Hr. Pinguin
Sehr aktives Mitglied
Da muss ich aber fragen: Siehst du dich immer noch als intelligenter an als deine Freundin?Weißt Du, ich habe mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg abgeschlossen. Dort hatte ich eine Freundin. Uns verband eine ähnliche Situation als Alleinstellungsmerkmal in der Klasse, was uns zusammen hielt.
Im Unterricht stellte sie jedoch solche Fragen, dass ich sie mitleidig ansah und dachte: "Hase, Du schaffst das doch nie."
Aber sie war zäh, kompromisslos, ehrgeizig und stur. Was ihre kognitiven Fähigkeiten ihr nicht erlaubten, machte sie mit Fleiß und Disziplin wett.
Im Studium zog sie an mir vorbei und schloss mit einem 1er Schnitt ihr Magisterstudium ab. Das machte mich sprachlos. Ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass Intelligenz allein nicht reicht. Dass es hochmütig ist, allein auf seine Intelligenz stolz zu sein und dass das eben nur die Hälfte der Miete ist.
Zum Erfolg gehört Talent, aber noch viel mehr Fleiß und Spucke.
Heißt, vermeintliche Minderbegabung zu betrauern ist dasselbe wie ein Leben lang zu lamentieren, man sei zu hässlich für die Liebe. Es ist bequem, auf etwas zu schauen, was man nicht ändern kann. Schau auf das, was Du ändern kannst und pack es an.
Vielleicht hatte sie seinerzeit nur so einen Rückstand im Wissen und hat dieses aufgeholt.
Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn jemand zu mir sagt, dass mir die Intelligenz fehlt (in den verschiedenen Formen, in denen man sowas ausdrücken kann). Das ist ein ganz schreckliches Erleben für mich. Es ist so eine massive Abwertung.
Wenn jemand sagt, man kann fehlende Intelligenz mit Fleiß und Disziplin ausgleichen, dann bleibt da trotzdem diese Abwertung. Zu mir hatten das die Leute früher auch gerne gesagt (da war ich so 18 bis 20 Jahre alt). Ich möchte nicht sagen, dass es nicht auch anerkennend gemeint war. Aber ich glaube, es war ihnen wichtig, dass sie eine Erklärung für sich hatten, mit der sie ihre Sicht und ihr Selbstbild aufrechterhalten konnten.
Ich glaube, es ist sehr schwierig, jemanden auf Augenhöhe zu sehen, oder wenn man sogar von jemandem überflügelt wird, den man zuvor mitleidig beäugt hat.
Dieses "weniger wert zu sein", sitzt so tief in einem drin. Man hat diese existentielle Angst, dass man unter Wert sein könnte. Man hat Angst vor dieser Verachtung der anderen, dem Verlust der Anerkennung und dem sozialen Ausschluss.