Nicht weit von meinem Wohnplatz gibt es eine verborgene, von Efeu überwuchterte Spruchtafel, von Hand liebevoll bemalt, darauf steht: ""Leuchtende Tage, nicht weinen, dass sie vorüber, Lächle, dass sie gewesen..""
Ich wünsche dir viel Kraft- was versteht man darunter? Ich wünsche dir trotz dieser immens schweren Zeit, dass du diese überstehst und zurückfindest wieder zu deinen früheren Kräften, nachher, nach dieser jetzt furchtbaren Passage, die ihr beide durchmacht. Ich wünsche dir, dass du dankbar und liebevoll an sie denkst, wenn du an sie denkst, ihr hattet euch, es war schön, für beide, dazu hast du auch beigetragen. Sie wurde dir an die Seite gestellt, du wurdest an ihre Seite gestellt, ihr habt füreinander gesorgt, sie hatte es gut bei dir, du bei ihr.
Ich betrachte den Tod als "Tür", durch die man geht und nach Betreten des anderen Raumes ist jede Erinnerung erloschen, diese Vorstellung hilft mir, weil das auch bedeutet, ans Siechtum erinnert sich die/der Verstorbene sich auch nicht mehr. Diese Demenz ist doch bereits ein solcher Erinnerungsverlust, ein sich Lösen von der Zeit hier, die man hier verbracht hat. Das wird ihr helfen, das ist vielleicht sinnvoll, dadurch entgeht ihr vielleicht viel Furchtbares, sie merkts nicht, träumt weg, erlebt diese Zeit irgendwie im Halbschlaf. Das würde mich zum Beispiel auch trösten.
Meine Vernunft sagt mir, was wäre richtig- da liegt jemand vor mir, der nie wieder heil werden kann, weil die Krankheit schon so viel zerstört hat, meine Vernunft sagt mir, akzeptiere diese Erlösung.
Im Moment habe ich auch jemand Sterbenden vor mir, Krebs im Endstadium. Dieser mir sehr vertraute Mensch wird heimgehen- eigentlich, so meine ich, wieder auftauchen, im nächsten Leben sehen wir uns wieder- da sieht man sich, spürt irgendwie Vertrautheit, ohne zu wissen wieso... Seelen sterben nicht.