Wenn ich das so lese, kann ich noch froh sein, dass mein Partner und ich nie zusammen gewohnt haben. Er war immer an den Wochenenden oder Feiertagen oder im Urlaub da, eben an arbeitsfreien Tagen. Unter der Woche haben wir manchmal, aber auch nicht täglich, miteinander telefoniert.Inzwischen habe ich begonnen, mir neue Interessen, alte Freunde und neue Bekannte zu suchen. Bei den Treffen mit befreundeten Paaren fühlte ich mich oft wie das dritte Rad am Wagen. Ja, allein ist allein. Ich habe auch mit kleinen Freuden neu angefangen. Ein langer Weg.
Dennoch: Solange er lebte, wusste ich, ich kann ihn - auch unter der Woche - jederzeit anrufen. Freitags freute ich mich auf seinen Wochenendaufenthalt bei mir. Im Urlaub waren wir noch länger zusammen. Das ist jetzt alles weg. Und das ist für mich schon schlimm genug.
Ich kann auch vorerst nicht irgendwohin in Urlaub fahren, wo ich mit ihm zusammen war. Da wäre ich nur traurig. Nach seinem Tod war ich schon wieder im Urlaub, aber an einem Ort, wo ich mich auskannte, aber nie mit ihm gemeinsam war. Es gibt andererseits aber zwei nahegelegene Wochenendausflugsziele, wo wir seit Corona fast ständig waren. Da kann ich komischerweise hinfahren, ohne noch trauriger zu werden. Da fühle ich mich ihm irgendwie nahe, und es geht mir dort meist ganz gut. Ist schon merkwürdig, wie die Psyche funktioniert.
Beruflich habe ich viel Stress, konfliktträchtige Situationen etc. Da mache ich mir manchmal, gerade nach Urlauben, auch Sorgen, ob ich das auf Dauer alles noch packen werde. Nach ein paar Tagen war ich bisher aber meist wieder im Trott und es ging dann doch wieder. Die Arbeit, selbst wenn sie auch Stress mit sich bringt, lenkt ja auch ab. Abends bin ich dann zu müde zum Grübeln über den Tod meines Partners und dessen Folgen für mein Leben. Sollte es irgendwann doch schon vorzeitig nicht mehr gehen mit der Arbeit, wäre es zwar nicht schön, aber keine Katastrophe. Als Beamtin falle ich finanziell noch relativ weich, bin auch ohnehin eher bescheiden in meinen Ansprüchen, und in drei Jahren kann ich mich ohnehin auf Antrag vorzeitig pensionieren lassen, wenn ich es will und mit der Versorgung, auskomme, wenngleich eine vorzeitige Pensionierung natürlich mit hohen Abschlägen verbunden ist.
Langfristige Perspektiven sehe ich im Moment für mein Leben auch nicht. Ich bin zwar "erst" Jahrgang 1963, aber mit 60 Jahren oder mehr findet man als Frau auch keinen neuen Partner mehr. Und ich kenne mich gut genug, um zu wissen, dass ich ohnehin Jahre brauchen würde, um überhaupt wieder für so etwas offen zu sein, wenn überhaupt jemals. Es käme mir wie ein Verrat an meinem verstorbenen Partner vor. Ich bin auch nicht der Typ, den die breite Masse der Männer sich als Partnerin wünschen würde. Ich glaube, da muss ich realistisch sein und das Thema abhaken.
Wenn mein Partner erst in 15 oder 20 Jahren verstorben wäre, wäre ich wenigstens in einem Alter gewesen, in dem auch andere Frauen normalerweise Witwe werden. Klar, manche sind schon in ihren 30ern oder 40ern verwitwet, die sind aber dann auch noch jung genug, um vielleicht irgendwann wieder einen anderen passenden Partner zu finden. Die Möglichkeit habe ich nicht mehr, rein statistisch gesehen aber dennoch noch über 20 Jahre Lebenszeit vor mir.
Langfristige Perspektiven sehe ich auch nicht. Ich lebe von Tag zu Tag und versuche, die bestehenden Freundschaften zu pflegen und beruflich einigermaßen zu funktionieren. Mehr ist bis auf Weiteres eben nicht drin.
Weitläufige Verwandte, die in einem anderen Kontinent leben, haben mich kürzlich zu sich eingeladen. Ich war da vor sechs Jahren schon mal (leider wollte mein Partner damals nicht mit, obwohl er auch eingeladen war). Vielleicht fahre ich da im Sommer wirklich noch mal hin. Dort habe ich dann wenigstens Gesellschaft, und es ist ein Ziel, an dem ich nie mit meinem Partner zusammen gewesen bin. Dieses Jahr ließe sich diese Reise auch zeitlich einrichten, nächstes Jahr wäre es aufgrund von personellen Veränderungen in dem Arbeitsbereich, den ich leite, nicht möglich. Und wenn ich noch länger warte, sind vielleicht schon wieder einige von diesen Verwandten verstorben oder ich kann es selber aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr. Kann man ja nie wissen. Es wird ja auch nicht jeder 61, wie ich bei meinem Partner ja gesehen habe.
Was für mich bis auf Weiteres ganz schädlich ist, ist das zur Schau gestellte Partnerschafts- oder Familienglück anderer Menschen. Das wühlt meinen ganzen Schmerz nur auf und dann geht es mir wieder deutlich schlechter. Diesen Situationen und den betreffenden Menschen werde ich auch aus dem Weg gehen. Auch die Teilnahme an Hochzeiten und drgl. kann und will ich mir nicht mehr zumuten. Es sind nicht alle so rücksichtsvoll wie z.B. das befreundete Pärchen, das ich aufgrund der weiten Entfernung ohnehin nur höchstens einmal im Jahr treffen kann.
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