Danke für deine ehrliche Antwort. Es klingt so, als wärst du nie wirklich in der Lage gewesen, eigene Entscheidungen zu treffen. Deine Interessen wurden klein gemacht oder als peinlich dargestellt, deine Leistungen funktionalisiert, und du solltest offenbar vor allem Erwartungen erfüllen - nicht dich selbst entwickeln.Blaumeise, deine Frage ist ganz korrekt in der Vergangenheitsform ausgedrückt. Dieser Zug ist wahrscheinlich schon abgefahren (Pun intended).
Die Frage, warum nicht, hängt viel mit meinem Background zusammen. Ich bin in meiner Familie der Einzige, der ohne weitere Schwierigkeiten sein Abi geschafft hat, ich bin/war unter Cousins damit das Wunderkind der Familie. Ich bin zudem der Jüngste, Einzelkind und damit die große Hoffnung.
Dazu war ich an einem Gymnasium, dem ein hoher Schwierigkeitsgrad nachgesagt wird. Meine Ex-Mitschüler studieren zu einem nicht mehrheitlichen, aber großen Teil an irgendwelchen (privaten) Eliteunis. Die Lehrer wollten auch, dass wir mindestens eine Top-150-Uni der Welt besuchen. Ich bin dahingehend schon eine Enttäuschung.
Für meinen Vater zählt nur der Master, lieber gleich zwei oder Promotion. Etwas anderes sei wertlos und man verdiene danach eh nicht viel.
Meine Mutter will/wollte mir Bahnfahren aus dem Kopf vertreiben (u.a. in dem ich nicht die Bahn auf Social Media beobachten durfte, wenn sie in der Nähe war), so dass ich es mit 14/15 Jahren heimlich getan habe, danach war Standortkontrolle angesagt, und dann traute ich mich nicht mehr.
Meine Eltern haben viel elitäres Gedankengut, so sind zB Jobs im Supermarkt für die Ausländer bestimmt und nicht für die Einheimischen. Zudem kommt das Narrativ, dass ich bestimmte Berufe nicht kann weil ich zu untauglich bin. Das betrifft v.a. das Handwerk. Diese sind sowieso immer schmutzig und meine Mutter kann Schmutz nicht sehen.
Es gibt im Grunde nur zwei Möglichkeiten: ich bleibe dort, wo ich aktuell wohne und breche den Kontakt ab, oder ich ziehe zu meinen Eltern zurück und muss mir permanent blöde Sprüche anhören.
Dass du trotzdem überhaupt noch spürst, was dich interessiert (z. B. die Bahn), ist im Grunde schon erstaunlich. Die Frage nach dem Lokführerberuf war nicht sarkastisch gemeint, sondern ernst: Warum nicht einfach das machen, was dir wirklich liegt?
Wenn du schreibst, der Zug sei abgefahren, frage ich mich: Meinst du, du kannst es nicht mehr, oder du darfst es nicht, weil du glaubst, dann endgültig gescheitert zu sein?
Du bist 22. Wenn du jetzt den Kurs änderst, ist das keine Katastrophe, sondern normal. Schlimmer wäre, noch zehn Jahre lang etwas durchzuziehen, das dich kaputt macht, nur damit andere weiter stolz auf eine Fassade sein können.