grisou meinte:
@ momo
was mir auffällt, du bist dir gegenüber ziemlich hart. übernimmst für alles die verantwortung.
ihr hattet eine beziehung. du hast ihm vertraut und das vertrauen hat er gebrochen. deinem partner passt es nicht, dass du eine depressive phase hast. er hat kein verständnis. für die meisten menschen geht es doch gerade darum in einer partnerschaft. um gegenseitige unterstützung, in guten wie in schlechten tagen.
ich will sein verhalten gar nicht bewerten, nur ich denke, das ist wohl eher nicht das, was du erwartet hast, oder? und daran ist es gescheitert und nicht an der depression oder den ausbrüchen.
du musst dich doch vor ihm nicht rechtfertigen. abbitte leisten.
damit macht man sich selbst klein.
es geht doch mehr darum, die verantwortung zu übernehmen. klar, sich zu entschuldigen, aber nicht rechtfertigen.
womit du völlig recht hast.
und wenn du genau hinschaust, mit wem hast du es da denn zu tun? doch nicht mit jemand der sein leben in der hand hat, der mit krisen umgehen kann. er kann das nicht mit seiner eigenen krise und mit deiner war er darum überfordert und daran ist das eigentlich gescheitert. nicht an dir, sondern an der kombination.
jeder mensch macht fehler. wir alle verletzen menschen. und es gibt keinen grund darum einen anderen fertig zu machen, ihn zu beleidigen, lügen zu erzählen.
und zwischen dir und ihm gibt es einen entscheidenden unterschied. diese ausbrüche kann man nicht beherrschen in dem moment. man hat sich nicht unter kontrolle und wenn man wieder zu sich kommt, dann weiß man, S****, da habe ich mist gebaut. und du bist so fair und übernimmst die verantwortung.
er handelt aus rache. das ist kein ausbruch. das ist absicht.
meine erfahrung ist, die meisten menschen sind einsam. auch wenn viele kontakte da sind. wir sind oft einsam, weil wir uns selbst nicht nah sind.
man kommt in eine bedürftigkeit und abhängigkeit, die lässt einen vieles hinnehmen, akzeptieren und das macht einen verletzlich. so geht es dir, wenn ich das richtig sehe.
mir ging das früher so, ich habe mich sehr schnell an menschen gehängt. schnell alle sicherheit vergessen. und auch viele erwartungen auf sie projeziert.
ich merke, das wird ein wenig einfacher. ich bin mehr bei mir angekommen und versöhnter auch mit meinem leben und es ist schön, gesellschaft zu haben, nähe auch zu haben, nur ich bin da viel unabhängiger. was kommt, kommt. wenn nicht, auch gut. damit sind dann auch die leute natürlich entspannter, weil sie merken, da sind nicht so große erwartungen, die sie nicht erfüllen können und irgendwie wird man damit nicht so angreifbar und vielleicht darum nicht so interessant für energievampire, andere ungute arten von beziehungen.
da ist nicht das schlimme. das ist die gute nachricht 🙂
du weißt es. das ist mehr als bei ganz vielen anderen menschen es der fall ist. und du arbeitest daran und versuchst dem nahe zu kommen. du kannst den zweiten schritt nicht nach dem ersten machen. nicht dein diplom bekommen fürs studium, wenn du noch nicht alle semester hast. und soziale kompetenz ist eine lebenslange lernaufgabe.
das ist logisch, dass du das an den menschen auslässt, die du am liebsten hast. das geht mir auch so und ich glaube, den meisten, die mit ihren gefühlen kämpfen. ich habe die diagnose borderline und die letzten vier jahre viel therapie gemacht und da auch in den gruppen eben viele menschen getroffen, denen es genau so geht.
das hat zwei gründe, zum einen kommen diese menschen einem sehr nah und damit sind sie am "gefährlichsten" weil sie einem wirklich sehr weh tun können, zum anderen ist man auch genau in deren gegenwart doch eher entspannt und damit merkt man es weniger, wenn die spannung ansteigt.
du sprichst von skills. hast du auch DBT gemacht?
ich kann nur sagen, ich habe viele "trigger" gefunden in meinem leben und weiß mittlerweile, was ich brauche, damit die spannung nicht so schnell steigt. ich spüre sie auch viel früher und kann rausgehen aus der situation. also passiert es nur noch selten, dass ich explodiere. und jetzt bin ich schon so gut in distanz zu mir, ich kann sogar schon in so momenten merken, etwas stimmt nicht, ich muss raus hier/weg hier.
dafür habe ich allerdings jahre gebraucht und ich bin keineswegs perfekt darin.
und meine umgebung musste da auch viel lernen. mein partner, meine familie. und die können mittlerweile viel besser umgehen mit mir. weil sie mich auch ernst nehmen, verstehen, dass mich manches eben überfordert und dann kann ich sagen: ich brauche eine pause. also gerate ich dann auch nicht mehr so sehr unter druck.
