienbetrieb, die Töchter hatten ja wegen ihm "nix anständiges", sprich Handwerkliches, für einen guten Beruf geeignetes, gelernt...). Was dazu führte, daß die Frauen in den 50ern und Anfang 60er, vor Einführung der Pille und sexueller Befreiung, Studentenunruhen etc., ziemlich viel Zugeständnisse machten bzw. machen mußten (das wurde "von oben", insbesondere den Kirchen, die damals noch mehr Macht hatten als heute, quasi erwartet!) Aber die Frauen wurden mit diesem Zurück-ins-Mittelalter zu Kinder/Küche/Kirche nicht mehr wirklich glücklich. Ein Sklave, der einmal die Freiheit kennengelernt hat, läßt sich nie wieder Fesseln anlegen. So gesehen war das Familienleben in dieser Zeit nur nach außen, als Fassade gewissermaßen, glücklich und stabil, aber unter dem Friede-Freude-Eierkuchen-Lack hat es gegärt. Wenn die Mütter, die in dieser Zeit lebten, selbst nicht glücklich werden konnten, eben weil sie in diesen Verhältnissen gefangen waren bzw. sich hatten fangen lassen (durch Ehe mit häufig Berufsverzicht), dann sollten es wenigstens die Töchter besser haben mit einem freieren Leben... und so ist es ja auch gekommen, mit den 68ern und allen gesellschaftlichen Entwicklungen seitdem...