S
sellerie
Gast
Liebe MissFissel
Ich möchte Jay unterstützen, dass Strafen kindgerecht sein sollten, still auf einem Stuhl sitzen oder so. Viele Strafen, die man auf Kinder anwendet sind aber nicht kindgerecht.
Einsperren in einem separaten Raum wäre z.B. schrecklich und nicht altersgemäss für eine Zweijährige. Nicht kindgerecht sind alle Strafen, die das Ziel "Einsicht durch Schmerz" haben, insbesondere die oft so naheliegende "Rachestrafe" ist sinnlos, für das Kind unverständlich. Rachestrafe wäre: "dasselbe tun", also ihr an den Haaren reissen, um zu zeigen, "wie das ist". Das ist für das Kind überhaupt nicht dasselbe, da sie ja nicht an den Haaren reisst, um zu zeigen, "wie das ist", sondern andere, und zwar berechtigte Motive hat.
Konsequente Strafen sind nur solche, die vor der Tat angekündigt wurden, dem Kind die Wahl lassen, das unerwünschte Verhalten zu lassen oder zu zeigen und dann auch ausgeführt werden, wenn es das unerwünschte Verhalten zeigt. Die Impulsreaktionen Erwachsener lassen nachher nicht immer als Strafen interpretieren. Immer alles ohne Ankündigung bestrafen ist höchstens für den strafenden Erwachsenen konsequent, für ein so kleines Kind aber sind das "konsequente" Überfälle und nicht angebracht. Man muss aber handeln, um etwa das Opfer in Sicherheit zu bringen, das ist aber nicht = strafen. Wichtig ist - danke Jay! - Strafen auf die aktuelle Situation zu beziehen, kurz zu halten und rasch zur Normalität zurückzukehren.
Schlagen und beissen bei einer Zweijährigen sind nicht unangemessen für das Alter, zum Beispiel bei achtjährigen fände ich es aussergewöhnlich. Wir Erwachsenen neigen dazu, auf den Schweregrad einer Handlung zu reagieren. Ein bisschen an den Haaren reissen finden wir weniger bestrafenswürdig wie ein Büschel Haare auszureissen oder gar blutende Wunden zuzufügen. Dabei ist ein so kleines Kind, das nur wenig reisst, vielleicht gar nicht verständiger sondern einfach ängstlicher oder schwächer. Das ist ein Beispiel der Probleme Erwachsener mit Perspektivenwechsel. Denn die Motorik einer Zweijährigen, die Einsicht in das eigene Verhalten und so weiter ist schlichtwegs nicht genügend gereift, um die Durchführung der eigenen Impulse so zu kontrollieren - anders wäre es, wenn sie etwa vier Jahre wäre, wo wieder anderes voraussetzbar ist. Aber *seufz* wir machen uns ja nur bei Kindern überhaupt solche Gedanken, nicht? Denkt man an den Libanon jetzt, wo schnell grausame Angriffe als "Selbstverteidigung" legitimiert werden...
Ich bin nicht deiner Meinung, dass eine Zweijährige unabsichtlich handelt oder versehentlich. Sie handelt aus ihren entwicklungsbedingten Motiven, ihren Gefühlen und aus der ihr gegebenen physischen Stärke. Doch das heisst noch lange nicht, dass sie alles, was sie bewirkt, vorhersehen kann - selbst Erwachsenen fällt das schwer. Deshalb ist die Ansicht, dass "unbedingt gehandelt werden muss" gar nicht so unähnlich wie das heftige Verlangen, auf ein anderes Kind loszugehen.
Manchmal sollte erst Distanz gewonnen werden, damit wir nicht selbst wie zweijährige reagieren. Das Opfer in Sicherheit bringen, die persönlichen Racheimpulse vergehen lassen und sich erst mal überlegen, was wäre denn jetzt angebracht. Und die grosse Traute haben, sich einzugestehen: Auf ein solches Verhalten war ich nicht vorbereitet. Bis ich eine sinnvolle Strafe überlegt hätte, wäre es bereits wieder unsinnig, sie durchzuführen. Was könnte ich DAS NÄCHSTE MAL tun? Und es jetzt einfach mal so belassen und NICHTS weiter machen. Es geht nichts verloren, aber viel kann gewonnen werden. Da sich die Kinder ständig entwickeln, wird man nie alles voraussehen können. Kaum hat man die ideale Lösung, hofft man fast, das Kind zeige wieder das unerwünschte Verhalten, weil man so toll reagieren würde - ist es weg! Und schon kommt das nächste! Geduld mit sich selbst lernen und auch den Erzieherinnen das nahelegen: GEDULD. DAS KOMMT SCHON GUT.
