biancaneve
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Hallo Kylar,Wurde mir auch während meiner gesamten Kindheit eingeimpft , dass ich der Böse, Undankbare, Nichtsnutz bin, der an allem Schuld ist. Die Denke , dass dem wirklich so ist, musste ich mir in jahrelanger Arbeit abtrainieren und denke zum Teil heute noch so. Zu Beginn hat meine Therapie, die diese Denke graderücken sollte nichts gebracht, denn kaum habe ich leichte Fortschritte gemacht, kam ein Kontakt zu meinen Erzeugern und die haben alles sofort wieder zunichte gemacht, indem sie da weitergemacht haben, wo sie vorher nach 20 Jahren Kindheit und Jugend-Indoktrination aufgehört hatten.
Bis heute kam auch keine Einsicht oder Entschuldigung, dass meine Eltern vieles falsch gemacht haben und mir keine gute Kindheit bieten konnten. Diese Einsicht und Entschuldigung wird auch nie kommen. Im Gegenteil , meine Erzeugerin würde sich sofort selber den Award "Beste Mutter ever" verleihen. Und das ich so ein verkorkstes Kind geworden bin, sei ganz alleine meine Schuld.
vielen Dank für deine Antwort. Es ist schmerzhaft zu lesen, dass es dir ähnlich ging wie mir, aber auch erleichternd. Viele Jahre habe ich zu mir selbst gesagt: "Ja, weine nur, du hast aber gar nicht das Recht, zu weinen. Es war überhaupt nicht so schlimm, was deine Eltern gemacht haben, du weinst zu Unrecht." Das kam daher, dass meine Eltern alles abgestritten und abgewiegelt haben. Du spinnst! Du übertreibst! Dies und das habe ich nie gesagt/getan! Das hast du völlig falsch in Erinnerung!"(-> "gaslighting").
Die Böse, Undankbare, die die an allem schuld ist: genauso war es bei mir auch. "Du bist undankbar! Wir haben ALLES für dich getan!!!" war der oft gehörte Schlachtruf meines Vaters, wenn ich ihn damit konfrontierte, dass er lieblos, toxisch und gewalttätig war.
In einem Telefongespräch vor ein paar Monaten räumte er in einem launigen Moment ein, er habe "schon Sachen gesagt, die nicht gut waren". Das kam, so mal eben, in einem Nebensatz daher. Und dieser Moment war dann auch blitzschnell wieder vorbei und es wurde zur Tagesordnung übergegangen. Es tut mir wirklich leid, aber ich kann dies nicht als "Entschuldigung" akzeptieren. Für das, was ich erlebt habe, für das Maß, in dem ich zerstört wurde - dafür ist das nur Hohn.
"Award beste Mutter ever" - genau das. Meine Mutter hat sich immer gern als "Löwenmutter" dargestellt, die todesmutig ihr Junges vor den Feinden verteidigt. In besoffenem Zustand hat sie mir mal alles runtergeleiert und in vorwurfsvollem, anklagenden und aggressiven Ton hingeworfen, was sie alles wegen mir erleiden musste. Alles, was Lehrerinnen über mich zu ihr gesagt hatten, musste ich mir da anhören. Wie Lehrerinnen das Mobbing , das ich ertragen musste, leugneten. Und sie, meine Löwenmutter, hätte dann aber dies und das gesagt!!!
Von dieser ganzen Löwenmutter-Verteidigung habe ich selbst damals leider wenig gespürt - ich wurde weiterhin auf dem Schul- und Heimweg von einer Truppe aus meiner Klasse herumgeschubst und auf den Boden geworfen und getreten.
Auf dem Schulweg hatte ich solche Angst, dass ich mal in meiner Not eine Frau ansprach, die gerade aus ihrer Tür kam. Aber die konnte mir natürlich auch nicht helfen.
Das war eigentlich das Schlimmste: immer wieder habe ich mich an Erwachsene gewendet und um Hilfe gebeten, aber niemand konnte oder wollte mir so richtig helfen.
Hoffentlich konntest du dich inzwischen von der Schuld befreien, von der Idee, "selbst Schuld" an der eigenen Verkorkstheit zu sein. Ich kämpfe weiter, um innerlich über diesen Gedanken hinwegzukommen. Es geht ja auch nicht darum, den Eltern "die Schuld an allem" (so sagten es meine Eltern immer) zu geben und sich selbst völlig aus der Verantwortung zu ziehen.
Aber es muss erlaubt sein, Ross und Reiter zu benennen und diejenigen, die damals die Verantwortung hatten, darauf hinzuweisen, dass ein Kind/Jugendlicher schützenswert ist.
Heute bin ich erwachsen und selbst verantwortlich für mein Wohl. Eine Verantwortung, die ich sehr ernst nehme.
Viele Grüße und alles Gute
biancaneve