und für mich hat es etwas mit beziehung auf augenhöhe zu tun. ich bemühe mich sehr, "erwachsen zu werden" emotional gesehen und darum erwarte ich das auch von anderen, dass sie offen sind fürs wachsen. und dass sie selbst sich reflektieren können. nur solche menschen lasse ich dann auch nah an mich ran.
mein anspruch ist gestiegen. das heißt jetzt nicht, dass ich alle anderen menschen ablehne, weglaufe oder so. ich weiß nur eben meine grenze zu wahren. weil ich mich viel mehr auf mich konzentriere, achtsamer bin. sanfter auch bin.
es gehören immer zwei dazu, eine beziehung in den sand zu setzen.
und lass dir bitte nicht einreden, von niemandem, du bist nicht beziehungsfähig oder zu schwierig oder zu gefährlich oder was auch immer. so aussagen heißen ganz ganz oft, das sind leute, die selbst ihre probleme haben.
Hallo grisou,
ja, das Problem bestand definitiv darin, dass er eben der Meinung war, er könnte alles auf meine Krankheit schieben und ich glaubte, ich muss mich dafür rechtfertigen.
Wichtig zu wissen ist vielleicht noch, dass er mich nach wenigen Wochen Beziehung für eine andere verlassen hatte. Dieser Vertrauensbruch hat mich extrem belastet und das habe ich ihm auch deutlich gezeigt. Nach etwa 2 Wochen meldete er sich dann wieder bei mir und erklärte mir, er habe einen riesigen Fehler gemacht und er merkt erst jetzt, was ihm fehlt und er hat sich endgültig für mich entschieden usw. Nach langem Hin und Her nahm ich dann seine Entschuldigung an. Er redete täglich darüber, dass er ja so viele Fehler gemacht hätte, es alles bereut und sich ändern würde. Zu der Zeit wusste er schon von meinen Erkrankungen, aber es war eben kein großes Thema. Wenn ich mal darüber redete, sagte er, wir würden das zusammen schaffen und er würde sogar selbst eine Therapie machen, falls er mal nicht mehr mit meinen Problemen umzugehen weiß.
Als meine Probleme durch die Depression dann wirklich im realen Leben präsent waren, war er dann ganz anders. Er suchte überhaupt keine Schuld mehr bei sich, alle Fehler lagen bei mir. Von „wir schaffen das zusammen“ war da überhaupt keine Rede mehr. Ich musste mich täglich dafür rechtfertigen, dass ich meine Symptome nicht mit Absicht vortäusche, sondern wirklich ein Problem habe, was auch eine Therapie oder Medikamente mal nicht so eben wegzaubern können. Irgendwann hatte ich auch einfach keine Geduld mehr, was meine impulsiven Ausbrüche noch massiv verschlimmerten.
Ich habe ihn quasi mit Vertrauen zugeschüttet und er hat es mehrfach gebrochen.
Am Ende hat er dann vor unseren Freunden alles so hingestellt, als sei ich ein irrer Freak, der ihn wochenlang psychisch misshandelt und gestalkt hat und dies mit einer erfundenen Krankheit versuche zu rechtfertigen. Selbst eine „Freundin“ mit derselben Störung hat das geglaubt. Das fand ich auch sehr traurig, meine Schilderung der Tatsachen hat niemand geglaubt.
Übrigens hatte ich ihn während unserer Beziehung schon einmal damit konfrontiert, dass ich seinen Drogenkonsum ziemlich problematisch finde. Ihn hat das völlig erschrocken und er meinte, dass er das reduzieren wird. Als ich ihn dann später damit konfrontierte, war seine Reaktion die Rache. Das zeigt ja auch nur, dass er mit seinen eigenen Problemen absolut nicht umgehen kann und auch ziemlich blind dafür ist. Ein gesunder Erwachsener hätte einfach direkt seine Grenzen aufgezeigt und eben die Beziehung beendet, anstatt sich an mir zu rächen.
Da erkenne ich auch direkt wieder, dass ich mir (unbewusst) wieder einen Partner gesucht habe, der wie meine Mutter ist: unzuverlässig, ambivalentes Bindungsverhalten, reflektiert seine eigenen Probleme nicht. Meine bisherigen Partner waren alle so und ich hatte mit allen dieselben Probleme. Ich finde es ziemlich traurig, dass auch solche schädlichen internen Bindungsrepräsentationen bis ins hohe Alter in uns verankert bleiben. Man spielt seine Kindheit quasi immer wieder durch. Das tut weh.
Ja ich habe auch ziemlich lange DBT gemacht (mittlerweile kann ich das ganze Manual gefühlt auswendig). In vielen Lebensbereichen kann ich es gut anwenden, nur bei zwischenmenschlichen Beziehungen verpasse ich leider noch oft diesen Moment, an dem ich handeln muss.
Es macht mir aber viel Mut zu hören, dass du gelernt hast, damit umzugehen!
Danke für deine sehr aufschlussreiche und ausführliche Antwort.