Wenn du schreibst, dass sie "ohne Unterlass" an den Haaren reisst, frage ich mich schlicht, wer dieses Kind beaufsichtigt. Ich bin nicht der Ansicht, dass Zweijährige Standpauken erhalten sollen und ständig bestraft werden müssen. Ich finde es auch nervig, wegen jedem solchen "Sch..." gleich alle beteiligten Erwachsenen zusammenzutrommeln und ernsthafte Krisensitzungen abzuhalten. Wenn's denn beruhigt, wenn es denn den Erzieherinnen das Gefühl gibt, professionell und ÜBERHAUPT gehandelt zu haben, na gut.
Besser fände ich Beaufsichtigung. Zweijährige sollten unbedingt "konsequent" beaufsichtigt werden, gerade wegen ihres unreifen Gehirns, der Unfähigkeit, ihre Handlungen einzuschätzen und ihres erwachten Verlangens nach Macht und Autonomie.
Wenn die Antwort ist, dass die Kindergartenerzieherinnen eben nicht immer überall sein können, ist meine Antwort, dass sie dann wohl weniger Kinder in ihrem Garten betreuen sollen. Die "Auslese" von "natürlich" lammfrommen Kindern als Lösung auf wirtschaftliche Zwänge widerstrebt meinem "natürlichen" Verständnis von Pädagogik.
Es gibt keine Haftpflichtversicherungen für unzurechnungsfähige Personen, also auch nicht für Kleinkinder. Es gibt Familienhaftpflichtversicherungen und so weiter, aber für die Schäden von Kindern zahlen alle Versicherungen nur aus Goodwill. Zerkratzt dir ein Kleinkind dein schönes neues Auto, so ist die Versicherung nicht verpflichtet zu zahlen, hat mir ein Versicherungsmensch erklärt, denn mit sowas ist ZU RECHNEN. Würden Pädagoginnen auch so denken!
Schön wäre es, wenn man die Motive suchen würde, die das Kind hat. Da ansetzen. Sich freuen, über seine Kraft und seine Entschlossenheit, auszupobieren und seine Macht einzusetzen. Aggression ist nicht einfach schlecht sondern lebensnotwendig! Und dann dem Kind zeigen, was es nicht tun darf. So in der Art: Kind, du machst das grundsätzlich gut, aber dieses eine Verhalten im Speziellen geht eben nicht.
Liebe Grüsse, Sellerie
Ich möchte Jay unterstützen, dass Strafen kindgerecht sein sollten, still auf einem Stuhl sitzen oder so. Viele Strafen, die man auf Kinder anwendet sind aber nicht kindgerecht.
Einsperren in einem separaten Raum wäre z.B. schrecklich und nicht altersgemäss für eine Zweijährige. Nicht kindgerecht sind alle Strafen, die das Ziel "Einsicht durch Schmerz" haben, insbesondere die oft so naheliegende "Rachestrafe" ist sinnlos, für das Kind unverständlich. Rachestrafe wäre: "dasselbe tun", also ihr an den Haaren reissen, um zu zeigen, "wie das ist". Das ist für das Kind überhaupt nicht dasselbe, da sie ja nicht an den Haaren reisst, um zu zeigen, "wie das ist", sondern andere, und zwar berechtigte Motive hat.
Konsequente Strafen sind nur solche, die vor der Tat angekündigt wurden, dem Kind die Wahl lassen, das unerwünschte Verhalten zu lassen oder zu zeigen und dann auch ausgeführt werden, wenn es das unerwünschte Verhalten zeigt. Die Impulsreaktionen Erwachsener lassen nachher nicht immer als Strafen interpretieren. Immer alles ohne Ankündigung bestrafen ist höchstens für den strafenden Erwachsenen konsequent, für ein so kleines Kind aber sind das "konsequente" Überfälle und nicht angebracht. Man muss aber handeln, um etwa das Opfer in Sicherheit zu bringen, das ist aber nicht = strafen. Wichtig ist - danke Jay! - Strafen auf die aktuelle Situation zu beziehen, kurz zu halten und rasch zur Normalität zurückzukehren.
Schlagen und beissen bei einer Zweijährigen sind nicht unangemessen für das Alter, zum Beispiel bei achtjährigen fände ich es aussergewöhnlich. Wir Erwachsenen neigen dazu, auf den Schweregrad einer Handlung zu reagieren. Ein bisschen an den Haaren reissen finden wir weniger bestrafenswürdig wie ein Büschel Haare auszureissen oder gar blutende Wunden zuzufügen. Dabei ist ein so kleines Kind, das nur wenig reisst, vielleicht gar nicht verständiger sondern einfach ängstlicher oder schwächer. Das ist ein Beispiel der Probleme Erwachsener mit Perspektivenwechsel. Denn die Motorik einer Zweijährigen, die Einsicht in das eigene Verhalten und so weiter ist schlichtwegs nicht genügend gereift, um die Durchführung der eigenen Impulse so zu kontrollieren - anders wäre es, wenn sie etwa vier Jahre wäre, wo wieder anderes voraussetzbar ist. Aber *seufz* wir machen uns ja nur bei Kindern überhaupt solche Gedanken, nicht? Denkt man an den Libanon jetzt, wo schnell grausame Angriffe als "Selbstverteidigung" legitimiert werden...
