Liebe Wolke,
ich möchte mit dir noch etwas aus meinem Erfahrungsschatz teilen, das womöglich erklärt, warum auch ich dir so dringend zum Ende mit Schrecken rate. Von meiner eigenen worst Beziehung ever hatte ich berichtet. Viele meiner Freunde erzählten mir später, sie hätten sich gewundert, warum ich das Drama überhaupt so lange mitgemacht hätte, ich sei dafür doch gar nicht der Typ, dass sie aber auch erstaunt seien, dass ich es so gut weggesteckt hätte. Ich würde das sogar in weiten Teilen bestätigen; andere wären wahrscheinlich zwischenzeitlich in der Klapse gelandet, denn es sind noch viel mehr Dinge vorgefallen, von denen ich hier gar nicht erzählt habe, da es einfach nicht passt und da sie auch ausgesprochen unglaublich waren. Ich würde mich per se als sehr resilienten Menschen bezeichnen, der sich immer auch aus eigener Kraft weiterhelfen konnte, wenn mal etwas nicht so gut lief. Stets konnte ich auf meine innere Stärke und Stabilität vertrauen und dass ich Situationen von Emotionen entkoppeln und sie recht rational zu analysieren vermochte, irgendwann kam ich zu Lösungen und habe sie auch umgesetzt. Man sollte also meinen, dass alles gut ausgegangen ist.
Das ist es im Großen und Ganzen wohl auch; Narben sind nicht zurückgeblieben, aber immer noch blaue Flecken. Diese Beziehung hat mit mir etwas gemacht, das ich nur sehr schwer und nach vielen Jahren abstellen konnte, teilweise noch immer latent mit mir herumschleppe.
Ich war zuerst sehr misstrauisch, habe zwar gut gelebt und das auch genossen, wollte wenig an das Vergangene denken - so ganz konnte ich das aber nicht. Ich war immer so unterwegs, dass ich wusste, ich brauche eigentlich niemanden, komme auch alleine klar und bin jederzeit in der Situation, mich zurückzuziehen. Eigentlich ja super, sollte man denken. Aber für einen neuen Partner ist es das nicht: Er musste mit diesem Misstrauen klar kommen, das er gar nicht verschuldet hatte. Wenn wir uns mal stritten hab ich dann auch schnell, oft viel zu schnell gesagt, dass wir uns auch gerne trennen könnten und habe ihn damit zeitweise sehr verletzt. Erst nach und nach wurde es besser - ich habe diese Haltung sogar ein Stückweit in die Erziehung unserer Tochter hineingetragen und ihr geraten, sich immer so zu positionieren, dass sie jederzeit aus einer Beziehung ausbrechen und auf eigenen Füßen stehen kann. Dass sie sich niemals in irgendwelche Abhängigkeiten begeben soll. Eigentlich finde ich das schon schlimm, aber diese Erfahrungen haben mich eben doch stärker geprägt als ich zugeben wollte und ich kann bis heute nicht ganz aus meiner Haut.
Auch bei deiner Schilderung der stets kurz vorher gecancelten Urlaube hatte ich ein Déjà-vu. Auch ich hatte immer wieder schöne Urlaube geplant, mir im Job dafür freigenommen, sogar schon bezahlt - und dann passierte wieder etwas, ein Streit wurde völlig unvermittelt vom Zaun gebrochen, so dass wir den Urlaub nicht antreten konnten. Teilweise waren sogar schon die Koffer gepackt, der Abflug wäre wenige Stunden später gewesen. Am Ende fand ich dann raus, dass er aus diversen Gründen niemals hätte fahren können. Bis heute, also satte 20 Jahre später, ist es noch so, dass ich im Hinterkopf habe, dass ein geplanter Urlaub womöglich nicht stattfinden wird. Natürlich kann immer mal etwas passieren, das ist dann aber schicksalsbedingt und nicht bewusst manipuliert. Aber diese lancierten Streitigkeiten habe ich danach nie wieder erlebt und trotzdem schwebt die Erfahrung noch wie ein Damoklesschwert über mir.
Was ich damit sagen will: All diese negativen Erfahrungen und Enttäuschungen haben mich geprägt und es ärgert mich bis heute, dass es diesem Menschen gelungen ist, so etwas in mir auszulösen. Je länger du mit ihm zusammenbleibst, desto mehr solcher negativer Erlebnisse können sich manifestieren und dich auf eine Art beeinflussen, dass du in Teilen ein anderer Mensch wirst. Gesteh ihm diesen Einfluss nicht zu - du hast ein Recht auf ein zufriedenes und glückliches Leben, in dem du um deiner selbst willen geliebt und geachtet wirst und deinerseits bedingungsloses Vertrauen schenken kannst.