Dass mein Verlobter sehr überzeugt von seiner eigenen Sichtweise ist und meine Einschätzung häufig nicht wirklich an sich heranlässt, merke ich inzwischen auch. Aber ich glaube nicht, dass er meinem Sohn grundsätzlich etwas Böses will. Er ist vielmehr sehr davon überzeugt, dass seine Art, mit der Situation umzugehen, richtig ist und dass mein Sohn vor allem mehr Grenzen und Konsequenz braucht.
Bei der Unterbringung meines Sohnes habe ich tatsächlich einfach versucht, kurzfristig eine Lösung zu finden, mit der ich beruhigter ins Krankenhaus gehen kann. Eine andere Lösung ist mir in der Situation nicht eingefallen.
Die Aussage mit der „harten Hand“ hat mich nahdenklich gemacht. Vor allem, weil ich meinen Verlobten über die Jahre anders erlebt und immer wieder von ihm gehört habe, dass mein Sohn für ihn selbstverständlich zu unserer gemeinsamen Familie gehört. Deshalb fällt es mir gerade schwer, das alles miteinander in Einklang zu bringen.
Vielleicht habe ich tatsächlich lange davon profitiert, dass mein Verlobter in vielen Dingen sehr bestimmend und entscheidungsfreudig war. Er hatte eigentlich immer sofort eine Lösung oder einen konkreten Plan, wenn bei uns irgendein Problem aufgetaucht ist. Das hat mir Sicherheit gegeben und mich wahrscheinlich auch an manchen Stellen entlastet. Ich gebe auch zu, dass ich seine Vorstellungen teilweise sehr positiv aufgenommen habe. Als er damals davon sprach, dass unser Zusammenzug für meinen Sohn unter anderem die Möglichkeit einer Privatschule eröffnen würde, habe ich das tatsächlich als große Chance für meinen Sohn gesehen, aus verschiedenen Gründen. Ich habe darin nicht nur eine Entscheidung für unsere gemeinsame Zukunft gesehen, sondern auch etwas, von dem mein Sohn profitieren könnte. Vielleicht hat es mir dadurch auch leichter gemacht, manche Veränderungen als etwas Positives zu betrachten. Ich möchte das nicht schönreden.