Ich bin nicht deiner Meinung, dass eine Zweijährige unabsichtlich handelt oder versehentlich. Sie handelt aus ihren entwicklungsbedingten Motiven, ihren Gefühlen und aus der ihr gegebenen physischen Stärke. Doch das heisst noch lange nicht, dass sie alles, was sie bewirkt, vorhersehen kann - selbst Erwachsenen fällt das schwer. Deshalb ist die Ansicht, dass "unbedingt gehandelt werden muss" gar nicht so unähnlich wie das heftige Verlangen, auf ein anderes Kind loszugehen.
Manchmal sollte erst Distanz gewonnen werden, damit wir nicht selbst wie zweijährige reagieren. Das Opfer in Sicherheit bringen, die persönlichen Racheimpulse vergehen lassen und sich erst mal überlegen, was wäre denn jetzt angebracht. Und die grosse Traute haben, sich einzugestehen: Auf ein solches Verhalten war ich nicht vorbereitet. Bis ich eine sinnvolle Strafe überlegt hätte, wäre es bereits wieder unsinnig, sie durchzuführen. Was könnte ich DAS NÄCHSTE MAL tun? Und es jetzt einfach mal so belassen und NICHTS weiter machen. Es geht nichts verloren, aber viel kann gewonnen werden. Da sich die Kinder ständig entwickeln, wird man nie alles voraussehen können. Kaum hat man die ideale Lösung, hofft man fast, das Kind zeige wieder das unerwünschte Verhalten, weil man so toll reagieren würde - ist es weg! Und schon kommt das nächste! Geduld mit sich selbst lernen und auch den Erzieherinnen das nahelegen: GEDULD. DAS KOMMT SCHON GUT.
Wenn du schreibst, dass sie "ohne Unterlass" an den Haaren reisst, frage ich mich schlicht, wer dieses Kind beaufsichtigt. Ich bin nicht der Ansicht, dass Zweijährige Standpauken erhalten sollen und ständig bestraft werden müssen. Ich finde es auch nervig, wegen jedem solchen "Sch..." gleich alle beteiligten Erwachsenen zusammenzutrommeln und ernsthafte Krisensitzungen abzuhalten. Wenn's denn beruhigt, wenn es denn den Erzieherinnen das Gefühl gibt, professionell und ÜBERHAUPT gehandelt zu haben, na gut.
Besser fände ich Beaufsichtigung. Zweijährige sollten unbedingt "konsequent" beaufsichtigt werden, gerade wegen ihres unreifen Gehirns, der Unfähigkeit, ihre Handlungen einzuschätzen und ihres erwachten Verlangens nach Macht und Autonomie.
Wenn die Antwort ist, dass die Kindergartenerzieherinnen eben nicht immer überall sein können, ist meine Antwort, dass sie dann wohl weniger Kinder in ihrem Garten betreuen sollen. Die "Auslese" von "natürlich" lammfrommen Kindern als Lösung auf wirtschaftliche Zwänge widerstrebt meinem "natürlichen" Verständnis von Pädagogik.
Es gibt keine Haftpflichtversicherungen für unzurechnungsfähige Personen, also auch nicht für Kleinkinder. Es gibt Familienhaftpflichtversicherungen und so weiter, aber für die Schäden von Kindern zahlen alle Versicherungen nur aus Goodwill. Zerkratzt dir ein Kleinkind dein schönes neues Auto, so ist die Versicherung nicht verpflichtet zu zahlen, hat mir ein Versicherungsmensch erklärt, denn mit sowas ist ZU RECHNEN. Würden Pädagoginnen auch so denken!
Schön wäre es, wenn man die Motive suchen würde, die das Kind hat. Da ansetzen. Sich freuen, über seine Kraft und seine Entschlossenheit, auszupobieren und seine Macht einzusetzen. Aggression ist nicht einfach schlecht sondern lebensnotwendig! Und dann dem Kind zeigen, was es nicht tun darf. So in der Art: Kind, du machst das grundsätzlich gut, aber dieses eine Verhalten im Speziellen geht eben nicht.
Liebe Grüsse, Sellerie