Ich glaube unsere Gesellschaft kämpft mit einem allgemeinen Werteverfall, der mit einer übermäßigen Betonung des Individuums einhergeht. Die extreme Ich-Betonung lässt nur in den wenigsten Fällen eine Betrachtung der Welt aus der Sicht eines anderen zu. Daraus resultierend folgt eine Ratlosigkeit angesichts komplexer Problematiken, die nicht selten in Doppelmoral enden, da dem Individuum die Fähigkeit zur Abstraktion abhanden gekommen ist. Ohne Werte keine Richtlinien, ohne Richtlinien keine Moral.
Nicht zuletzt haben die Vorbilder aus Politik und Medien ihr Verantwortungsgefühl verloren, eben die benötigten Wertideale zu verkörpern. Frei nach dem Motto "Brot und Spiele" wird der Bevölkerung ein Selbstbild vorgegaukelt, das es schon seit Jahrzehnten nicht mehr gibt. So bekommt zwar jeder mit, wer "Knut" oder "Flocke" ist, aber kaum einer interessiert sich noch für Gesetzesbeschlüsse, Debatten und dergleichen, obwohl gerade diese unser Leben beeinflussen wie kaum etwas anderes.
Werte bringen in den Gesellschaften die voran, die bereit sind, diese zu leben. Individuen aber sind von einem nicht zu verachtenden Egoismus geprägt, der weit über das gesunde Maß an Selbstbestimmung hinaus geht. Es ist für ein Individuum einfacher ohne Werte zu leben, da es sonst gezwungen wäre die eigene Motivation zu hinterfragen und gegebenenfalls auch mal Fehler zu korrigieren.
Durch die fehlenden Werte verschieben sich alle Wahrnehmungsgrenzen drastisch. Das äussert sich bspw. darin, dass Täter und Opfer zunehmend verwechselt werden. Zieht sich bspw. ein Mädel einen engen Rock an und tatscht ihr dann einer ungefragt auf den Hintern, heisst es, sie wäre selber Schuld.
Wir erleben eine Zeit, in der das Individuum nicht nur von den Werten wie Moral befreit wird, sondern auch größtenteils der Verantwortung für sein Tun enthoben wird. Früher wurden bspw. Eltern bestraft, wenn ihr Kind mit Steinen nach anderen Leuten warf, heute wird die Tat des Kindes damit entschuldigt, dass es ja noch so klein ist. Von der Verantwortung der Eltern, auf das Kind aufzupassen ist keine Rede mehr.
Ich glaube alles zusammen genommen ist eine sehr gefährliche Mischung, die bald zu einem gewaltigen Knall führen kann...
Ich höre in dem Zusammenhang öfter das Zitat von Sokrates:
zusammen mit der Ansicht, dass es ja alles nicht so schlimm sein kann, wenn sich schon die alten Römer über diese Problematiken beschwerten... nun ich antworte dann immer, dass es die alten Römer heute nicht mehr gibt...