Bis zu einem gewissen Grad empfinde ich Worte wie: "bockig", "stur" oder "trotzig" auch problematisch.
Wenn man sich selbst so bezeichnet, dann zeigt es bereits eine gewisse Wertigkeit, welche man seiner selbst und seinen Emotionen und Reaktionen zuschreibt.
Begrifflichkeiten: bockig, stur, trotzig bezeichnen seither etwas, das nicht "funktioniert".
Das ist ein Esel, der sich nicht dressieren lässt.
Ein Kind, das nicht wie in der Erziehung erwartet agiert.
Sind dieses aber "negative Eigenschaften"? Es sind Emotionen und Emotionen haben grundsätzlich ihre
Berechtigung. Ja, das Kontrollieren von Emotionen kann "aus dem Ruder laufen" und unverhältnismäßig sein,
aber dann hat dieses ja seine Gründe - Vor allem bei Kindern.
Es ist ja nicht so als sei dieses ein "charakterlicher Makel" oder etwas, das nur gemacht wird, um Mitmenschen
"zu ärgern".
Das sind Emotionen oder nicht "adäquates" Umgehen können damit. Mitunter auch, da es nicht erlernt worden ist.
Und je jünger ein Kind, desto mehr ist es eher Kommunikation. Ein Baby kann sich zunächst auch nur durch Weinen mitteilen.
Ich finde nicht, dass man einem Kind oder sich selbst oder seinem inneren Kind eine Bockigkeit, Trotzigkeit oder Sturheit "vorwerfen" sollte.
Mitunter ist das der Widerstand, der nötig ist. Das Kommunizieren, das nötig ist.
Nicht immer in objektiv adäquater Weise, aber manchmal ist es strukturell nicht anders möglich.
Manchmal ist ein Trotz begründet. Oder eine Sturheit. Nichts davon muss negativ sein.
Dieses negativ anzukreiden, kann manchmal auch einfach nur Tone Policing sein.
Von oben herab aus einer völlig anderen Position, aus einer Distanz, heraus aus einer Rolle,
die nicht mitten drin die gleiche Unterdrückung und den gleichen Unmut erfährt und daher
nicht beurteilen kann, dass es manchmal wenig andere Möglichkeiten gibt und manchmal
solch eine Art des Ausbruchs und des Widerstands nachvollziehbar sind.
Das Recht einzuräumen, dass andere subjektiv ihren Gefühlen auch einmal Nachdruck
verleihen dürfen.
Was soll man denn als so ein kleines Kind gegen solch einen großen Erwachsenen machen,
von dem man sich ungerecht behandelt, unverstanden (oder schlimmeres) fühlt?
Was soll man denn gegen Leute machen, zu denen ein Abhängigkeitsverhältnis, eine Co-Existenz
oder ein Machtgefälle herrscht?
Gegen Leute, die ebenso nicht zu Diskussionen bereit sind?
Da sind Trotz und Bockigkeit und ein Wütendwerden nachvollziehbar.
Soll man dann diese kleine Flamme des Widerstandes auch noch mit:
"Na, nun sind wir aber trotzig! Nicht in dem Ton!" löschen?
I don't think so. Da braucht es Raum für Emotionen.
Wenn man einen Hund ärgert, dann beißt er auch mal.
Wenn man eine Katze ärgert, dann kratzt sie auch mal.
Tiere lassen sich auch nicht alles gefallen.
Ist dann wieder der Mensch, der sich über das Tier stellen will und
dem Tier natürliche Abwehrreaktionen "aberziehen" will.
Frauen, die unterdrückt werden, werden dann auch mal laut.
Das ist super, das ist ein Zeichen, dass sie sich nicht alles
gefallen lassen.
Da hat man früher auch gesagt:
"Die Frauen werden hysterisch und zickig!".
Nein. Normale Reaktionen auf Unterdrückung, Kleinhaltung, Machtgefälle (oder gar Misshandlung).
Zu unterdrückten Schwarzen, die bei rassistischem Verhalten auch mal wütend werden,
wird gesagt: "Sie sollen sich beruhigen".
Aber nein. Man muss sich keinen Mist gefallen lassen.
Niemand muss sich Mist gefallen lassen. Und wenn sich jemand viel Mist gefallen lassen muss,
dann wird er auch mal wütend.
Das können dann zehn Leute als hysterisch, trotzig, stur, bockig, kindisch, primitiv oder whatever titulieren.
Aus ihrer distanzierten, privilegierten Situation heraus.
Und Kinder, die Unrecht erfahren oder denen etwas nicht adäquat vermittelt worden ist
und sich gegen dieses Machtgefälle auflehnen wollen, werden dann mit bockig, stur, zickig etc bedacht.
Allein solche Titulierungen sind Abwertungen.
Die Kinder sind wütend oder fühlen sich ungerecht behandelt. Vor allem auch die inneren Kinder.
Was soll man machen, wenn man Mist erlebt oder Leute mistig zu einem sind?
Halma spielen?
Dann ist man eben "bockig". Oder anders ausgedrückt: Man wehrt sich, man kämpft.